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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.07.2010

Das pragmatische weibliche Geschlecht

Petra Müller und Rainer Wieland (Hg.): "Liebesbriefe berühmter Frauen", Piper Verlag, München 2010, 9.95 Euro

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Die Revolutionärin Rosa Luxemburg - auch sie gehört zu den Liebesbriefschreiberinnen. (AP Archiv)
Die Revolutionärin Rosa Luxemburg - auch sie gehört zu den Liebesbriefschreiberinnen. (AP Archiv)

Keine übertriebene Schwärmerei: Wenn Frauen Liebesbriefe schreiben, gehen sie meist nüchterner zu Werke als Männer. Das jedenfalls lehrt diese reizende Sammlung mit Briefen von Berühmtheiten wie Rosa Luxemburg, Marie Curie oder Wallis Simpson.

Die Idee, dass Bücher aphrodisierende Wirkung haben können, wurde zuletzt in der amerikanischen Fernsehserie "Sex and the City" veranschaulicht. In einer berühmten Szene liest Carrie, eine der vier Protagonistinnen, ihrem Mr. Big aus dem Buch "Liebesbriefe großer Männer, Band I" vor, und sie liegt dabei mit ihm im Bett. Das Buch erlebte daraufhin eine überraschende Renaissance, nicht nur auf dem amerikanischen, sondern auch auf dem deutschen Buchmarkt.

Nun also die Antwort auf die Männer-Briefe, ein Band mit "Liebesbriefen berühmter Frauen". Er umfasst fünfzig Briefe, die hauptsächlich dem 19. und 20. Jahrhundert entstammen, und er vereinigt – das ist der aparte Reiz der Briefauswahl – höchst verschiedene Frauenherzen und Frauengeister zum Kanon. Es findet sich ein Brief der russischen Zarin Katharina II. an ihren Geliebten Fürst Grigori Potemkin, Briefe der Schriftstellerinnen Ingeborg Bachmann, Virginia Woolf, Rahel Levin (Varnhagen), Martha Gellhorn, Carson McCullers, der Wissenschaftlerin Marie Curie, der Revolutionärin Rosa Luxemburg, der Chansonsängerin Edith Piaf; und es findet sich neben einem Brief, den Marilyn Monroe für ihren Ehemann Joe DiMaggio zu Papier brachte, ein dramatisches Schreiben der Amerikanerin Wallis Simpson an den englischen König Edward VIII. aus dem Jahr 1936.

"Wirklich David, Darling, wenn ich Dir so sehr schade, ist es da nicht besser, ich mache mich aus dem Staub?" Mit dieser etwas lässigen Formulierung berührt Wallis Simpson den Kern einer Staatsaffäre. Der englische König muss sich zwischen seinem Amt und der bürgerlichen, geschiedenen Amerikanerin entscheiden. Edward VII. entscheidet sich bekanntlich gegen den Thron; die Amerikanerin aber hinterlässt der Nachwelt einen Brief, der in seiner Mischung aus Liebesbekenntnis und Problemerörterung beispielhaft ist.

Denn zu vorbehaltlosem Schwärmen ist keine der berühmten weiblichen Briefschreiberinnen aufgelegt. Das unterscheidet die "Liebesbriefe berühmter Frauen" von den "Liebesbriefen großer Männer". Entgegen dem Klischee, wonach das weibliche Geschlecht sentimentaler gestimmt sei als das männliche, liest sich die Korrespondenz der Briefschreiberinnen pragmatischer als die der Briefschreiber.

Den modernsten aller weiblichen Liebesbriefe verfasste wohl Ingrid Bergman. Sie schaffte es, in vier legendären Zeilen Liebesantrag und Bewerbungsschreiben zu vereinen: "Wenn Sie eine schwedische Schauspielerin gebrauchen können, die sehr gut Englisch spricht, die ihr Deutsch nicht vergessen hat, aber im Französischen nicht besonders gut zu verstehen ist und die auf Italienisch nur 'Ti amo' sagen kann, dann bin ich bereit, zu kommen und einen Film mit Ihnen zu drehen." Der Adressat des Briefes nahm beides, Liebesantrag und Bewerbung, mit Kusshand an. Ingrid Bergman wurde Ehefrau und Schauspielerin des italienischen Filmregisseurs Roberto Rosselini.

Besprochen von Ursula März

Petra Müller und Rainer Wieland (Hg.): Liebesbriefe berühmter Frauen
Piper Verlag, München 2010
207 Seiten, 9,95 Euro

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