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Sein und Streit | Beitrag vom 16.02.2020

"Das Privileg" in KarlsruheDas Leben spielt unfair

Von Constantin Hühn

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Das Ensemble des Stücks "Das Privileg" auf der Bühne. (Staatstheater Karlsruhe / Matthias Pick)
Wer hat welche Privilegien? Und warum ist das so? Die Inszenierung "Das Privileg" am Badischen Staatstheater Karlsruhe. (Staatstheater Karlsruhe / Matthias Pick)

Was sind heute Privilegien? Wie können wir sinnvoll mit ihnen umgehen? Am Karlsruher Staatstheater haben sich Laienspielerinnen und -spieler mit diesen Fragen beschäftigt – und einen kurzweiligen Theaterabend daraus gemacht.

"Wenn Ihre Familie das Haus besaß, in dem Sie aufgewachsen sind, machen Sie einen Schritt nach vorn. Wenn ein Elternteil arbeitslos war oder entlassen wurde, machen Sie einen Schritt zurück." Sechs Spielerinnen und zwei Spieler stehen auf der Bühne, wie auf einem Spielbrett oder einer Rennstrecke. "Wenn Sie in der Schule die Kultur und Geschichte Ihrer Vorfahren studiert haben, machen Sie einen Schritt nach vorn."

Unsichtbare Vorteile, ungleiches Startkapital

Vorwärts kommen die Figuren in diesem "Spiel des Lebens" aber nicht durch Würfelglück und auch nicht durch schnelle Beine, sondern je nachdem, wie sie die Fragen aus dem Off beantworten können – und also, welche "Privilegien" ihnen im Leben mitgegeben wurden. "Wenn Sie aufgrund Ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Ihres Geschlechts oder Ihrer sexuellen Ausrichtung jemals Angst vor Gewalt hatten, treten Sie zwei Schritte zurück."

Nach kurzer Zeit hat sich die Gruppe über die ganze Breite der Bühne aufgefächert: "Dies ist Ihr unsichtbarer Rucksack. Dies ist Ihr Startkapital – das Spiel des Lebens kann beginnen." Genau darum geht es an diesem Abend: Jene oft unsichtbaren Privilegien und Vorteile sichtbar zu machen, die manche von uns haben und andere nicht, und derer sich oft nur jene schmerzlich bewusst sind, die sie gerade nicht haben.

Der Abend ist ein Experiment in Selbsterfahrung, nicht nur für die Spielenden, sondern auch für das Publikum, das immer wieder eingebunden wird: "Können Sie auf die Straße gehen, ohne dass Sie regelmäßig auf Ihr Äußeres angesprochen werden? Ja? Oder nein?"

Privilegien – die Kehrseite von Diskriminierungen

Privilegien sind die andere Seite der Diskriminierungen, denen jene Menschen ausgesetzt sind, die sie nicht haben – und so kommen genau diese Ausgrenzungserfahrungen immer wieder zur Sprache, etwa wenn eine Spielerin erzählt, wie leid sie es ist, mit weißen Menschen über alltäglichen Rassismus  zu sprechen und dabei nicht ernst genommen zu werden, weshalb sie schließlich ihrer weißen Freundin das Wort überlässt:

"Ich hab das Gefühl, dass weiße, privilegierte Menschen nicht wahrhaben wollen, wie es ist, als Nicht-Weiße hier in Deutschland zu leben." Erst kürzlich erzählte sie, wie demütigend es war, als sie in der Fußgängerzone von der Polizei angehalten wurde und ihren Ausweis zeigen sollte – die Begründung war: Sie sieht aus, als ob sie klauen würde.

Zum Schluss: "Tipps für einen solidarischen Alltag"

Vor allem aber verdeutlicht der Abend immer wieder den Perspektivwechsel, den der Privilegienbegriff ermöglicht: "Wissen denn eure Eltern, dass ihr heterosexuell seid? Und eure Freunde? Und wie war das denn so, als ihr denen das erzählt habt?"

Aber nicht nur um die Sichtbarmachung von Privilegien geht es, sondern auch darum, wie man konstruktiv mit den eigenen umgehen kann. Deshalb gibt es zum Schluss für alle einen Zettel mit "Tipps für einen solidarischen Alltag", verfasst von Tupoka Ogette:

"Sprich nicht für, sondern mit Menschen, die weniger Privilegien haben als du. Nutze deine Privilegien, um Power-Sharing zu betreiben. Übernimm Verantwortung für deine Privilegien, wenn du sie erkennst – du musst dich nicht dafür entschuldigen oder dich schuldig fühlen, aber erkenne sie als Teil deiner Realität an."

"Das Privileg" 
Badisches Staatstheater Karlsruhe (Volkstheater) 
Spielleitung: Stefanie Heiner und Stephan Mahn

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