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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 20.03.2020

Das Leben nach dem Erfolg Wenn Yael Naim die Augen schließt

Von Luigi Lauer

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Das Bild zeigt die israelische Sängerin Yael Naim auf der Bühne. (picture alliance / dpa / abaca / Nasser Berzane)
Die Sängerin Yael Naim wurde mit einem Song bekannt - und hat danach entspannt weiter Musik gemacht. (picture alliance / dpa / abaca / Nasser Berzane)

Zwölf Jahre ist es her, dass Yael Naim den Coup ihres Lebens landete. Über Nacht wurde einer ihrer Songs – und damit sie – weltweit bekannt. Doch darauf hat sie sich nicht ausgeruht. Nun erscheint ihr neuestes Album "Nightsongs".

3 Minuten 45 Sekunden – für einen Pop-Song eine normale Länge, für eine Werbung entschieden zu lang. Auf ganze 30 Sekunden hatte ein Computerhersteller das Stückchen "New Soul" von Yael Naim eingedampft, um damit für seinen neuen Laptop zu werben. Doch die genügten, um es weltweit bekannt zu machen.

"Das Lied kam mir zufällig in den Kopf, ganz spontan, aber es ist schon sehr symbolisch, dass es das letzte Lied war, das mir für das Album einfiel. Es war aber auch dasjenige, das schließlich alles auf den Kopf stellte. Man sitzt da, macht etwas, nur für sich; keine Erwartung, keine Plattenfirma, nichts, du hast einfach Spaß daran, und plötzlich ..."

Das Album bestand überwiegend aus Liedern mit hebräischen Texten. Am Ende aber machte das englische "New Soul" das Rennen.

Im Märchen von der jungen Prinzessin, die im Glücksbrunnen ein Lied aus purem Gold findet, wollte Yael Naim nicht länger mitspielen. Dabei hat sie als erfolgreiche Musical-Sängerin durchaus Erfahrung mit fantasievollen Stoffen und war auch schon als Filmmusikkomponistin in Erscheinung getreten. Einen Ausverkauf ihrer Existenz verhinderte aber nicht sie, sondern ihr Produzent David Donatien.

"Die Frage war: Nutzen wir die gewonnene Freiheit, uns zurückzulehnen und entspannt weiter Musik zu machen, oder wollen wir den Erfolg wieder und wieder erreichen und uns in eine mögliche Erfolgsabhängigkeit begeben? David war der schlauere von uns beiden und sagte, genieße dein Leben und mache deine Musik! Vielleicht stellt sich weiterer Erfolg ein, vielleicht nicht. So ist es dann halt."

Leben in der anderen Welt

David Donatien, inzwischen auch Ehemann von Yael Naim, hat auch die nächsten drei Alben produziert. Ein zweiter Ohrwurm gelang nicht, dafür grundsolide Alben mit vielen durchaus nachdenklichen Liedern. Das gilt auch für die neue CD "Nightsongs".

"Nightsongs war anfänglich nur ein Gefühl. Natürlich schreibe ich oft nachts, wenn alles ruhig ist. Für mich hat Schreiben viel mit einer anderen Welt, einem anderen Zustand zu tun, mit dem Unbewussten. Das geht nachts besser. Und es ist intensiver verbunden mit dem, was wir nicht sehen. Wenn man die Augen schließt, schärfen sich andere Sinne. Die reduzierte visuelle Wahrnehmung steigert die Gefühlswelt, man hört auch anders, beobachtet anders. Mit diesem Gefühl fing es an."

Lieder, komponiert mit geschlossenen Augen?

"Das kann schon vorkommen! Aber die Regel war es nicht."

Für "Nightsongs" hat Yael Naim die Musik dieses Mal fast alleine produziert. Früher hätte sie sich das nicht getraut. Und, wie war es, das erste Mal?

"Ebenso hinreißend wie anstrengend! Plötzlich gab es keine Diskussionen mehr, was man wie wo vielleicht anders machen sollte. Geschmäcker sind nun einmal unterschiedlich. Ich habe in aller Ruhe und Ausgeglichenheit meine Musik gemacht und habe alles weitgehend selber hinbekommen. Erst beim Mix brauchte ich Hilfe, denn der ist ein Alptraum. Man muss sehr schnell gravierende Entscheidungen treffen, man muss den Deckel auf etwas setzen, an dem man Jahre gearbeitet hat. Da habe ich tatsächlich jemanden vermisst, der mir möglichst nahe steht. Und das war, klar, David, ich habe ihn geholt, und sein Feedback war in der Tat sehr wertvoll. Und das lief perfekt, ich habe es genossen."

Autonomie am Strand

Geboren ist die 42-jährige Nael Yaim in Frankreich als Tochter tunesisch-jüdischer Eltern. Mit vier Jahren kam sie nach Tel Aviv.

"An Wochenenden fuhren wir an den Strand, die Schule endete mittags, die Nachbarschaft war überschaubar und sicher, sodass wir Kinder draußen spielen konnten. Es war zudem eine Art Autonomie, die es in Europa kaum gibt. Da muss man für alles erst die Eltern fragen, die überall dabei sein wollen, aber nicht können, weil sie viel zu beschäftigt sind. Und Kinder sollen sich am besten schriftlich verabreden, wenn sie gemeinsam spielen wollen, mit Kopie der Nachricht an die Eltern."

Die vielen jungen Menschen, die kreativ und energiegeladen auch mit schwierigen ökonomisch-politischen Bedingungen umgingen, hätten sie ebenso beeindruckt. Und Paris?

"Was ich dort wirklich liebe, ist die größere kulturelle Vielfalt, während die Menschen nicht so aufdringlich sind. Man kann leben, wie man will, heiraten, wen man will, glauben, was man will. In Israel wirst du als erstes gefragt, ob du verheiratet bist, wieviel du verdienst, wie viele Kinder du hast, oder warum du nicht verheiratet bist. Mir geht es entschieden zu weit, wenn mich das Leute fragen, mit denen ich nicht befreundet bin."

Am Sonntag, den 22. März, um 16 Uhr wird Yael Naim in ihrem Pariser Zuhause ein kleines Releasekonzert spielen und es live auf Instagram streamen.

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