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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.09.2013

Das Land zwischen Einbildung und Fantasie

Janet Frame: "Auf dem Manitoto", C.H.Beck Verlag, München 2013, 304 Seiten

Einsam in der Wüste will eine von Janet Frames Romanfiguren überleben. Der Testlauf gestaltet sich eher langweilig. (picture alliance / dpa / Josef Friedhuber)
Einsam in der Wüste will eine von Janet Frames Romanfiguren überleben. Der Testlauf gestaltet sich eher langweilig. (picture alliance / dpa / Josef Friedhuber)

Zwei merkwürdige Ehepaare und eine alternde Schriftstellerin in einem abgelegenen Haus in Kalifornien – mit diesem Personal schafft es Janet Frame, einen böse und zugleich komischen Roman über Geheimnisse und Verwechslungen von Tatsachen und Trugbildern zu schreiben.

Voller Reichtum und exzentrisch hat Margaret Atwood diesen Roman genannt. Und treffender kann man nicht beschreiben, wie die neuseeländische Autorin Janet Frame aus dem Leben einer Frau erzählt, die gern und nicht ohne Stolz von sich sagt, sie habe zwei Männer begraben und dann als gute Ehefrau in ihrem Herzen Ordnung gemacht.

Die sich der vergangenen Jahrzehnte erinnert, indem sie sich in den Häusern, Zimmern und den klinkenlosen Anstaltszellen schildert, in den gemieteten Absteigen, in denen sie einmal lebte oder eingesperrt war. Oder sich all der Wolldecken entsinnt, die sie irgendwann einmal irgendwo gewärmt haben.

Die Ehepaare lenken die Schriftstellerin ab

Eines Tages - da ist sie schon doppelte Witwe - findet diese Frau, eine Schriftstellerin, sich in einem Haus hoch oben in den Berkeley Hills in Kalifornien wieder. Freunde von Freunden haben sie dorthin eingeladen.

Für ein paar Tage sind noch zwei Ehepaare in dem Haus, und diese vier beschäftigen die Schriftstellerin so sehr, dass sie gar nicht dazu kommt, an ihrem Roman zu arbeiten - scheinbar nicht dazu kommt.

Es sind merkwürdige Paare. Einer der Männer sieht sich vor allem als Retter - der Welt, der Menschen und vor allem seiner ungarischen 40 Jahre jüngeren Frau, die er aus dem Unheil in sein Leben geholt hat. Und mit der er eine unvergleichlich glückliche Ehe führt. Man ahnt Verderben. Und liest darüber alsbald.

Der andere, ein profillos langweiliger Engländer, träumt davon, eine Wüstenwanderung zu machen. Hier in Kalifornien will er für das große Abenteuer schon mal üben. Für ein paar Stunden lässt er sich mit Salztabletten und wüstentauglichen Lebensmitteln an einem glutheißen Nachmittag an einer Stelle aussetzen, wo WÜSTE auf einem Schild geschrieben steht, geht ein paar Schritte in der flirrenden Hitze - und erlebt nichts. Was der Prahlhans als große Offenbarung aufbauscht.

Schlupflöcher für Träume

Das ist alles so böse und komisch geschrieben, dass man sich freut und sich gruselt und wonnevoll meint, man selber sei ja ganz anders als diese Romanfiguren. Während man tatsächlich enttarnt wird. Janet Frame kennt sich aus in den Labyrinthen der menschlichen Hirne und Seelen. Kennt die Schlupflöcher für Träume und die Wüste der Wirklichkeit.

Es ist das Land zwischen Einbildung und Fantasie, das Janet Frame interessiert. Die einst selbst die Flucht in erfundene Welten antrat, um der seelenkargen Wirklichkeit zu entkommen – wofür man sie immer wieder in psychiatrische Anstalten steckte.

Das Haus, in dem die Schriftstellerin und die zwei Paare nun gemeinsam wohnen, ist voller Abbilder, es gibt Reproduktionen von Drucken und Gemälden, echte Originalkopien, Imitationen von Skulpturen und Doppelabgüsse.

Und genau darum geht es in diesem Roman. Um das Selbst in seinen mannigfachen Gestalten und Geheimnissen, um Verwechslungen von Tatsachen und Trugbildern, um die Risse in der Oberfläche der Dinge.

Es ist ein Buch über das Sein und das Schreiben. Und Frame eine Schriftstellerin, die hellsichtig das Leben durchschaut und mit dichterischen Flügeln aus ihm flieht.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Janet Frame: "Auf dem Manitoto"
Aus dem Englischen von Lilian Faschinger
C.H.Beck Verlag, München 2013
304 Seiten, 19.95 Euro


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