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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.06.2016

Das lästige Salz der ErdeWohin mit den Rückständen der Kaliproduktion?

Von Günter Beyer

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Am anderen Ufer der Werra ist am 25.02.2015 die Abraumhalde und das K+S-Verbundwerk Werra Standort Wintershall in Heringen (Hessen) zu sehen. (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)
In den Boden gepresste Abwässer aus dem Salzbergbau an der Werra bedrohen das Trinkwasser. (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)

Salz galt den Griechen als Göttergabe, im Mittelalter blühten Städte durch den Salzhandel. Heute schafft der industrielle Abbau von Kalisalzen vor allem Probleme: Der Weltkonzern "Kali und Salz" leitet überschüssige Salzlauge in die Werra oder verpresst sie im Boden.

"Wir stehen jetzt hier vor der Abraumhalde, vor dem 'Monte Kali' - 420 Meter über Normal-Null. Und dort oben, wo wir hinwandern wollen, das ist die Höhe des Berges, 520 Meter. Also wir machen hier einen Höhenunterschied von hundert Metern. Und der Abraum, der täglich hier hochgefahren wird, wird mit einer Bandanlage transportiert. Und das sind dann täglich ungefähr 20.000 Tonnen Abraum, die hier hochgefahren werden, und in Summe seit dem Jahr 1976 annähernd 200 Millionen Tonnen Abraum, die den 'Monte Kali' ausmachen."

Wir sind unterwegs im "Land der weißen Berge", wie es auf Tourismus-Prospekten poetisch heißt: künstlich aufgeschüttete Halden aus Kochsalz in Hessens Osten.

Bernd Heindl, 61 Jahre alt, ehemaliger Bergmann, führt durch den Nieselregen auf den"Monte Kali" bei Heringen. Wo hat man schon mal Gelegenheit, durch nichts als Salz auf einen Berg zu stapfen?

Die Salzhalden sind die spektakulärsten, sichtbaren Zeugen des Kalibergbaus. Aber das Salz ist auch anderswo. Für das bloße Auge unsichtbar, steckt es im Wasser und im Boden. Salzlauge wird ganz legal in den Fluss Werra eingeleitet - bis zu 2,5 Gramm pro Liter. Das ist der Grenzwert. Kein anderer Fluss in Mitteleuropa ist so versalzen.

Das "Weiße Gold" brachte wirtschaftlichen Aufschwung

Außerdem breitet sich Salzlauge inzwischen tief im Untergrund zwischen Bad Hersfeld, Bad Salzungen und Eisenach auf einer Fläche von 500 Quadratkilometern aus. Salze sind Lebenselixier und Fluch zugleich.

Die Werra - der Fluss im Kalirevier, kaum 20 Meter breit - sieht harmlos aus. Freundlich mäandriert er durch Thüringen, Hessen sowie Niedersachsen und trifft in Hannoversch Münden auf die Fulda. Ab dort heißt das vereinte Gewässer Weser.

"Die Gegend war völlig abgelegen und wirtschaftlich abgehängt. Die Menschen sind abgewandert. Entweder eine Auswanderung nach Übersee, eine Auswanderung in die Industriegebiete. Es gab hier sehr viele Wanderarbeiter, das heißt, sie sind als Landarbeiter den Erntekampagnen durch das Deutsche Reich hinterhergezogen und sind dann im Winter wieder zurückgekommen. Weil die Region selber keine wirtschaftliche Basis hatte."

Hermann-Josef Hohmann leitet das Kali-Museum in Heringen an der Werra. Der wirtschaftliche Dornröschenschlaf im Werratal endete erst Anfang des 20. Jahrhunderts. In Stassfurt war man bei Bohrungen nach Steinsalz erstmals auf Kali gestoßen.

Kalisulfat ist bis heute ein begehrter Grundstoff für die Düngemittelindustrie. Das "weiße Gold" wurde bis zum Ersten Weltkrieg ausschließlich in Deutschland gefördert. Das Wilhelminische Reich besaß dank besonderer geologischer Umstände das weltweite Kalimonopol.

"Die Kali- und Salzlagerstätten in Deutschland sind vor rund 250 Millionen Jahren entstanden. Dort war seinerzeit das Zechsteinmeer: ein relativ flaches Meer. Und dazu kam ein arides Klima. Ein arides Klima ist geprägt von großer Wärme, wenig Niederschlägen. Aber die Wärme ist so groß, dass die Verdunstungsraten höher sind als die Niederschläge."

"Auf Gold kann man verzichten, nicht aber auf Salz"

Bergbauingenieur Hartmut Behnsen ist Geschäftsführer des Verbandes der Kali- und Salzindustrie in Berlin.

"Das Meer war ähnlich salzhaltig wie die heutigen Meere, und es kam am Ende durch die Verdunstung dazu, dass sich Riesen-Salzpfannen bildeten, und die Salze selber fallen aus, entsprechend ihres Löslichkeitsverhältnisses."

Im Lauf der Jahrmillionen lösten sich Kalkstein, Gipse, Kochsalze und schließlich Kalium- und Magnesiumsalze. Tonschichten, Sande und Kiese schoben sich darüber. Die Salze verschwanden in einer Tiefe von 300 bis 1000 Metern.

Kochsalz kam mit Wasseradern in Berührung, die salzhaltige Sole lieferten. Salzsieder verdampften bis ins 20. Jahrhundert Sole, Kochsalze kristallisierten. Salz war vor allem zur Konservierung von Lebensmitteln hochbegehrt. 

Orte, in denen eine salzhaltige Quelle sprudelte, wurden wohlhabend. In Antike und Mittelalter war der Salzhandel eines der einträglichsten Gewerbe. "Auf Gold kann man verzichten, nicht aber auf Salz!", lehrte schon im sechsten Jahrhundert nach Christus der römische Staatsmann Magnus Aurelius Cassiodorus.

Die Stadt München beispielsweise verdankt ihre Gründung dem Einfall Heinrichs des Löwen, eine Brücke über die Isar zu schlagen. Der Landesherr wollte den prosperierenden Salzhandel über sein Territorium locken und Zölle kassieren.

Nur "Kali plus Salz" betreibt noch Kalibergbau in Deutschland

Die Kalisalze aber blieben unberührt, bis der Chemiker Justus von Liebig, der Begründer der Agrochemie, ihre Bedeutung für das Pflanzenwachstum erkannte. 

Kochsalz, auch Steinsalz genannt - chemisch: Natriumchlorid, NaCl - steckt, zumindest in Deutschland, im Überfluss im Boden. Kalisalze dagegen sind relativ rar und auf wenige Regionen beschränkt.

"Dort wo Kalisalze liegen, ist in jedem Fall Natriumsalz, also Steinsalz, vorhanden. Aber dort, wo es Steinsalz gibt, ist nicht zwangsläufig Kalisalz vorhanden, weil dieses sich eben nur in bestimmten Schichten und bestimmten Mächtigkeiten abgelagert hat."

Während Steinsalz-Lagerstätten bisweilen eine Mächtigkeit von mehreren hundert Metern haben, sind Kaliflöze, je nach Lagerstätte, nur wenige Meter dick.

Unter Tage ist es oft gar nicht einfach zu erkennen, wo das Steinsalz aufhört und die begehrte Kalilagerstätte anfängt.

"Wenn man Glück hat, dann unterscheiden sie sich schon mal in der Farbe, je nachdem, welche Wertminerale enthalten sind. Da sind dann auch Spuren von Eisen, oxidischen Ablagerungen, da sind Spuren aus Sänden, aus Kiesen. Aber es gibt auch Kalibereiche, die genau so weiss, genau so hell sind wie Natriumchlorid."

Einfahrt in die Grube "Hattorf" an der Werra, Schacht "Hera": Drei Herren von der Firma "Kali plus Salz" - und der Reporter.

"Kali plus Salz" ist heute die einzige verbliebene Firma, die in Deutschland Kalibergbau betreibt; ein Konzern, der weltweit über 14.000 Menschen beschäftigt und im vergangenen Jahr 4,2 Milliarden Euro umsetzte. Ein Multi, der derzeit allerdings einige Probleme hat.

Sinkender Börsenwert bei "Kali und Salz"

"Auch unsere Aktie hat sich von ihrem Tief wieder erholt. 'Kali plus Salz' ist fundamental gesund."

Norbert Steiner, Vorstandsvorsitzender von "Kali plus Salz", demonstrierte noch im April dieses Jahres Selbstbewusstsein. Einen Monat zuvor war der Konzern wegen seines sinkenden Börsenwerts aus dem DAX der 30 größten und umsatzstärksten deutschen Unternehmen gefallen.

"Kali plus Salz" ist heute die Nummer drei im internationalen Kaligeschäft - nach Unternehmen aus Russland und Kanada -  und Nummer vier im Salzgeschäft. Im vergangenen Jahr versuchte der Weltmarktführer "Potash Corporation" aus Kanada, "Kali plus Salz" zu schlucken - was allerdings misslang. Unter Druck steht man dennoch: In seinem jüngsten Geschäftsbericht veröffentlicht das Unternehmen düstere Prognosen für 2016 bei Umsatz und Gewinn.

Wir sind zünftig gekleidet: blau gestreifte Bluse, weiße Hose und Jacke, schwarze Sicherheitsstiefel und weißer Helm. Am Gürtel steckt der Akku für die Grubenlampe. Die Ventilation bläst und bullert. 

In 700 Metern Tiefe fährt die Tür des Förderkorbs zur Seite. Wir sind auf dem oberen der beiden Kaliflöze angelangt.

Es ist warm hier in der großen, aus dem Salz geschachteten Halle. Die Luft ist trocken. Breite Stollen und weitere Kammern gehen von hier ab. 

Ein weißer Kleinbus bringt uns zum Revier 29. Diese Abbauzone liegt auf dem unteren Flöz rund 60 Meter tiefer. Ein Fremder würde sich in dem Gewirr oft unbeleuchteter, teils ebener, teils abfallender Stollen hoffnungslos verirren. Auf der Abbaufläche der drei Werra-Bergwerke in Unterbreizbach, Hattorf und Heringen könnte man ohne Weiteres eine Großstadt wie Köln unterbringen.

Feine Bänderungen und unterschiedlich helle Salzschichten ziehen sich die Wand entlang am Ende eines Stollens. Sie markieren die Horizonte, die für den Abbau in Frage kommen und die begehrten Rohstoffe Kalium und Magnesium enthalten.

Die Arbeit in Revier 29 ist vollständig mechanisiert. Ferngesteuerte Bohrwagen mit langem Gestänge sind im Einsatz. Scheints mühelos frisst sich der dünne Bohrer ins Salz. Sieben Meter tief sind die Löcher für den Sprengstoff Ammoniumnitrat. Gegen Schichtende, wenn niemand mehr vor Ort ist, wird die Sprengung ausgelöst. 

Salzkonzentration in Weser erreicht kritische Obergrenze

Die nächste Schicht fährt das abgesprengte Rohsalz mit riesigen Schaufelladern zu den "Kippstellen", wo lange Förderbänder das Rohsalz ans Tageslicht bringen. 

Dort wird es weiterverarbeitet.

"Der Pegel Gerstungen dient der 'Kali und Salz' zur Salzlaststeuerung und der TLUG dazu, hier die Vergleichsmessungen durchzuführen."

Ulf Frank, Leiter der Gemeindewerke Gerstungen in Thüringen, steht vor einem unscheinbaren fensterlosen Schuppen, direkt an der Werra. Das Bergbauunternehmen und die "Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie" - kurz TLUG - teilen sich die Station. Eine schwarz-gelbe Skala führt hinunter ins Flussbett und gibt den Wasserstand an. Kein Mensch ist zu sehen.

"Die Messung ist hier automatisiert. Es wird Wasser aus der Werra gepumpt. Am Pegel sind zwei verschiedene Räume in dem Gebäude. Die Proben werden dann automatisch ausgewertet und über eine Online-Strecke weiter geleitet."

Gerstungen liegt ein paar Kilometer flussabwärts, unterhalb der drei Kali-Werke, unmittelbar an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Alle Salzlauge, die zuvor in den Fluss eingeleitet wurde, fließt hier vorbei. Nirgends ist die Salzkonzentration deshalb höher als hier. Der Grenzwert, der bereits 1942 festgesetzt wurde, beträgt 2500 Milligramm pro Liter.

Zur Steuerung der Salzbelastung der Werra kann "Kali plus Salz" je nach gemessener Chlorid-Konzentration die Einleitung erhöhen oder drosseln. Nähert sich die Salzkonzentration der kritischen Obergrenze, wird die Produktion auch schon mal unterbrochen; zum Beispiel, wenn Regen ausbleibt und der Wasserstand der Werra sinkt. Das war einige Tage im Januar und April dieses Jahres der Fall. Die betroffenen Beschäftigten schickte "Kali plus Salz" in die Kurzarbeit.

2500 Milligramm pro Liter: Kein Mensch kann das trinken. Der geltende Chlorid-Grenzwert liegt damit zehn Mal so hoch wie der entsprechende Wert der Trinkwasserverordnung. 

Kiemen-Deformationen bei Fischen durch erhöhten Salzgehalt 

Was geschieht durch die Versalzung mit dem biologischen Leben in der Werra? Mit den Fischen etwa?

Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin wollten es genau wissen. Sie füllten Aquarien mit salzigen Testwässern. Mit ihrem Gehalt an Chlorid sowie Kalium und Magnesium entsprachen sie den derzeit gültigen Grenzwerten in Gerstungen. Insgesamt sechs Wochen lang setzte der Biologe Thomas Meinelt Zebrabärblinge, bewährte Versuchsfische, den Testwässern aus.

"Die laichen täglich. Wir konnten täglich dann auch die Eier entnehmen, nachzählen, wie viele befruchtete, unbefruchtete Eier drin sind. Danach wurden die Fische mit diesem Salzwasser exponiert. Und dann haben wir jeden Tag ermittelt: Wie viel Eier legen sie? Wie sehen die Eier aus? Sind sie normal entwickelt, sind sie deformiert? Wie entwickeln sie sich bis zum Schlupf und darüber hinaus?"

Versuchsleiter Thomas Meinelt konstatierte Deformationen der Wirbelsäule, Ödeme und Veränderungen der Haut bei den Embryonen. Sie blieben in der Entwicklung zurück und konnten nicht schlüpfen, sofern sie überhaupt lebensfähig waren.

Auch die Elterngeneration, vor allem die Weibchen, schädigte der hohe Salzgehalt und die für Fische völlig unverträgliche Zusammensetzung der simulierten Werra-Salze. 

"Bei den Weibchen haben wir gefunden, dass sie sehr schnell große Eier ausbilden. Das heißt: Noch mal schnell ablaichen, bevor man stirbt, diese Eier dann aber eine sehr schlechte Qualität haben. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Wir haben sehr schwere Deformationen der Kiemen gefunden. Das heißt: Ablösung des Kiemenepithels und andere Schäden, die also auf eine massive Einwirkung der Salze auf die Kiemen-Oberfläche hindeuten, was natürlich das Überleben der Fische in der Umwelt sehr schwer macht."

Die Messungen in einem Bassin mit reduzierter Chloridbelastung von 1700 Milligramm ergaben auch: Eine nur zögerliche Verminderung des Grenzwertes um ein Drittel, wie er ab 2019 gelten soll, verbessert die Lebensbedingungen für Fische in der Werra nicht wesentlich.

"Es gab Unterschiede. Die sind jedoch nicht signifikant. Die Art der Defekte sind ähnlich. Auch die Brut von diesen Elterntieren wird es schwer haben, in der Umwelt zu überleben."

Brunnen wegen hoher Chlorid-Werte geschlossen

Ulf Frank, der Leiter der Gemeindewerke in Gerstungen, kann sich nicht erinnern, dass zu DDR-Zeiten der Werra jemals Trinkwasser entnommen wurde. Die damals florierende Kali-Wirtschaft leitete die Salzlauge bedenkenlos in den Fluss ein - mit Spitzenwerten von über 40.000 mg pro Liter. Gerstungen hat sich immer aus seinen Tiefbrunnen und Quellen versorgt. Aber seit der Wende hat das Gesundheitsamt drei Brunnen stillgelegt. Die Chlorid-Grenzwerte für Trinkwasser waren überschritten worden.

"Der erste Brunnen, das war der Brunnen Kuhlbach-II, wurde im Jahr 1993 vom Netz genommen; der nächste Brunnen in Sallmannshausen 1995, und der letzte Brunnen, das war der Schachtbrunnen in Laröden, der wurde im Jahr 2005 vom Netz genommen."

Ulf Frank sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Versalzung der Brunnen und der Einleitung - oder "Verpressung" - von salzhaltigen Laugen durch "Kali plus Salz" in den porösen Untergrund, den sogenannten "Plattendolomit".

"In Gerstungen wurde von 1998 bis 2007 versenkt. Hier war die Hauptversenkung circa 500 Meter vom nächsten Brunnen entfernt. Als in Gerstungen nicht mehr versenkt wurde, entfernte sich die Versenkung auf circa zehn Kilometer. Und die aktuell noch laufende Versenkung ist jetzt circa zwölf Kilometer von Gerstungen entfernt."

Schon 1928 hatte man begonnen, Laugen rund 500 Meter tief in den "Plattendolomit" einzuleiten. Das ist eine ausgedehnte, zerklüftete geologische Schicht, die nach oben und unten mit wasserundurchlässigem Ton versiegelt ist.

In diesem natürlichen Hohlraum galten damals Laugen als dauerhaft und sicher "entsorgt". Galten, denn es hat sich gezeigt: Der Plattendolomit ist nicht uneingeschränkt aufnahmefähig. Und: Störzonen in der Tonschicht lassen die Laugen in die darüber liegenden Schichten aufsteigen. Das versalzt das Trinkwasser dort.

"Überwachungswerte außer Kraft gesetzt"

Zwar wurde die Versenkung durch Messstellen überwacht. Doch Ulf Frank kam diese Kontrollpraxis nicht geheuer vor.

"Es wurden Überwachungswerte festgesetzt, für einzelne Messstellen. Wurden diese Überwachungswerte erreicht, hat man nicht die Versenkung eingestellt, sondern die Überwachungswerte angehoben - und das sogar so weit, dass man Überwachungswerte außer Kraft gesetzt hat, gar nicht mehr überwacht hat, weil die tatsächlichen Werte deutlich höher waren. Man wollte also immer weiter genehmigen."

Der Unmut in Gerstungen richtete sich nicht nur gegen "Kali plus Salz". In den Fokus geriet zunehmend das thüringische Landesbergamt als Aufsichtsbehörde. Die Gemeinde klagte schließlich wegen des Verdachts auf Gewässerverunreinigung und des unerlaubten Umgangs mit Abfällen.

Im März dieses Jahres hat die Staatsanwaltschaft nach Beschlagnahme von Akten vor dem Landgericht in Meiningen Anklage gegen 14 Mitarbeiter von "Kali plus Salz" sowie drei Mitarbeiter des Thüringer Landesbergamts erhoben.

"Die Staatsanwaltschaft Meiningen ist nach Durchführung der umfangreichen Ermittlungen zu dem Ergebnis gekommen, dass zwischen den Vertretern von 'Kali und Salz' und Behördenvertretern ein zumindest stillschweigendes Einverständnis darüber bestanden haben muss, dass die Genehmigungen rechtlich nicht zu vertreten gewesen sind."          

In den Kindertagen der chemischen Düngung streuten Landwirte Rohsalze unverarbeitet auf ihre Äcker. Doch die Vorkommen waren rar, und man entdeckte, dass verarbeitetes Salz bessere Erträge lieferte. Die Hersteller sannen darüber nach, wie das begehrte Kaliumsulfat von unerwünschten Steinsalz-Beimengungen zu trennen wäre. 

Die älteste Methode ist das sogenannte "Heißlöseverfahren". Dabei wird das Rohsalz in eine erhitzte Lauge geschüttet. Das Kalisalz löst sich - im Gegensatz zum Steinsalz - erst bei höheren Temperaturen. So können die Salze geschieden werden. Die salzigen Mutterlaugen werden dann auf die einfachste und billigste Weise entsorgt.

Salzlauge wurde "immer in die Werra geleitet"

"Die sind traditionell hier im Revier immer in die Werra geleitet worden", sagt Hermann-Josef Hohmann vom Kalimuseum. Die Produktionsmengen stiegen, und die Werra gelangte an ihr Limit. Geologen entdeckten das vermeintliche Ei des Columbus: Ab mit den Laugen in den Plattendolomit.

Das jüngste Verfahren, kostbare Kalium- und Magnesiumverbindungen von schnödem Steinsalz zu trennen, wird in den Werken Hattorf und Heringen von "Kali plus Salz" mithilfe von elektrostatischen Trennanlagen - kurz: ESTA - angewandt.

In der Produktionshalle über der Grube stehen sie in Reih und Glied: große kastenförmige "Scheider", dazwischen Eisentreppen und Rohrleitungen. Erst 2014 ist eine neue Anlage hinzugekommen. Es ist laut und warm. Über allem liegt eine dicke Schicht von feinem Salzstaub.

Das frisch zutage geförderte Rohsalz landet zunächst in einem Mahlwerk. Fremdkörper und Salzknorpel werden herausgefiltert.

Die Rohsalzpartikel müssen kleiner sein als ein Millimeter im Durchmesser, damit die elektrostatische Trennung funktioniert, sagt Ingenieur Wolfgang von der Ehe.

"Elektrostatik kennt jeder von uns aus eigener Erfahrung. Wenn man so einen Kunststoffpullover über den Haaren auszieht, stellen sich die Haare so lustig auf. Wir können das nutzen, um die Salzpartikel zu trennen und daraus Produkt und Rückstand zu trennen."

Die "Scheider" sind turmartig übereinandergebaut, sodass das Rohsalz  sich im freien Fall in Kalium- und Magnesiumverbindungen einerseits und Kochsalz-Rückstände andererseits trennt. 

"Wir sind die Einzigen, die dieses trockene Aufbereitungsverfahren ESTA anwenden, weil wir auch die Einzigen sind, die es können."

Ulrich Göbel, Pressesprecher von "Kali plus Salz", ist stolz auf dieses Verfahren.

"ESTA ist ein trockenes Aufbereitungsverfahren, was dadurch jede Menge Abwasser spart, im Vergleich zu historisch gewachsenem Waschverfahren, wo das Steinsalz in einer großen Waschanlage in Wasser aufgelöst und in die Werra geleitet wurde."

Und die Rückstände der ESTA?

"Diese Rückstände müssen natürlich trocken aufgehaldet werden. Dazu haben wir hier oberhalb vom Werk eine Halde, die bergmännischer Abraum ist."

Ein Berg aus Salz-Resten

Der "Monte Kali", eine der täglich wachsenden Salzhalden, ist das, was bei der ESTA unten herauskommt.
 
"Also, was wir hier hören, ist das Geräusch von einer Bandanlage. Mit der Bandanlage wird der Abraum täglich hier auf die Halde gefahren. Und das Band hier transportiert dann ungefähr pro Stunde zwischen 800 und 1000 Tonnen mit einer Geschwindigkeit von 3,5 Metern pro Sekunde."

Parallel zum Förderband führt unser Pfad steil nach oben, sehr steil. Der weiße Untergrund sieht rutschig aus, aber die Füße finden Halt in den tief eingekerbten Reifenabdrücken, die die Radlader ins weiche Salz gedrückt haben. "Bergführer" Bernd Heindl und der Reporter kommen langsam bergan. Das Salz auf dem Förderband neben uns ist jedenfalls viel schneller oben.

"Das sind 10,8 km/h. Und das laufen wir zwei nicht im Moment!"

Das Band läuft Tag und Nacht, bald soll die Deponiefläche um 25 Hektar vergrößert werden.

Oben empfängt uns dicker Nebel. Der Fernblick über Seulingswald und Rhönkuppen fällt aus. Aber unten am Haldenfuß erkennt man einen Ringgraben, der sich um den weißen Berg zieht. Er wurde von "Kali plus Salz" eigens präpariert.

"Das heißt, es wird ein Ton und Kalke eingebracht. Das wird dann untergemischt, dass eine wasserundurchlässige Schicht entsteht. Und wenn man dann ein Wetter hat, zum Beispiel wie jetzt bei Regen, dann haben Sie ja unten kein Süßwasser mehr, was am Haldenfuß ankommt, sondern das ist ja Salzwasser. Und damit dieses Salzwasser nicht in das Erdreich eindringen kann, ist dieser Vorgang eben erforderlich. Dann wird also Salzwasser um den Berg herumgeführt auf den tiefsten Punkt. Und von dort wird das Wasser dann entsorgt."

Die Halde für die trockenen Produktionsabfälle der ESTA produziert also ebenfalls Salzabwässer. Auch sie werden in die Werra eingeleitet oder ins Erdreich verpresst. 

Kanalnetz durch Salz zerfressen, teure Sanierung

Probleme mit Salz im Boden gibt es auch in Bernd Heindls Heimatstadt Heringen am Fuße des "Monte Kali". Die Gemeinde hat in den vergangenen Jahren 100 Millionen Euro vor allem für die Sanierung ihres Kanalnetzes mithilfe von Kunststoffrohren ausgeben müssen. Das Salz greift von außen an, sagt Bürgermeister Hans Ries:

"Es müssen spezielle PE-Rohre sein, weil: Die Betonrohre fallen einfach zusammen. Das Chlorid ist extrem aggressiv und zerfrisst die regelrecht. Nach meinem Kenntnisstand hängt das auch mit der Versenkung zusammen. Auch das ist ein Problem, das sehr lange auch dem Regierungspräsidium, den Aufsichtsbehörden bekannt ist."

Aufgrund der teuren Kanalreparaturen kostet die Heringer Bürger ihr Abwasser 4,20 Euro pro Kubikmeter - das ist einer der höchsten Tarife in Hessen; er ist mehr als doppelt so hoch wie in Frankfurt. Heringens Pro-Kopf-Verschuldung ist heute die höchste in Hessen nach Wiesbaden. Auch um die kommunale Kläranlage macht der Bürgermeister sich Sorgen.

"Das ist natürlich auch eine Besonderheit, die mit dem Kalibergbau zusammenhängt - und dass man seit den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts versenkt hat: Wasser sucht sich seinen Weg und drückt damit natürlich auch in die Kläranlage und zerstört sie Stück für Stück; beziehungsweise, sie droht umzukippen, weil das die Biologie nicht aushält. Würde sie jetzt umkippen, hätten wir Riesen-Probleme, sie wieder anzuimpfen, und da habe ich eine wahnsinnige Angst vor."

Hans Ries ist nur noch bis Ende dieses Monats Bürgermeister. Bei der Stichwahl unterlag er einem jungen Herausforderer. Zwar betont das Noch-Stadtoberhaupt, Heringen lebe in Konsens mit der Kaliindustrie. Aber er ärgert sich doch, wenn "Kali plus Salz" Ries' Bemühungen um eine Diversifizierung der örtlichen Wirtschaft durchkreuzt, indem der Konzern ausgewiesene Gewerbegebiete aufkauft und dort Rückhaltebecken für Salzlauge anlegt. Diese Lauge wird dann portionsweise in die Werra abgelassen.

Bei "Kali plus Salz" sollten die Alarmglocken schrillen. Aber man gibt sich gelassen. Der Konzern habe in den vergangenen Jahren allein 400 Millionen Euro in den Gewässerschutz investiert, heißt es. Das ursprüngliche Aufkommen von 15 Millionen Kubikmetern Salzlauge habe man seitdem halbiert. 

Kürzlich hat "Kali plus Salz" Richtfest für eine neue Aufbereitungsanlage in Hattorf gefeiert. Ihr Prinzip: Mehr Wertstoffe aus der Lauge herausholen, weniger Abwasser produzieren. 2018 soll sie fertig sein, sagt Firmensprecher Ulrich Göbel.

Saubere Entsorgung sehr viel kostspieliger

"Die neue Anlage hat das Ziel, dieses Salzwasseraufkommen noch einmal zu reduzieren, und zwar nochmals um 1,5 Millionen Kubikmeter im Jahr, um damit eine weitere Entlastung der Versorgungswege, vor allen Dingen auch der Werra und Weser hinzubekommen und den Ausstieg aus der Versenkung, also der Einleitung in tiefere Schichten des Untergrundes, zu finden und damit 2021 enden zu können."

Außerdem verspricht der Konzern, seine riesigen Halden gegen einsickernden Regen abzudecken. Verschwinden sollen sie nicht. 

"Kali plus Salz" sammelt derzeit Erfahrungen mit der Abdeckung der wesentlich kleineren Halde Sigmundshall bei Hannover. Die Erfahrungen dort seien allerdings nicht eins zu eins übertragbar.

"Und deswegen ist es kein Verfahren, das von heute auf morgen mal eben umgesetzt werden kann."

Obwohl die Deponien überwiegend aus Steinsalz bestehen, ließe der Abraum sich nicht wirtschaftlich verwerten, also nicht zum Beispiel als Auftausalz verkaufen.

"Dafür wäre es in der Tat nötig, größere Investitionen zu tätigen, und zwar in Größenordnungen, die letzten Endes sich über das Produkt nicht wieder erwirtschaften lassen, solange wie es Möglichkeiten gibt, zum Beispiel in anderen Lagerstätten, so reine Salze zu fördern, wie es in deutschen Salzwerken der Fall ist, das ohne weitere Verarbeitung, nur durch Aufmahlen und Sieben, als Auftausalz verwendbar ist."

Fazit: Übrig bleiben immer noch 5,5 Millionen Kubikmeter salzige Abwässer, die irgendwo hin müssen. Wenn die Verpressung - womöglich nach Gerichtsurteil - nicht mehr erlaubt ist, läuft "Kali plus Salz" auf einen Entsorgungsnotstand zu. Nicht zuletzt deshalb will das Unternehmen eine Pipeline bauen, die ihre Salzabwässer um die Werra herum direkt in die Oberweser einleitet. Dagegen hat das Land Niedersachsen bereits heftigen Widerstand angemeldet. 

Dabei gibt es heute bereits Verfahren, Kali mit einem Minimum an Rückständen zu produzieren. Nur: "Kali plus Salz" will davon nichts wissen.

Die Ingenieursgesellschaft K-Utec AG in Sondershausen ist hervorgegangen aus der Kali-Forschung der einstigen DDR. Die heute 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - Ingenieure, Wissenschaftler, Verfahrenstechniker - haben inzwischen eine Menge Erfahrung in der rückstandsarmen Salz- und Kaliproduktion, vor allem im Ausland, gesammelt. Reduzierung und Verwertung von salzhaltigen Rückständen ist eines der Fachgebiete. 

Spielt "Kali und Salz" auf Zeit?

K-Utec schlägt vor, die Rückstandslösungen der Kaliindustrie radikal einzudampfen. Mit Hilfe der sogenannten "fraktionierten Kristallisation" werden die verschiedenen Inhaltsstoffe nacheinander fest und können wirtschaftlich genutzt werden, erklärt K-Utec Geschäftsführer Heiner Marx:

"Als erstes kristallisiert Gips und Natriumchlorid. Wenn ich das dann extrahiere, habe ich schon ein erstes Produkt, nämlich ich kann sehr reines Natriumchlorid herstellen. Wenn ich dann die Lösung weiter einenge, erhalte ich dann den sogenannten Schönit, der nach Zersetzung zu einem sehr sauberen Kaliumsulfat führt."

Kochsalz und der Dünger Kaliumsulfat - gewonnen aus Rückstandslösung. In Pilotanlagen bei K-UTEC wurden diese Verfahren schon zur Produktionsreife entwickelt, allerdings: 

"Was dann übrig bleibt, sind in der Regel Magnesiumchloridlösungen, wie ich sie hier auf dem Tisch stehen habe. Die wurden die ganze Zeit entweder eingeleitet oder verpresst. Wir sagen: Das ist nicht notwendig. Ich kann diese Lösungen dazu nutzen, um Versatzmassen für das Verfüllen der untertägigen Hohlräume herzustellen."

Die verfestigte Masse könnte man also in alte Bergwerken "einstapeln". Dann belastet sie nicht die Gewässer, und stabilisiert sogar unterirdische Hohlräume. Denn Salz hat die Tendenz zu konvergieren, sprich: langsam zusammenzusacken.

"Das heißt, ich verhindere die weitere Konvergenz dieser Hohlräume mit diesem Material, sodass wir guten Gewissens diese Rückstände dorthin zurückbringen können, wo sie herkommen: in das Bergwerk."

"Kali plus Salz" hält solche Verfahren angesichts der zu entsorgenden Riesen-Menge von mehr als fünf Millionen Kubikmetern für längst noch nicht ausgereift.

"Was wir zugesagt haben, ist, dass wir in einem sogenannten Prüfprogramm die Einstapelung unter Tage untersuchen und erforschen werden."

Ergebnisse erwartet der Konzern frühestens 2018. Vielleicht ist der Verweis auf Forschungsbedarf aber auch nur ein Vorwand, Zeit zu gewinnen und weiter billig Salzlauge in Flüsse einzuleiten.

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