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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.03.2013

Das Leben ist als Lauge schön

Thomas Melles Kammerspiel "Aus euren Blicken bau ich mir ein Haus" in Wuppertal

Von Stefan Keim

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Der Wunsch nach einem Kind setzt das Drama in Gang und gerät in Thomas Melles neuem Stück zur Perversion. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Der Wunsch nach einem Kind setzt das Drama in Gang und gerät in Thomas Melles neuem Stück zur Perversion. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Ein schwules Paar, eine psychisch instabile Nachbarin, eine Schwangerschaft und ein Kind - Thomas Melle beschreibt in seinem neuen Stück eine tiefe Verunsicherung, aus der die Flucht in konservative Lebensformen keinen Ausweg bietet. In Wuppertal gibt es eine packende Uraufführung zu sehen.

Durch die Großstadt zu taumeln, von einem Kick zum nächsten, haben Birger und Kevin satt. Das schwule Paar hat es sich an der Peripherie gemütlich gemacht. Finanzielle Sorgen haben sie nicht, Birger ist Sohn eines reichen Fleischers und Kevin ein Filetstückchen der Rasse Mensch, fast fettfrei, appetitlich, mit guten Manieren, ein Dorian Gray. Doch etwas fehlt den beiden, deshalb schauen sie ständig aus dem Fenster. Und entdecken gegenüber eine Frau, die ein Haus baut, auf deren Baustelle es aber nicht voran geht. "Aus euren Blicken bau ich mir ein Haus" ist eine Weiterführung von Thomas Melles Erfolgsroman "Sickster". Wieder geht es um die Suche nach Lebensentwürfen, eine gewissenlose Gier nach einem sicheren Platz im Leben. Doch diesmal am Rande der Metropole, im bürgerlichen Speckgürtel.

Die beiden Männer wollen ein Kind, die psychisch instabile Dorte beginnt mit ihnen eine Dreiecksbeziehung und wird schwanger. Doch als sie einen manischen Schub erleidet, wird deutlich, dass Birger und Kevin sie nie dauerhaft in ihr Leben lassen wollten. Dorte bringt das Kind zur Welt und wird abgeschoben, in die Psychiatrie, das Sorgerecht bekommt Vater Kevin. Doch sie kehrt zurück, gesund, sagt sie, aber voller Zorn und Trauer.

Diese Geschichte ließe sich als effektvolle Mischung aus Edelboulevard und Psychothriller erzählen. Thomas Melles Stück hat auch einen entsprechenden Spannungsbogen, geht aber sprachlich weit über das Unterhaltungstheater hinaus. Es gibt starke Monologe, in denen die Gedanken pointiert zugespitzt werden. Keine Säure mehr, nichts Ätzendes, will Birger, der ältere der beiden Männer: "Das Leben ist als Lauge schön." Und Dorte entwirft eine heftige, blutspritzende Rachefantasie, die mit der knochenbrecherharten Wucht eines guten Splatterfilms fast unerträgliche Bilder in die Köpfe der Zuschauer projiziert. Die Vorstellung, wie sie ihr eigenes Kind tötet, ist – im positiven Sinne – schwer erträglich. Der unbedingte Wille zur Familie gerät beim Männerpaar zur Perversion, die Ausgrenzung der Frau ist pure Brutalität. Der bürgerliche Lebensentwurf gebiert Ungeheuer.

Diese politische Dimension trägt weder Autor Thomas Melle noch die Inszenierung von Eike Hannemann plakativ vor sich her. Sie entsteht durch sprachliche und spielerische Präzision. Die Schauspieler haben dabei eine schwierige Aufgabe. Sie dürfen nicht eindeutig psychologisch spielen, sonst käme die konzentrierte, stilisierte Sprache nicht zur Geltung. Doch eine zu große Abstraktion funktioniert auch nicht, weil dann der Bezug zum Leben fehlt. Ann-Catherine Studer, Jakob Walser und Lutz Wessel spielen stets auf dem schmalen Grat zwischen Identifikation und nachdenklichem Staunen über die eigenen Gedanken und Empfindungen. Sie scheinen manchmal selbst nicht glauben zu können, welche Formulierungen aus ihnen heraus schießen. Und weil sie sich selbst nicht vertrauen, finden sie auch keine tiefere Beziehung zu den anderen. Thomas Melle beschreibt eine tiefe Verunsicherung, aus der die Flucht in konservative Lebensformen keinen Ausweg bietet.

Das Bühnenbild Birgit Stoessels wirkt auf den ersten Blick etwas grobschlächtig. Das schwule Paar sitzt in eleganten Pyjamas auf einem Sofa, das mit dem gleichen kitschigen Blümchenmuster bespannt ist wie die Tapeten. Während Dorte nebenan vor einem kahlen Holzgerüst inmitten einer Baustelle sitzt. Doch dieses Bild erlaubt interessante Parallelaktionen und viel Spiel ohne Text. Außerdem ist es ein optischer Clou, wenn Birger und Kevin Hausfragment nebenan abreißen und das Gerüst einfach zu sich bringen und als durchsichtige Vorderwand verwenden. Sie nehmen Dorte wirklich alles weg und bauen damit ihr eigenes Leben weiter. Doch auch diese Konstruktion ist sehr, sehr wackelig. Ein ausgezeichnetes Stück, geeignet für jede Kammerspielbühne, eine packende Uraufführung mit hervorragenden Schauspielern.

Informationen der Wuppertaler Bühnen

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