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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.12.2013

Das Jahr 1933 in TagebüchernDie organisierte Judenverfolgung war absehbar

Frank Bajohr, Beate Meyer, Joachim Szodrzynski (Hg.): "Bedrohung, Hoffnung, Skepsis"

Rezensiert von Martin Zähringer

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SA-Einheiten marschieren am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor in Berlin, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. (AP Archiv)
SA-Einheiten marschieren am 30. Januar 1933 durch das Brandenburger Tor in Berlin, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. (AP Archiv)

Vier Hamburger Bürger schildern die ersten Monate der nationalsozialistischen Diktatur, wie sich der Alltag um sie herum ändert, und dadurch auch ihr Leben. Ihnen gemeinsam ist erst die Überraschung, dann das Unbehagen, wie rigoros die neuen Herren mit den jüdischen Nachbarn umgehen.

Als am 5. März 1933 die NSDAP mit 44 Prozent zur größten Partei im Reichstag wird, können viele Zeitgenossen nicht absehen, was da kommen wird. Das soll sich im Lauf des Jahres 1933 schnell ändern. Ein jüdischer Rechtsanwalt, eine nazitreue Lehrerin, ein adliger Bankier sowie ein Angestellter mit philosophischen Aspirationen halten das Jahr 1933 in ihren Tagebüchern fest und führen anschaulich vor, wie sich vor ihren Augen eine diffuse politische Drohung zum Alltag des Nationalsozialismus wandelt.

Für den heutigen Leser dieser Dokumente ergibt sich dabei mehr als ein Blick auf individuelle Krisenbewältigung und historische Kulissen. Denn implizit wird hier eine Frage erörtert, die brandaktuell geblieben ist – Was hat man von den kommenden Verbrechen dieses Regimes wissen können?

Cover: Frank Bajohr u.a. (Hg.) "Bedrohung, Hoffnung, Skepsis. Vier Tagebücher des Jahres 1933" (Wallstein)Cover: Frank Bajohr, Beate Meyer, Joachim Szodrzynski (Hg.): "Bedrohung, Hoffnung, Skepsis" (Wallstein)Die Tagebuchschreiberin Luise Solmitz, 46 Jahre alt und fanatische Hitleranhängerin, notiert nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, was man bei der etwas verspäteten Siegesparade von Nationalsozialisten und Deutschnationalen am Straßenrand zu hören bekam:

"Juda verrecke“ wurde auch mal gerufen und vom Judenblut gesungen, das vom Messer spritzen solle.

Das war ein Eintrag vom 6. Februar 1933. 1945 hat Luise Solmitz, in der historischen Forschung schon oft als Zeitzeugin benannt, ihre Tagebücher revidiert. Und auch dieser Eintrag wird kommentiert. In eckigen Klammern setzt sie dazu:

Wer nahm das damals ernst?

Das ist die Frage, auf die alle vier Tagebücher eine Antwort geben. Es geht darin auch um andere Aspekte der NS-Herrschaft, aber ein Kernproblem ist die Judenverfolgung, und ein Stichtag der Erkenntnis der 1. April 1933, der Tag, an dem die Nazis den ersten landesweiten Boykott gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Anwälte durchführten. Der adlige Bankier Berenberg-Goßler ist zu dieser Zeit auf einer Geschäftsreise im Ausland. Er notiert:

Donnerstag, 30. März, in London. Erstes Frühstück mit Wirtz im Hotel (Unterhaltung über Dr. Kriechauff). Besuch in der „Indemnity“, furchtlos, mit Heinrich bei Robertson (Guiness-Versicherungs-Mann), der sich für mich bemüht. Bei Kleinworts August Hirschand aufgesucht, um ihn wegen der Maßnahmen gegen die Juden in Deutschland zu beruhigen. Ich schäme mich vor meinen Bekannten wegen der Maßnahmen der Nazis gegen die Juden. Lord Revelstoke sagt mir: „We are not far away from the middle age.”

Am 1. April ist das Mittelalter bereits da:

Schlechte Nachrichten aus Deutschland, unerhörter Boykott gegen die Juden, mittelalterlich und ohne Verständnis für die Beziehungen zur Welt.

Zunächst gebannt von der neuen politischen Religion

Diese weltpolitische Ignoranz macht auch Luise Solmitz in jener Zeit Sorgen. Ihre Bedenken sind gänzlich mitleidlos und verdanken sich strategischen Erwägungen, womit sie – wie anzunehmen ist – eine repräsentative kleinbürgerliche Haltung ihrer Zeit ausdrückt. Am Anfang ist sie noch gebannt von der neuen politischen Religion:

Das ganze Denken u. Fühlen der meisten Deutschen ist von Hitler beherrscht, sein Ruhm steigt zu den Sternen, der Heiland ist er einer bösen, traurigen deutschen Welt. Ach, dass er bewahrt bleibt vor der roten Mordhetze, die vor nichts zurückschreckt!

So schreibt sie am 28. Februar 1933 aus Anlass des Reichstagsbrandes. Zum Reichsermächtigungsgesetz einen knappen Monat später notiert Luise Solmitz hoffnungsfroh:

Freitag, 24.3.33 Hitlers großer Sieg im Reichstag. Die Ermächtigung erteilt, d.h. eigentlich die Diktatur. Ein Glück […] Ja – u. nach Beendigung der Sitzung wurde der Reichskommissar Dr. Gehrke verhaftet. Weil er seit 1924 an 1,2 Millionen RM unterschlagen hat!! Ein Glück, dass Hitler durchgreift. Was wir in diesen Tagen erleben, eins jagt das andere.

Die Jagd auf die Juden nimmt Luise Solmitz lieber nicht so genau in den Blick:

Sonnab., 25.3.33 1400 Juden seien allein in Hamburg abgeschlachtet!!! Und die Welt tut, als glaubte sie das, weil ihr das so schön in ihre geschäftl. Konjunktur hineinpasst. Dabei tut kein Braunhemd den Juden was, nicht mal ein Schimpfwort fliegt ihnen nach, es ist Alltag in Hamb., jeder geht seines Weges, wie immer.

Aber auch ihr gehen schon im ersten Halbjahr der Naziherrschaft die Augen auf:

Ein bitterböser Aprilscherz heute, der uns noch jahrelang zu tun geben wird. Um 10 wurden die „Posten“ bezogen. Hässliche rote Plakate kennzeichneten die jüdischen Läden. „Kauft nicht beim Juden“ usw. (…) Viele Geschäfte bezeichneten sich als „altchristlich“.

Von da an liest sich Solmitz’ Tagebuch – und darin weist es über sich hinaus – wie ein klinisches Protokoll politischer Schizophrenie. Denn Adolf Hitler ist ihr heilig, die brutale Gewalt gegen die Opposition kann sie auch tolerieren, nur mit der Judenpolitik seines Regimes kommt diese Nationalsozialistin nicht klar – ist sie doch selbst mit einem Juden verheiratet, was die judenhassende Tochter des Paares noch nicht weiß, im Gegensatz zu den Einwohnerregistern des deutschen Staates.

Indessen zeigen die anderen, weniger nazifreundlichen Tagebuchschreiber eine abwartende Haltung. Der Banker und seine Kreise neigen zu taktischen Manövern:

Sonnabend, 11. März … Morgens in der Dresdner Bank Salomon aufgesucht, um ihm meine Pläne des Eintritts in die Nationalsozialistische Partei mitzuteilen u. ihn zu fragen, ob sich dadurch meine jüdischen Freunde verletzt fühlen würden. Salomon findet meinen Plan richtig, Niemand werde sich verletzt fühlen. Salomon sagte weiter, er halte meinen Eintritt in die Nazi Partei für gut, weil in die Partei Leute gehen müssten, die nicht antisemitisch seien.   

Immer deutlicher tritt die politische Barbarei zutage

Und auch der Freidenker Nikolaus Sieveking sucht Ausgleichsargumente angesichts einer immer deutlicher zutage tretenden politischen Barbarei. Angestellt beim Hamburger Welt-Wirtschafts-Archiv, aus einer etablierten Hamburger Bürgerfamilie stammend, hat Sieveking gute Beziehungen zu den informierten Kreisen. Und er pflegt das Selbstdenken. Sieveking kommt schon vor dem 1. April zu dieser Einschätzung:  

Die Nationalsozialisten kündigen einen Boykott gegen jüdische Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte an, weil sie den Juden Schuld geben an der Verbreitung von Nachrichten in der Auslandspresse, die von Ausschreitungen gegen die Juden in Deutschland handelten. Diese Nachrichten mögen übertrieben sein; dass Ausschreitungen vorgekommen sind, weiß ich von zwei Gewährsleuten, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln ich keinen Anlass habe. Dafür nun wiederum die Juden leiden zu lassen, sieht dem Banditenvolk, von dem wir jetzt regiert zu werden die Ehre haben, so recht ähnlich.

Später unterscheidet Sieveking zwischen nationalsozialistischer Partei und neuer Reichsregierung. Die Regierung habe den von der Partei in größeren Dimensionen geplanten Judenboykott modifiziert und vorläufig auf den 1. April beschränkt. Das aber führt er auf mögliche Einflussmaßnahmen des Auslandes zurück.

Der vierte Tagebuchschreiber ist der jüdische Rechtsanwalt Kurt Fritz Rosenberg, ein vom deutschen Idealismus geprägter Bildungsbürger. Deutsch in Geist und Gemüt, fällt ihm die Einschätzung dieser Deutschen noch schwer, eine ganz bestimmte Erkenntnis dagegen nicht:

Es ist unmöglich für mich, die politische Umwälzung anders als in Verbindung mit der Judenfrage zu sehen. Die Bitterkeit ist unüberwindlich. An Anstand und Gesinnung will ich mich mit allen Nazis messen. Wer moralischer ist, werfe den ersten Stein. Warum macht man uns zu Parias? Kann man in allen Reden den Allmächtigen anrufen und seine Kreaturen, wenn sie Juden sind, mit Füßen treten?

Die Schleier fallen endgültig, als ihn die erste Welle der Berufsverbote für jüdische Anwälte trifft. Detailliert notiert er das Vorgehen der Behörden gegen ihn und seine jüdischen Kollegen, seine Überlebensmanöver und die konzentrierte Suche nach einem Ausweg ins Exil. Kurt Fritz Rosenberg sei zum Abschluss mit einem Gedanken zitiert, der sich als falsch erweisen möge:

Wer immer unsere Zeit aus historischer Perspektive kennen lernen wird, wird nicht ermessen können, wie tief diese Dinge in unser tägliches Leben eingreifen, vom überwachten Briefe u. Telefongespräch an.

Der Sinn dieser Tagebuchpublikation wäre hinfällig, wenn man es nicht ermessen könnte. Besonders eindringlich wirkt die subjektive Wahrnehmung des politischen Jahres 1933, wenn man die Tagebücher von Luise Solmitz und Kurt Fritz Rosenberg parallel liest. Sie zeigen aus maximal entgegensetzten Perspektiven, wie die Zeichen auf die kommende Zeit verweisen. Die organisierte Judenverfolgung des Regimes war klar zu erkennen, ebenso die Strategie der Nazis, das deutsche Volk hineinzuziehen. Unsere Tagebuchschreiber waren also sehr gut in der Lage, einen ideologischen Hauptansatz des Nationalsozialismus zu durchschauen.

Frank Bajohr, Beate Meyer, Joachim Szodrzynski (Hg.): Bedrohung, Hoffnung, Skepsis
Vier Tagebücher des Jahres 1933
Wallstein Verlag 2013, 494 Seiten, 34, 90 Euro
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