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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.11.2006

Das Körperinnere in Posterformat

Pierluigi Diano: Atlas der Körperwelt, Frederking&Thaler, gebunden, 184 Seiten mit 22 Ausklapptafeln

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Blutzellen im Elektronenmikroskop (Hinweis: Das Foto entstammt nicht dem besprochenen Bildband!) (uiowa.edu)
Blutzellen im Elektronenmikroskop (Hinweis: Das Foto entstammt nicht dem besprochenen Bildband!) (uiowa.edu)

Eine phantastische Reise in das Körperinnere bietet der "Atlas der Körperwelten" von Pierluigi Diano. Mithilfe neuester bildgebender Verfahren aus der Wissenschaft zeigt der Prachtband faszinierende Aufnahmen von Nervenfasern oder roten Blutkörperchen. Die Texte informieren über Sitz und Funktion der dargestellten Organe, so dass auch der medizinische Laie sie verorten kann.

Um es gleich vorweg zu sagen: Der "Atlas der Körperwelt" hat Suchtpotenzial. Immer wieder möchte man diesen Prachtband zur Hand nehmen, ihn begeistert bestaunen und sich mitreißen lassen. Selten lädt ein Buch so sehr zum Eintauchen ein wie dieses! Dem Arzt und Journalisten Pierluigi Diano ist tatsächlich der große Wurf gelungen! Anders kann man das nicht sagen.

27 großformatige auseinanderfaltbare Seiten zeigen Bilder des menschlichen Körpers in all seinen Details. Die Zelle, das Blut, das Skelett, das Herz, das Gehirn, die Atmung, die Verdauung und die fünf Sinnesorgane werden hier mit den neuesten bildgebenden Verfahren der Wissenschaft vorgestellt. 16 dieser Verfahren sind es insgesamt und jedes von ihnen erlaubt einen anderen Blick in den Körper: Sei es das Rasterelektronenmikroskop, die Kernspin-Tomographie, die Positronen-Emissions-Spektroskopie oder die Plastination. Wie sie funktionieren und was sie von einander unterscheidet, findet sich anschaulich dargestellt gleich auf der ersten Seite dieses Atlas.

Von hier aus arbeitet man sich dann weiter, Stück für Stück taucht man tiefer ein in die inneren Abläufe dieses Wunderwerks "Körper", der aus 100 Billionen Zellen und 780.000 Kilometer Nervenfasern besteht. Das sind Zahlen, die unser Verhältnis zu dem, was unvorstellbar ist, gerade rücken. Und wenn es nicht die enormen Zahlen tun, dann machen das die Bilder.

Staunend betrachtet man die Ebenmäßigkeit der roten Blutkörperchen, die in ihrer ungewöhnlichen Form an Donuts erinnern, ist überrascht von der Kristallstruktur von Nieren- oder Gallensteinen und verfolgt gespannt das weit verästelte Netz der Nervenfasern, die an mit Erdbeermarmelade gefüllte Elektrokabel erinnern.

Eine Knochenmulde hat etwas von einem Vulkankrater, in dessen Innerem sich rosafarbene Blüten finden und die Darmflora wirkt so, als würden an ihrer Oberfläche länglich weiß-gelbe Maden zuhause sein. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, denn wann sieht man als medizinischer Laie schon solche Bilder aus dem Körperinneren? Und das in Farbe, nicht in den drögen schwarz-weiß Tönen eines herkömmlichen Röntgenbildes. Das verzaubert!

Dabei kann jede dieser siebenundzwanzig posterähnlichen Doppelseiten für sich allein stehen. Einem Buchkapitel gleich behandelt sie jeweils einen bestimmten Teil des Körpers. Dabei ist das Schema immer das gleiche: Bevor man die Seite in ihr Großformat öffnet, sieht man zunächst mehrere Bilder aus der Makroperspektive des jeweiligen Körperorgans, die von einem einleitenden Text begleitet werden und so den ersten Einblick auf Sitz und Funktion geben. Klappt man dann anschließend die großformatige Buchseite auf, stößt man zur Mikroebene, zur Feinstruktur der Organe vor, taucht dank der unglaublichen und berauschenden Bilder ein ins Detail der jeweiligen Körpervorgänge und findet dazu ausführlich wissenschaftliche Texte.

Langsam aber sicher beginnt man so, die Einzigartigkeit unseres Körpers zu begreifen, seine Komplexität zu verstehen und zu bewundern. Und noch während wir das Buch studieren, seine Bilder auf uns wirken lassen, dämmert es uns: Gerade jetzt, während die Augen über das Papier wandern, werden Hormone produziert, Blutzellen bewegt, Nervenzellen aktiviert, Knochen erneuert, Hautzellen abgestoßen und Nahrung verdaut. Die Fingernägel genauso wie die Haare wachsen ein Stückchen weiter. Das Hirn mitsamt seiner Synopsen läuft auf Volldampf. Und genau dieser Effekt macht das Buch so besonders. Zumal Pierluigi Diano so ohne viele Worte deutlich macht: Alle Menschen sind gleich.

Doch bevor man einer Art Schöpfungsglauben anheim fällt, widmet sich der Autor in einem der letzten Kapitel der Rolle der Bakterien. Und macht klar: Lange bevor es den Menschen mit seinem Körper gab, waren sie schon da. Ohne es ausdrücklich zu sagen, rückt Pierluigi Diano damit alles in die richtige Perspektive. Spätestens dann, wenn man liest, dass auf und im menschlichen Körper bis zu 100 Billionen Bakterien leben, weiß man: Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge.

Spätestens diese Schlussfolgerung adelt diesen Atlas der Körperwelt als etwas einzigartiges, denn er erweitert nicht allein den Wissenshorizont und entführt in eine Welt der unglaublichen Bilder, sondern er rückt die Menschen und ihre Rolle in der Welt in die richtige Perspektive.

Rezensiert von Kim Kindermann

Pierluigi Diano: Atlas der Körperwelt
Frederking & Thaler, gebunden,
184 Seiten mit 22 Ausklapptafeln
50,00 Euro

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