Seit 08:50 Uhr Buchkritik
Freitag, 23.10.2020
 
Seit 08:50 Uhr Buchkritik

Rang I | Beitrag vom 05.09.2020

"Das Neue Evangelium" bei den FilmfestspielenMilo Raus radikaler Blick auf die Bibel

Von Dorothea Marcus

Beitrag hören Podcast abonnieren
Milo Raus "Die Revolte der Würde" (Kampagne) und "Das Neue Evangelium" (Performance und Film): Milo Rau (stehend im schwarzen T-Shirt) probt mit Jesus (Yavn Sagnet, Mitte mit Flasche) und seinen Aposteln die Filmszene "das letzte Abendmahl" (Fotograf / Copyright: Armin Smailovic)
Das Abendmahl - Jesus und seine Jünger, neu interpretiert und gefilmt von Milo Rau in "Das Neue Evangelium". (Fotograf / Copyright: Armin Smailovic)

Wenn Theaterregisseur Milo Rau das Neue Evangelium verfilmt, ist eine radikale Neuinterpretation zu erwarten. Die zwölf Apostel sind Kleinbauern, Ex-Prostituierte und Geflüchtete, sein Jesus eine Schwarzer Aktivist. Unsere Autorin hat die Dreharbeiten besucht.

"Camera? Azzione! Barabba – o Christo? Barabba! Barabba! Quaso fatto di male?"

Azzione, ruft Milo Rau. Showdown von Pontius Pilatus und Jesus, vor der romanischen Kirche San Pietro Caveoso mitten in der lieblichen Architektur von Matera. Pontius Pilatus fragt im historischen Römerornat, wen das Volk freilassen will: Barabbas oder Christus?

Für wen sich die aufgeheizte Menge entscheidet, ist bekannt. Die Statisten machen rassistische Affengeräusche, als der schwarze Jesus blutend auf den Platz gestoßen wird.

Das Wort der Bibel

Die erste Szene ist im Kasten, gedreht inmitten von Tagestouristen der Kulturhauptstadt Matera. Dass Handys und Sonnenbrillen mit im Bild sind, ist gewollt. Dass sie sich nicht von den Rassisten abgrenzen, vielleicht einkalkuliert.

"Ein schwarzer Jesus lockt die Migranten zu uns", schrieb Tage zuvor die rechte Tageszeitung "La Verità". "Könnten Migranten tatsächlich über Wasser gehen, hätten wir ein echtes Problem."

"Als ich hierher kam, hab ich die Lager entdeckt. Und plötzlich habe ich gemerkt: Wenn ich hier einen Jesus-Film mache, werde ich das Wort, aber nicht den Inhalt der Bibel verfilmen. Es gibt ja hier eine andere Sozialrevolution. Dann hab ich begonnen, einen Jesus zu suchen, Yvan Sagnet, einen Aktivisten, und auch von ihm war klar: Das kann man schon machen, so einen Film, aber dann muss es ja irgendeinen Sinn haben, der über die Verfilmung der Schrift hinausgeht", erzählt Regisseur Milo Rau kurz nach dem Drehtag.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Seine Neuverfilmung des Evangeliums besteht aus zwei Teilen: Der eine, in historisch wirkender Kulisse, ist dem legendären Evangelium-Film von Pier Paolo Pasolini nachempfunden, gedreht ebenfalls in Matera im Jahr 1963. Der andere Teil bezieht Jesu Werk und das seiner Apostel radikal auf die Gegenwart.

Ausbeutung auf Tomatenplantagen

Denn nur wenige Kilometer entfernt von der europäischen Kulturhauptstadt Matera gibt es verdeckte Parallelgesellschaften, Milo Rau nennt das den "Kreislauf der Gewalt": Schwarze Migranten arbeiten hier unter unwürdigen, von der Mafia gesteuerten Bedingungen auf Tomatenplantagen für die Versorgung der gesundheitsbewussten Europäer. Yvan Sagnet, der Jesus-Darsteller, hat einst selbst dort gearbeitet. Seit zehn Jahren kämpft er für ihre Rechte.

Theaterregisseur Milo Rau. (imago images / Sabine Gudath)Theaterregisseur Milo Rau legt den Finger auf gesellschaftliche Wunden. In Venedig ist jetzt sein Film "Das Neue Evangelium" zu sehen. (imago images / Sabine Gudath)

"Als ich dort ankam, habe ich wilde Camps entdeckt. Baracken aus Plastikplanen, ein System der Ausbeutung und totalen Kontrolle und hab' mich gefragt: Bin ich wirklich in Italien? Sie zahlen dir einen Euro in der Stunde, du arbeitest zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag", berichtet Sagnet. "Die Carporale, die Arbeitsvermittler, sind die Mafia und arbeiten für die Farmer. Für mich war das untolerierbar, das hat die menschliche Würde verletzt. Nach einigen Tagen habe ich einen großen Streik organisiert, für echte Verträge und würdige Bedingungen. Wir waren etwa 1000 Personen. Dieser Streik war der erste Streik der migrantischen Arbeiter in Italien."

Matschiger Mikrokosmos des Elends

Mit Yvan Sagnet gemeinsam habe ich nach den Dreharbeiten sogar die Möglichkeit, eines der größten Ghettos selbst zu besuchen: Rignano, etwa 180 Kilometer von Matera entfernt, bei San Severo in der Provinz Foggia. Das Aufnahmegerät, sagt Sagnet, muss versteckt werden. Es ist ein matschiger Mikrokosmos des Elends, nur eine halbe Stunde vom Mittelmeer entfernt. Reifen kokeln, Hütten aus Plastikfolie und Pressholz, verfallene Hausruinen, Wege aus Schlamm. An vielen Ecken improvisierte Bars, Männergruppen. 

"Da seht ihrs mit euren eigenen Augen: Und das hier ist Italien!"

Eine Filmszene zeigt Yvan Sagnet der als schwarzer Jesus über das Wasser wandelt.  (Fruitmar-ket / Langfilm / Videostill von Thomas Eirich-Schneider)Yvan Sagnet wandelt als Jesus über das Wasser. (Fruitmar-ket / Langfilm / Videostill von Thomas Eirich-Schneider)

Es könnte wohl kaum einen besseren Jesus geben für Milo Rau als den sanften Kameruner, der mit seiner selbstgegründeten NGO zwischen Todesdrohung und Ehrenmedaille in Italien schon vieles erlebt hat. Nur logisch, dass "seine" zwölf Apostel hier Aktivisten und Kleinbauern, Ex-Prostituierte und Geflüchtete sind.

"Wir sind die Feinde der Kriminellen"

Während der Dreharbeiten haben sie sich vernetzt. Petrus etwa wird von Mbaye gespielt, 52 Jahre alt, aus dem Senegal. Er leitet die Casa Sankara in San Seveso, die vielen Hundert Landarbeitern Unterkunft und Beratung anbietet.

Mbaye sagt: "Der Film hat uns zusammengebracht. Gerade gestern hatten wir ein Treffen: Vito, der einzige Italiener unter den Aposteln, plant als Bauer eine Kooperative mit fair gehandeltem Gemüse, sogar afrikanische Sorten. Das gefällt den Carporale natürlich nicht, wir werden bedroht. Aber – wir sind die Feinde der Kriminellen."

Zur Filmpremiere nach Venedig kommen sie nun alle wieder zusammen. Milo Raus filmische Kunstvermischung aus Fiktion, Dokumentation und politischem Aktivismus soll auch Solidarität schaffen in einem System, das von Vereinzelung profitiert.

Hören Sie auch das Gespräch mit Regisseur Milo Rau in "Studio 9":

Bei den Vorbereitungen für seinen Film habe er rund um Matera diese vielen Flüchtlingslager entdeckt, sagt Milo Rau. Tausende von Menschen würden dort von der Mafia in die Illegalität getrieben und auf Tomatenfeldern ausgebeutet. Für ihn sei klar gewesen: "Wenn ich heute einen Passionsfilm machen will, dann kann ich nicht nur die Geschichte erzählen, ich muss auch den Inhalt transformieren." (gem)

Voraussichtlich ab Dezember soll der Film in den deutschen Kinos zu sehen sein. 

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur