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Tonart | Beitrag vom 29.03.2018

Das Opfer in der OperSingend in den Tod

Von Uwe Friedrich

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Sterbeszene aus der Oper "Faust" von Charles Gounod. Szenenfoto aus der Inszenierung der Staatsoper Unter den Linden von Karsten Wiegand, 2009  (Monika Rittershaus)
Sterbeszene aus der Oper "Faust" von Charles Gounod. Szenenfoto aus der Inszenierung der Staatsoper Unter den Linden von Karsten Wiegand, 2009 (Monika Rittershaus)

Erstochen, vergiftet oder aufs Schafott geschickt: In der Oper wird viel gestorben und jede Art von Verbrechen treibt die Handlung zu emotionalen Höhepunkten. Aber wenn es ans Sterben geht, hat jeder Komponist so seine Vorlieben.

Wenn es so klingt wie im Finale von Gounods "Faust", geht’s ans Sterben. Harfen und Streicher, gerne auch Blechbläser, die von den strahlenden Freuden des Paradieses künden. Wenn Flöten mitspielen ist klar: Vorher wird das Opfer noch wahnsinnig. In der Regel sind es Frauen, die für die gute Sache ihr Leben lassen müssen oder einfach nicht in die brutale Männerwelt passen und deshalb beseitigt werden. Wenn die selbstbewusste Frau mit dem letzten Atemzug auch noch die Männer erlöst, sind wir bei Richard Wagner, davon später, jetzt erstmal italienische Romantik.

Hochzeit, Wahnsinn oder Tod

Recht gefasst steigt Maria Stuarda in Gaetano Donizettis gleichnamiger Oper aufs Schafott. Sie ist das Opfer der politischen Intrige Elizabeth I. und insofern eine Ausnahme. In der Regel werden Frauen in der Belcanto-Ära nämlich von Männern zur Strecke gebracht, weil sie nicht in ihre Welt passen.

Eine Collage, bestehend aus einer Frau mit geschlossenen Augen, Kreuzen und Gräbern (Illustration: imago). Davor steht der Text "Du Opfer! Wir Opfer! - Über Beleidigte und Geschädigte"

Überhaupt bleiben für Frauen in der Oper nur drei Optionen, nämlich Hochzeit, Wahnsinn und Tod. Hochzeit ist klar, alle glücklich, in diesem Zusammenhang uninteressant. Wahnsinn heißt, sie darf immerhin überleben, auch wenn sie sich aus mehr oder weniger freien Stücken aus der vernünftigen Welt verabschiedet. Wenn die Frau ermordet wird, und sei es auch nur aufgrund einer Verwechslung, sieht die Sache natürlich anders aus. Rigolettos Tochter Gilda stirbt stellvertretend für den skrupellosen Herzog. Wenn das mal kein Zeichen für die Beharrungskräfte des Patriarchats ist. Flöten sind natürlich wieder mit von der Partie, wenn Gilda ihren Mördern vergibt.

Auch tot wird noch gesungen

Jedem, der sich nun darüber lustig macht, dass Gilda noch ziemlich lange singt, nachdem sie doch erstochen wurde, sei warnend gesagt: Oper ist keine realistische Kunstform. Da wird auch nicht gesungen, weil die Protagonisten in einer emotionalen Ausnahmesituation sind, sondern es wird gesungen, eben weil es eine Oper ist. Und da wird in der Regel lange gesungen.

Sterbeszene aus der Oper "Faust" von Charles Gounod. Szenenfoto aus der Inszenierung der Staatsoper Unter den Linden von Karsten Wiegand, 2009  (Monika Rittershaus)Sterbeszene aus der Oper "Faust" von Charles Gounod. Szenenfoto aus der Inszenierung der Staatsoper Unter den Linden von Karsten Wiegand, 2009 (Monika Rittershaus)

Übrigens stirbt es sich oft gar nicht so schnell. Gustav III. von Schweden starb erst zwei Wochen nach dem Attentat auf einem Maskenball, da bietet die fünfminütige Tenorarie bei Verdi schon eine arg verknappte Version.

Die letzte gute Tat

Damit kommen wir endlich zu Richard Wagner, wie versprochen. Bei ihm haben die Frauen zusätzlich zum Sterben die aparte Aufgabe, mit ihrem letzten Atemzug auch noch die schuldbehaftete Männerwelt zu erlösen. Im Grunde wird die Frau hier wieder von den Männern instrumentalisiert. Sie hat nochmal was Gutes getan, ist aber leider tot.

Bedauerlicherweise bleibt Wagner etwas undeutlich, wie das mit der Erlösung genau funktioniert. Dass sich aber jemand dafür opfern muss, ist klar, wonnige Lustschauer beim Publikum sind ausdrücklich erwünscht. Sublimiert natürlich, die Tage der italienischen Buffooper mit ihrer sexuellen Libertinage sind Ende des 19. Jahrhunderts unwiederbringlich vorbei. In der bürgerlichen Gesellschaft wird aufgeräumt und aussortiert. Wer in diese kleine Welt nicht reinpasst, muss weg, das gilt bis heute. Wohin diese verhängnisvolle Mischung aus Ehrpusseligkeit und Rücksichtslosigkeit führt, hat Bernd Alois Zimmermann 1965 in seinen "Soldaten" gezeigt: Die Welt versinkt im Krieg und alle werden zu Opfern.

Tonart

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