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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.11.2007

Das Leben und Versagen Furtwänglers

Eberhard Straub: “Die Furtwänglers“, Siedler Verlag 2007, 352 Seiten

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Der Dirigent Wilhelm Furtwängler während einer Pressekonferenze in London 1948. (AP)
Der Dirigent Wilhelm Furtwängler während einer Pressekonferenze in London 1948. (AP)

Bauern und Bildungsbürger, Künstler und Bohemiens haben sich in der Familie Furtwängler wiedergefunden. Am bekanntesten ist jedoch nach wie vor der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der sich mit dem Nazi-Regime gemein machte. Der Autor Eberhard Straub recherchierte in "Die Furtwänglers" die Biografie des Star-Dirigenten und erzählt - am Rande - die Geschichte der Familie.

Eigentlich ist der Titel eine Mogelpackung: Um die Furtwänglers geht es Eberhard Straub gar nicht. Und wenn wir ehrlich sind: Die meisten von uns würden, spontan danach gefragt, ohnehin nur zwei aus dieser Familie kennen: Wilhelm Furtwängler, den Dirigenten, und Maria Furtwängler, die Schauspielerin. Das wäre Grund genug gewesen, die Geschichte einer "deutschen Familie", wie der Untertitel es sagt, genau nachzuzeichnen. Und der auf der Innenseite des Buches abgedruckte Stammbaum suggeriert das auch.

Zwar kommen die Altvorderen der Furtwänglers vor, aber deren Leben ist wie ein vielstimmiger, leise summender Chor unter das Stück gelegt, das Autor Straub uns eigentlich vorspielen will: Das vom Leben und Versagen des Wilhelm Furtwängler.

Und das macht er denn auch furios, wenn es ihn auch immer mal wieder wegträgt, als müsste er so schreiben, wie die Opern und Konzerte waren, die Furtwängler am besten dirigieren konnte: die großen, die tragischen, die heldenhaften. Nicht Lehar, sondern Wagner. Und das klingt dann manchmal ziemlich überladen, dass man kurz ärgerlich werden könnte oder denkt: Geht es nicht eine Nummer kleiner?

Offenbar hat sich Straub da hinreißen lassen, wie er auch manchmal sehr den Einser-Absolventen herauskehrt, den Musterschüler, der er, wenn man auf seiner Internet-Seite nachschaut, eben selber war.

Eberhard Straub: "Die Furtwänglers" (Siedler Verlag)Eberhard Straub: "Die Furtwänglers" (Siedler Verlag)Was er aber mit unglaublicher Genauigkeit und Präzision macht, ist die Biografie des Bürgers Wilhelm Furtwängler aufzublättern: die eines Frauenhelden und großen Verführers, eines kleinen Feiglings und Egoisten, eines selbstgerechten Heuchlers, gescheiterten Komponisten und genialen Dirigenten, der fast alles dafür tat, selber im Licht zu stehen. Er schreckte weder davor zurück, Konkurrenten wie Herbert von Karajan bei den Nazigrößen anzuschwärzen, um sie beiseitezudrängen, noch für damalige Zeiten astronomische Gagen zu kassieren, mit denen auch er sein flatterhaftes Liebesleben mit wechselnden Geliebten finanzierte.

Wilhelm Furtwängler, den Thomas Mann immer als "Furchtwängler" verspottete, hat sich mit den Nazis nicht nur gemein gemacht, er hat sie für sich genutzt und wunderbar von ihnen profitiert. Und das, obwohl er von 1935 an fast nur außerhalb Deutschlands lebte, ab 1944 im schweizerischen Luzern.

Dass er nach dem Krieg versuchte, sich die Maske des Biedermanns überzuziehen und seine Anbiederei als Kniefall vor dem eigenen Orchester, als Rettungsversuch der Berliner Philharmonikern darzustellen, wird von Straub denn auch als schlichte Lüge entlarvt. Ja, Furtwängler hat Juden geholfen, aber ansonsten wohl vor allem an sich gedacht. Das allein ist nicht verwerflich, wenn nicht versucht hätte, all das "in fast metaphysische Zusammenhänge zu rücken und seine Mitarbeit als Widerstand zu deklarieren in Verantwortung für das ewige Deutschland, wie es sich in seiner unsterblichen Musik äußerte".

Nebenbei erfahren wir zudem, dass er nicht, wie man das erwarten könnte, die Berliner Philharmoniker am meisten mochte, sondern eben die in Wien viel mehr schätzte.

Dass Furtwängler überall auf der Welt als Dirigent präsent und bekannt war, hat zu seinem Ruhm beigetragen. Dass an seinem Versagen in der NS-Zeit die ganze bürgerliche Idee von Bildung schuld sei, die dafür sorgte, dass man sich von der politischen Realität abwendet und damit Gefahr laufe "sittlich zu verwahrlosen", wie es Straub formuliert, ist zu bezweifeln. Furtwängler entlastet diese These nicht. Dass der große Dirigent eben doch kein großartiger Mensch war, dieses Etikett bleibt wie Pech an ihm haften.

Rezensiert von Liane von Billerbeck

Eberhard Straub: Die Furtwänglers. Geschichte einer deutschen Familie
Siedler Verlag 2007
352 Seiten, 24,95 Euro

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