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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.03.2005

Das Scala-Drama

Intrigen hinter den Kulissen des Mailänder Opernhauses

Von Thomas Fromm

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Blick auf die Bühne der Mailänder Scala (AP)
Blick auf die Bühne der Mailänder Scala (AP)

Erst im Dezember unter großem Beifall wieder eröffnet macht die Mailänder Scala seit Wochen Negativ-Schlagzeilen. Kompetenzgerangel zwischen dem Intendanten und seinem künstlerischen Leiter, deutliche Kritik der Musiker an der Programmplanung, Rücktritte, die später wieder zurückgenommen werden: all das macht eine kreative musikalische Zusammenarbeit unmöglich.

Es ist gerade mal drei Monate her, da war die Scala-Welt noch in Ordnung. Intendant Carlo Fontana wurde von allen gefeiert und gelobt, denn unter seiner Führung wurde die Scala nach langen Planungen renoviert, umgebaut, und modernisiert: Ein neues Bühnenhaus, eine verbesserte Akustik – die Scala war wiedergeboren, eine neue Zeit brach an – und Fontana war ganz weit oben.

Doch hinter den Kulissen soll es da schon gebrodelt haben. Fontana und sein künstlerischer Leiter Riccardo Muti wurden sich nicht einig über das Bühnenprogramm. Wenn der eine "Ja" sagte, sagte der andere – aus Prinzip – "Nein". Doch das Kompetenzwirrwar und die Intrigen hinter den Kulissen störten nicht – denn der Bühnenbetrieb lief ja weiter. Nur Insider wie dieser Geiger aus dem Scala-Orchester hörten die Dissonanzen schon damals ganz deutlich:

Orchesterangestellter: "Wir als Musiker haben große Bedenken, was das Scala-Programm betrifft. Wir verstehen nicht, wie bestimmte Programmplanungen überhaupt zustande kommen. Vor allem fragen wir uns, warum immer mehr komplette Produktions-Pakete von außen eingekauft werden? Wer bestimmt das eigentlich alles? Wer trifft hier die Entscheidungen?"

Der erste Akt: Irgendwann Anfang des Jahres kann man es auch auf den Feuilleton-Seiten der großen italienischen Tageszeitungen nachlesen: Die Stimmung in der Scala auf dem Nullpunkt, angeblich soll sogar der Stuhl von Scala-Intendant Carlo Fontana wackeln. Gestern noch ein gefeierter Held, heute in Ungnade. Mitte Februar ist es dann soweit: Hinter verschlossenen Türen berät der Scala-Verwaltungsrat über eine vorzeitige Absetzung Fontanas. Zuviel Geld soll der Theaterchef ausgegeben haben, findet Mailands Oberbürgermeister Gabriele Albertini. Immerhin klafft in den Bilanzen des Hauses ein Millionenloch. Aber – geht es wirklich nur um Geld?

Während der Scala-Verwaltungsrat über Fontanas Schicksal berät, stehen hunderte von Scala-Mitarbeitern auf der Piazzale Marino zwischen Scala-Hauptgebäude und dem Mailänder Rathaus und singen "O sole mio". Sie wollen Fontana behalten, und sie wollen vor allem Frieden in ihrem Hause. "O sole mio" - das ewige Lied über Italiens azzur-blauen Himmel soll die Scala-Herren von ihrem Plan abbringen. Noch wird friedlich gesungen. Mit dabei: Der Orchestermusiker Marco Zoni:

"Wir demonstrieren hier, weil wir nicht mehr verstehen, was an unserer Scala geschieht. Nun will der Verwaltungsrat der Scala unseren Intendanten Carlo Fontana absägen, ohne uns zu erklären, warum. Und danach sollen wir einen neuen Intendanten haben. Nein danke, der eine hier reicht uns schon. Außerdem läuft Fontanas Mandat eh in einigen Monaten aus, können wir nicht bis dahin warten?"

Doch all das Singen hilft nichts - Fontana wird gekündigt, der neue Intendant der Scala heißt Mauro Meli, gilt als Freund von Maestro Riccardo Muti, als Mann der vielen Privatsponsoren, die im Scala-Verwaltungsrat ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben – und er soll die Protektion von Ministerpräsident Silvio Berlusconi genießen. Das alles riecht nach Komplott, sagen die Kritiker. Die Mitarbeiter sind sauer, und für die Musikergewerkschaft ist klar: Nach der Nacht- und Nebelaktion des Scala-Verwaltungsrates soll es zur Eskalation kommen. Der Kraftakt zwischen einigen Scala-Managern und 800 Scala-Mitarbeitern beginnt.

Akt Nummer 2 – die Revolte. Tag für Tag stehen die Scala-Mitarbeiter nun vor ihrem Opernhaus und spielen Beerdigungsmusik – und tragen so ihr Haus zu Grabe. Zumindest symbolisch. Sie lassen es auf eine offene Konfrontation ankommen: Proben finden nicht statt, weil die Musiker nicht kommen, Premieren werden einfach platzen gelassen. Die Mitarbeiter verlangen ein klares Wort von der Geschäftsführung. So wie der Balletttänzer Gianluca Schiavone:

"Es herrscht eine riesige Konfusion. Keiner weiß mehr, wie es mit der Scala weitergehen soll. Hier wird alles hinter verschlossenen Türen eingefädelt und beschlossen, und wir stehen da und wissen von nichts. Wir wissen nicht einmal, wie die unmittelbare Zukunft der Scala aussehen soll."

An der Spitze der Scala-Rebellen steht ein entschlossener Kämpfer: Giorgio Roilo von der Mailänder Gewerkschaft CGIL. Er stellt die provozierende Frage: Wem gehört die Scala?

Giorgio Roilo: "Die Scala gehört allen. Wir wollen ja auch nicht, dass die Gewerkschaften dort die Macht übernehmen. Aber die Scala-Angestellten müssen eine stärkere Stimme bekommen: Die Musiker, die Techniker, die Bühnenarbeiter. Und wenn die Scala heute weltweit den Ruf hat, den sie hat, dann ist das auch ein Verdienst seiner Mitarbeiter."

"Wir fordern den Rücktritt des gesamten Scala-Verwaltungsrats. Eine harte Forderung, das gebe ich zu. Aber das Klima des Misstrauens, das sich zwischen den einzelnen Organen der Scala aufgebaut hat, erfordert einen radikalen Schnitt."

Der italienische Dirigent Riccardo Muti (AP Archiv)Der italienische Dirigent Riccardo Muti (AP Archiv)Ein radikaler Schnitt – dazu gehört nach Meinung der Scala-Mitarbeiter auch der Rücktritt von Riccardo Muti. Seit 18 Jahren an der Bühne, ist er längst zu einem Symbol nicht nur für den Ruhm des Hauses geworden – sondern auch für die internen Streitereien der vergangenen Monate. Doch noch ist die Zeit dafür nicht reif – Muti gilt als unantastbar. Und als großen Mozart-Experten braucht man ihn im Mozartjahr 2006 auf der Bühne der Scala.

Dritter Akt: Von Intrigen, Rücktritten und Dementi – die Scala hängt im Nebel. Am Vormittag des 16. März versammeln sich 800 Mitarbeiter der Scala im Hauptgebäude des Theaters, um den großen Schlag vorzubereiten. Am Ende dann fast einstimmig die Entscheidung: Riccardo Muti soll weg. Als eigentlichen Drahtzieher des Fontana-Rücktritts will man ihn hier nicht mehr sehen. Wie eine eitle Diva soll sich der Maestro aufgeführt haben – vor allem dann, wenn Fontana externe Stardirigenten zu Gastspielen ins Haus geholt hatte. Ein Mitarbeiter spricht während der Versammlung aus, was alle denken:

"Eines ist sakrosankt: So können wir nicht weitermachen, es ist unmöglich, noch gemeinsam Musik zu machen. Die Beziehungen zwischen Orchester und Dirigent sind krank, sehr krank."

Wenige Stunden später dann die Bombe: Muti hat seinen Rücktritt eingereicht. Alles sieht danach aus, als stünde der Scala nach ihrer spektakulären Intendantenablösung nun auch noch ein fulminanter Dirigentenwechsel bevor. Doch kurze Zeit später das Dementi der Scala: Muti bleibt.

"Ein Krimi", heißt es im italienischen Fernsehen, erst der Rücktritt, dann die Gegendarstellung. Angeblich soll Bürgermeister Albertini Mutis Rücktrittsgesuch abgelehnt haben, sogar aus Rom meldete sich der italienische Kulturminister Giuliano Urbani zu Wort: Man möge im hohen Mailand doch bitte die Arbeitsbedingungen schaffen, die Muti ein Weiterarbeiten ermöglichen. Vittorio Sgarbi, Italiens bekanntester Kunstkritiker und enfant terrible des heimischen Kulturbetriebs, nimmt kein Blatt vor den Mund:

"Mich wundert, dass sich alle um die eigentliche Wahrheit herumdrücken und keiner den Mut hat, das wirkliche Problem anzusprechen: Es geht doch nicht um Politik, es geht um die autoritäre Praxis des Herrn Muti. Der Maestro fühlt sich wie Gott auf Erden und war noch nie besonders demokratisch."

"Muti hat dem Scala-Verwaltungsrat ganz klar gesagt: Fontana oder ich. Und da er von allen wie ein großer Mythos angehimmelt wird, traut sich keiner, ihm "Nein" zu sagen."

Der vierte Akt: Statt "Finale Furioso" ein Ausgang mit ungewissem Ende. Zwei Wochen lang will sich Riccardo Muti nun Zeit nehmen, um zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Zurzeit sitzt er in seiner Wohnung in der Mailänder Via del Gesù und denkt nach. Dass er sich irgendwann wieder mit seinem Taktstock vor das Scala-Orchester stellen wird, kann sich niemand vorstellen.

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