Seit 08:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 21.04.2019
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.05.2011

Das Leben – ein einziger Stresstest

Ein Modewort macht Karriere

Von Reinhard Mohr

Podcast abonnieren
Populär wurde der rhetorische Rettungsanker für alle Fälle in der Finanzkrise. (AP)
Populär wurde der rhetorische Rettungsanker für alle Fälle in der Finanzkrise. (AP)

Der "Stresstest" ist ein Neologismus, der aus jeder dramatischen, gar tragischen oder katastrophalen Situation eine TÜV-kompatible Prüfung macht. Ein pseudowissenschaftliches Verfahren, mit dem das Böse im Zeichen scheinbar objektiver Erkenntnisse gebannt werden soll.

Manchmal verändern Worte eben doch die Sache, um die es geht. "Burn-Out" ist so ein Wort. Wer noch keinen richtigen "Burn-Out" hatte, so die Faustregel, der kennt das Leben nicht. Denn nur Menschen, die für etwas brennen, gehören zur Klasse der Erfolgsmenschen, die Anspruch auf einen "Burn-Out" haben. In der vom braun gebrannten oberbayerischen Klinikchef verordneten "Auszeit" wird dann der fällige Bestseller geschrieben: "Brief an mein Leben – Erfahrungen mit meinem Burn-Out". Danach geht’s in die Talkshows, wo man reihum betroffen fragt: "Und Sie, hatten Sie auch schon mal einen Burn-Out?" Wehe dem, der da nicht mithalten und nur Rückenschmerz, Kopfweh oder Frühjahrsmüdigkeit vorweisen kann.

Inzwischen macht ein neues Zauberwort die Runde, das bis vor kurzem nur Eingeweihten bekannt war. Es schillert auf eigentümliche Weise, und keiner weiß genau, was es konkret bedeutet, obwohl man dunkel ahnt, worum es gehen könnte. Aber dass es sich um staatswichtige Angelegenheiten handelt, zeigt schon die Tatsache, dass Politiker das Wort immer öfter in den Mund nehmen: "Stresstest". Immer häufiger nun muss ein "Stresstest" her, wenn es politisch hakt. Hieß es früher: "Wenn Du nicht mehr weiter weißt, dann gründe einen Arbeitskreis!", so lautet die aktuelle Parole:

"Hängt die Sache fest, mach‘ den Stresstest!"

Populär wurde der rhetorische Rettungsanker für alle Fälle in der Finanzkrise, als das ganze Bankensystem in Gefahr geriet. Um ihre Belastungsfähigkeit zu testen, unterwarf man die Banken jenem ominösen Stresstest, der im Kern eine Simulation von Risikofaktoren im Kontext der Gewinn- und Verlusterwartungen ist. Klingt eigentlich ganz einfach und tut, im Unterschied zum bekannten "Crashtest", auch niemandem weh.

Was immer im Einzelnen herauskam: Es wirkte beruhigend. Hier und da einen Parameter verschoben oder relativiert, und schon sah das Ganze gar nicht mehr so schlimm aus. Als der österreichisch-kanadische Arzt Hans Selye 1936 den "Stress" wissenschaftlich entdeckte, formulierte er, Stress sei "eine unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung", eine Art Materialermüdung der Seele, die, unter Druck geraten, sich Luft verschaffen müsse.

An die virtuelle Materialermüdung von Zertifikaten und Derivaten hat er dabei wohl nicht gedacht. Doch der Stresstest ist selbst ein Derivat, ein Neologismus, der aus jeder dramatischen, gar tragischen oder katastrophalen Situation eine TÜV-kompatible Prüfung macht, ein pseudowissenschaftliches Verfahren, mit dem das Böse im Zeichen scheinbar objektiver Erkenntnisse gebannt werden soll. Wenn man die japanische Erdbeben- und Atomkatastrophe als "Stresstest" bezeichnen würde, wäre man ein Zyniker. Aber netter klingt die Sache schon.

So war es kein Wunder, dass auch "Stuttgart 21", ein jahrzehntelang minutiös geplantes Projekt, einem "Stresstest" ausgesetzt wird, von dessen Ergebnis sogar Wohl und Wehe der neuen grün-roten Landesregierung abhängen könnte. Nachdem sich eine Volksabstimmung als zweischneidiges Schwert der Wutbürger erwiesen hat, weil es gar nicht so viele Wutbürger gibt, um das Quorum zu erfüllen, hofft man nun auf den negativen Verlauf des Stresstests. Wenn nicht, droht echter Stress.

Auch Angela Merkel hat den Stresstest für die deutschen Atomkraftwerke angeordnet, um die Kernschmelze ihrer eigenen Glaubwürdigkeit abzuwenden. Zugleich hat sie eine Ethikkommission gegründet. Immanuel Kant, den alten Königsberger, hätte das gewiss total gestresst. Unsere heutigen Moralphilosophen aber sind stresskompatibel. Richard David Precht, so wird gemunkelt, arbeitet schon an einer Fortsetzung seines Mega-Bestsellers. Arbeitstitel: "Wer stresst hier, und wenn ja, wie viele?" Auf Margot Käßmanns Buch "Auch im Himmel ist nicht alles gut. Gott im Stresstest" warten wir ebenso gespannt wie auf Karen Duves epochalen Tofu-TÜV-Bericht vom Bauernhof: "Anständig essen – ein Stresstest".

Nur Horst Evers fällt wieder mal aus der Reihe. Sein nächstes Werk heißt "Für den Stresstest fehlt mir einfach die Zeit."

Klar. Andernfalls droht der Burn-Out.

Reinhard Mohr, geboren 1955, ist freier Journalist. Zuvor schrieb er für Spiegel Online und war langjähriger Kulturredakteur des Spiegel. Weitere journalistische Stationen waren der Stern, Pflasterstrand, die tageszeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Buchveröffentlichungen u. a.: "Das Deutschlandgefühl", "Generation Z", "Der diskrete Charme der Rebellion. Ein Leben mit den 68ern" und "Meide deinen Nächsten. Beobachtungen eines Stadtneurotikers".

Politisches Feuilleton

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur