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Tonart | Beitrag vom 06.11.2017

Das muss man gehört haben … oder auch nichtBoxen-Stopp

Von Rainer Pöllmann

Der italienische Dirigent Claudio Abbado (picture-alliance / dpa/Eddy Risch)
Der italienische Dirigent Claudio Abbado (picture-alliance / dpa/Eddy Risch)

60 CDs von Claudio Abbado oder gleich 330 CDs von Herbert von Karajan - die Musikverlage bringen umfassende Editionen und Gesamtausgaben heraus. Ob sich ein Kauf lohnt, das verrät unser Musikredakteur Rainer Pöllmann.

War Claudio Abbado eher ein Dirigent für das symphonische Repertoire? Oder einer für die Oper? Ruhm und geradezu weihevolle Verehrung wird heute, knapp vier Jahre nach seinem Tod, vor allem dem Orchesterdirigenten Abbado zuteil. Dass er auch ein herausragender Operndirigent war, wird aber niemand bestreiten. Und es ist jetzt auch in vollem Umfang nachzuhören. Nach der "Symphonie-Edition"  ist bei der Deutschen Grammophon die "Claudio Abbado Opern Edition" erschienen.

60 CDs, 20 Opern als Gesamtaufnahmen, dazu diverse Ouvertüren und Arien. Da findet sich Beethovens "Fidelio" und Wagners "Lohengrin", aber auch "Wozzeck" und "Pelleas et Melisande". Vor allem aber dreimal Mozart, viermal Rossini und fünfmal Verdi.

Die Plattenfirma nennt sicherheitshalber schon einmal selbst zwei Highlights: die "Zauberflöte" von 2005 und "Don Giovanni" von 1997. Ich möchte den Lorbeer lieber an die Rossini-Aufnahmen vergeben.

Die Aufnahmen stammen schon aus den 70er- und 80er-Jahren, aber nach wie vor mitreißend. Wie Abbado die Balance zwischen durchgeknallter Komödien-Rasanz und kompositorischer Raffinesse schafft, das ist wirklich grandios. Abbado nimmt Rossini als Komponist ernst, seine Sängerinnen und Sänger (Agnes Baltsa, Teresa Berganza und viele andere) sind fantastisch. Damals legten diese Aufnahmen den Grundstock für eine ganz neue Sicht auf Rossini. Aber auch heute sind sie nicht historisch bedeutsam, sondern in Vielem Referenz-Aufnahmen.

60 CDs in einer dicken Box. Schade, dass man jene Opern, die es auch auf Video gibt, nicht auch auf DVD dazugepackt hat. Für ausführliche Essays oder gar die Libretti blieb ebenfalls kein Platz. Das ist bei den Opern noch etwas bedauerlicher als bei den Sinfonien, aber es nachvollziehbar. Der Wackerstein aus 60CDs hat einen ziemlich attraktiven Preis.

Der ganze Karajan

Wenn die Abbado Opern-Edition mit 60 CDs ein Wackerstein, dann ist das hier eine ganze Steinmauer. "The Complete Recordings on Deutsche Grammophon and Decca" – das ist die neueste Runde im niemals versiegenden Veröffentlichungsreigen von Karajan-Editionen. Zu Lebzeiten war er der unbestrittene Herrscher über die Schallplatte. Nach seinem Tod gab es eine Delle, aber längst ist er wieder da. Mal gibt es alle seine Sinfonie-Aufnahmen in einer Box, dann wieder aufgeteilt auf die einzelnen Komponisten, mal wurden seine vielen Einspielungen nach Genres sortiert, dann wieder nach Jahrzehnten – sämtliche Kombinationsmöglichkeiten wurden wohl schon durchgespielt. Aber jetzt, 28 Jahre nach Karajans Tod, holt die Deutsche Grammophon zum finalen Schlag aus: 356 Scheiben: 330 CDs, 24 DVDs und zwei Blu-ray Audios umfasst diese Gesamtausgabe. Wobei man nicht vergessen darf, dass die größte, aber nicht einzige Karajan-Edition bei der Konkurrenz auch noch einmal 101 CDs schwer ist.

Da ist Herausragendes darunter: der "Rosenkavalier" von Richard Strauss zum Beispiel, Puccinis "La Boheme" mit Mirella Freni, die frühe Beethoven-Sinfonien-Einspielung oder die Tschaikowsky-Sinfonien. Und gibt es natürlich auch jede Menge Aufnahmen, die dem Klischee von Karajan als Oberflächen-Politeur recht geben.

Wer soll das hören? Beziehungsweise, anders herum gefragt: Wer aus der potenziellen Käuferschicht hat nicht schon längst diese Aufnahmen? Die alle schon einmal veröffentlicht wurden. Einmal? Ach was! Schon x-fach.

Wenn die Abbado-Opern-Edition eine super Gelegenheit ist, zu günstigem Preis an tolle Aufnahmen heranzukommen, dann ist die Karajan-Edition das Musterbeispiel dafür, wie man die preisgünstige Backkatalog-Verwertung auch ins Absurde treiben kann.

Eine Wiederentdeckung: Jorge Bolet

Deshalb zum Schluss noch ein gelungenes Gegenbeispiel: der Pianist Jorge Bolet. Ein wunderbarer, klangsensibler und zugleich unglaublich bodenständiger Pianist. Einen Exklusiv-Vertrag bei der Decca bekam er erst im Alter von 64 Jahren. Das war 1978. Aus den Jahren 1962 bis 1973 stammen Aufnahmen, die Jorge Bolet bei RIAS Berlin aufgenommen hat und die sich in unserem Archiv befanden. Beim Label Audite sind sie nun veröffentlicht worden, sorgfältig und aufwändig remastered. Sie zeigen einen Pianisten, der zu Unrecht im Schatten der großen Stars steht. Eine Wiederentdeckung.

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