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Interpretationen | Beitrag vom 28.02.2021

Das "Oratorium nach Bildern der Bibel" von Fanny HenselTrauer und Anmut

Gast: Cornelia Thierbach, Musikwissenschaftlerin und Museumsleiterin des Mendelssohn-Hauses in Leipzig; Moderation: Claus Fischer

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Komponieren im Gedenken an die Opfer der Epidemie: Fanny Hensels Oratorium ist Teil eines umfangreichen Schaffens (imago images / United Archives International)
Komponieren im Gedenken an die Opfer der Epidemie: Fanny Hensels Oratorium ist Teil eines umfangreichen Schaffens (imago images / United Archives International)

Enkelin, Tochter, Schwester, Ehefrau: Für Fanny Hensel lagen viele Rollen nahe, aber sie ergriff die der Komponistin. Mit einem Oratorium bewies die 26 Jahre alte Musikerin, dass sie sich vor männlicher Konkurrenz nicht verstecken musste.

Es war alles andere als leicht für Fanny Hensel geb. Mendelssohn Bartholdy, sich als Komponistin zu etablieren. Da war der Vater, der für sie – wie im 19. Jahrhundert üblich – die spätere Rolle als Ehefrau und Mutter vorgesehen hatte. Und da war der ehrgeizige Bruder Felix, mit dem sie zutiefst verbunden war, aber auch in einer unausgesprochenen Konkurrenzsituation steckte.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Umso erstaunlicher, dass Fanny Hensel (1805-1847) bereits 1831, im Alter von 26 Jahren, ein gut halbstündiges chorsinfonisches Werk geschaffen hat, die "Cantate für die Toten der Cholera-Epidemie". Überliefert ist das Werk in der Berliner Staatsbibliothek; die Handschrift hat allerdings kein Titelblatt.

Erstaunlicher Kosmos

Der Musikwissenschaftler und Bibliothekar Rudolf Elvers erfasste das Werk in der Staatsbibliothek unter dem Titel "Oratorium nach Bildern der Bibel", wohl um seine Bedeutung hervorzuheben. Und tatsächlich erschließt sich beim Hören ein musikalischer Kosmos, der einen staunen lässt.

Familie mit vielen Fähigkeiten: Im Leipziger Mendelssohn-Haus wird auch an Fanny Hensel erinnert, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys (picture alliance / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / dpa)Familie mit vielen Fähigkeiten: Im Leipziger Mendelssohn-Haus wird auch an Fanny Hensel erinnert, die Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys (picture alliance / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / dpa)

Gleichwohl hat das Werk nie die verdiente Aufmerksamkeit erfahren, wenngleich immerhin vier Aufnahmen des "Oratoriums" von Fanny Hensel existieren –  drei im Handel erhältliche Einspielungen und ein Rundfunk-Live-Mitschnitt. Im Gespräch mit der Leiterin des Museums im Leipziger Mendelssohnhaus, Cornelia Thierbach, erschließt Claus Fischer die musikalische Welt der Fanny Hensel.

Als diese Sendung Anfang März 2020 erstmals ausgestrahlt wurde, war die Corona-Pandemie bereits ein Thema, das auch ins Gespräch hineinspielte, obwohl die damals unmittelbar bevorstehenden Auswirkungen auf das Leben im Allgemeinen und die Musikwelt im Besonderen keineswegs absehbar waren. Die Auseinandersetzung mit dem unterschätzten Schaffen von Fanny Hensel lohnt sich jedenfalls auch unabhängig von diesem Hintergrund.

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