Dienstag, 16.10.2018
 

Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 11.07.2008

Das ist Jacke wie Hose …

Diesmal geht es um die Redensarten: Das ist Jacke wie Hose, Nicht viel Federlesens machen, Freunde der Nachvertonung, Jemandem auf den Wecker fallen, Keinen Hehl daraus machen u.a.

Das ist Jacke wie Hose

Seltsam klingt der Ausdruck, denn es handelt sich doch um ganz unterschiedliche Dinge. Gleichwohl soll die Wendung heißen "das ist eins wie das andere". Die Lösung liegt darin, dass es eine ältere Redewendung gibt, die abgewandelt wurde.
Man sagte in der Frühen Neuzeit "Das sind zwei Hosen eines Tuchs". Es ging also darum, dass zwei Hosen aus demselben Stoff gefertigt worden waren, sich also nicht unterschieden. Als im 17. Jahrhundert die Wendung "Jacke wie Hose" aufkam, ergänzte man in Gedanken "aus einem Tuch". Gemeint war also, beide Kleidungsstücke sind aus demselben Stoff und insofern gleich. Die Ergänzung scheint mir insofern besonders sinnvoll, da ja die wenigstens Dinge wirklich völlig gleich sind, aber in einem Punkt, auf den es ankommt, identisch.

Nicht viel / kein Federlesens machen

Man kann ja Bücher lesen, auch Körner, wenn man ein Huhn ist. Aber Federn? Nun, im späten Mittelalter gab es Leute, die das taten oder denen man es zumindest vorwarf. Sie lasen, sammelten also höhergestellten Herrschaften die Federn und Flusen von der Kleidung, ob es nun welche gab oder nicht. Mit diesem Höflingsverhalten, das aufrechte Bürger als schleimig empfanden, zeigten sich diese Leute unterwürfig und diensteifrig. So hieß "Federlesens machen" lange Zeit "sich anbiedern, einschleimen".
Im 16. Jahrhundert wandelte sich die Bedeutung, weil man es übertrieben fand, sich jedes Fusselchen von der Kleidung zu lesen. Hier ging es also um die eigene Kleidung. Es galt als närrisch, umständlich und sinnlos "ein Federleser" zu sein, war es doch unvermeidbar in alten Zeiten vor Straßenreinigung, befestigten Straßen und Staubsauger, ganz sauber zu bleiben. Von hier aus entwickelte sich die Redensart zu unserer Bedeutung, wobei sie nur noch in der Verneinung lebendig geblieben ist und bedeutet, "umstandslos, direkt, ohne Umschweife".

Freunde der Nachvertonung

Diesen Ausdruck des Erstaunens habe ich noch nie gehört, doch in München verwendet man ihn im Sinne von "Mein Freund und Kupferstecher!". Man denkt als Filmfreund an "Some like it hot", wo die Verbrecherorganisation sich unter dem Namen "Freunde der italienischen Oper" tarnt, oder an "Dead men don't wear plaid", in denen die "Friends of Calotta" vorkommen. Darüber hinaus gibt es sie wirklich, die "Freunde der Nachvertonung", also diejenigen, die nicht mit Direktton am Set filmen, sondern später im Studio oder daheim synchronisieren, Geräusche oder Musik unterlegen. Im Internet tauschen sie sich über rechtliche Probleme und technische Fragen aus. Mit den verbreiteten kuriosen Film-Ausdrücken Billy Wilders und Carl Reiners hat sich der kurios und altmodisch klingende Ausdruck offenbar als neues Wort fürs Erstaunen etabliert, das allerdings wohl noch nicht sehr verbreitet ist. Mal sehen, wie lange es sich hält im Konzert der Redewendungen.

Jemandem auf den Wecker fallen

Ach, der Wecker! Wer hat all die Wecker gezählt, die zertrümmert, versenkt oder in den Müll geworfen wurden, weil sie so zuverlässig wie lästig weckten, obwohl der zu Weckende darauf noch gar nicht eingestellt war. Hier haben wir schon eine Verbindung zur Redensart, denn auch der Mensch, der einem auf den Wecker fällt, ist ja lästig. Warum aber "fällt" er?
Wie in manchen anderen Fällen handelt es sich um eine fortentwickelte ältere Redensart. Die meisten Menschen kennen die Formen "Du gehst mir auf die Nerven" oder "Du fällst mir auf die Nerven", wobei "Nerven" durch "Geist" ersetzt werden kann. Der Zusammenhang ist hier deutlich, denn der lästige Mensch wird als zudringlich erfahren, er trampelt auf den Empfindungen eines anderen herum, er fällt darauf, er geht auf den Nerven herum; alles sehr lästig. Die Gedanken bzw. das Hirn eines Menschen verglich man aber seit alters mit einem Uhrwerk. Im besten Sinne dachte man ja folgerichtig und vernünftig, so dass ein Gedanke in den anderen griff wie ein Zahnrädchen ins andere. Der Wecker hatte nun noch den Vorteil, nicht nur für den Geist stehen zu können, sondern auch mit seiner großen runden Form, die er früher in aller Regel hatte, dem Kopf selbst zu ähneln. Aus diesen Gründen konnte er besonders gut die Wörter "Nerven" oder "Geist" ersetzen.
Es gibt noch die Idee, dass der Ausdruck sich dem Jiddischen verdanke, wo "weochar" hieß "er regt mich sehr auf". Man habe wegen der Ähnlichkeit das Wort umgangssprachlich in "Wecker" verändert, was aber unverständlich war und deshalb in die ältere Redensart eingesetzt worden sei. Das alles scheint mir allerdings ein wenig kompliziert und weit hergeholt.

Keinen Hehl daraus machen

Es gibt eine Reihe von Wörtern hohen Alters, die einfach munter weiter existieren, obwohl man sie schon lange nicht mehr versteht. "Hehl" gehört noch zu jenen Begriffen, die wegen ihrer vielfältigen Varianten sich indirekt erschließen lassen. Verwandt ist zum Beispiel der Hehler, von dem der Volksmund weiß: "Der Hehler ist schlimmer als der Stehler." Er handelt nämlich mit Diebsgut, begünstigt die Straftat. Ohne ihn wüsste der Dieb nicht, was er mit seiner Beute anfangen sollte, ist er ja in der Regel nicht auf Sachbesitz, sondern auf Geldgewinn aus.
"Hehl" bedeutet "Geheimnis" und gehört zu "hehlen", das "verheimlichen, verstecken" heißt. Beide haben sie althochdeutsche Wurzeln, die sich zu so unterschiedlichen Wörtern wie "Helm", Hülle", "Hülse", "Halle" entwickeln konnten. So bedeutet "helan" "verbergend bedecken". Auch "unverhohlen" gehört zu "hehlen" und bedeutet "offen, frank, frei" etwas äußern. Man verbirgt also nichts, wenn man "keinen Hehl daraus macht".

Den Löffel abgeben

Den Tod vermeidet man lieber, solange es geht, sogar in der Sprache, denn die Menschen sind abergläubisch und haben Angst, die Wörter könnten herbeirufen, was sie bezeichnen. Also gibt es unzählige Ausdrücke, die sich eingebürgert haben, um den Tod eines Menschen zu bezeichnen. Da ist "jemand über den Jordan gegangen", er hat "das Zeitliche gesegnet", er "besieht die Radieschen von unten" oder er hat eben "den Löffel abgegeben".
Man wählte gerade dieses Essinstrument, weil es über Jahrhunderte das übliche und oft sogar einzige war. Gabeln verwendete man bei Tisch erst in der Neuzeit öfters, ansonsten behalf man sich mit dem Messer, das zum Schneiden wie zum Stechen diente. Es war allerdings in vielen Gegenden und zu manchen Zeiten den einfachen Leuten nicht erlaubt, Messer mit sich zu führen, da es sich nicht um einfache Besteckmesser, sondern potentiell gefährliche Waffen handelte, auch wenn sie meist nur als Allzweckwerkzeug dienten. Einen Löffel dagegen führte praktisch jeder mit sich, was auch daran lag, dass man gerade in der einfachen Bevölkerung in der Regel Eintöpfe aß, Suppen, Getreidebreie. Wenn jemand also den Löffel abgab, dann brauchte er nichts mehr zu essen, weil er starb. Weil der Löffel so verbreitet war, galt er übrigens auch als dinglicher Stellvertreter der Person, weshalb sich allerlei Aberglauben um ihn rankt. In adligen Häusern soll das Herabfallen eines Silberlöffels als Zeichen für den Tod eines Verwandten bewertet worden sein.

Ich glaub, mein Schwein pfeift

Wenn etwas Unerhörtes geschieht, dann muss der Mensch seinem Herzen Luft machen, dann ruft er irgendetwas aus, wobei es nicht immer einen Sinn haben muss. Das pfeifende Schwein jedoch kann man schon erklären, denn es verdankt sich einer ganzen Menagerie und im Ursprung einer handfesten Redensart.
Sehr alt ist die Wendung "Mich trifft der Schlag!" bei Überraschungen aller Art. Gemeint waren die uns ja leider immer noch geläufigen plötzlichen und manchmal tödlichen Herz- oder Hirnschläge bzw. der Schlaganfall. So unvorhergesehen und so schrecklich wie ein Schlag traf da etwas den Körper und lähmte, warf um oder tötete sogar. Indem man den Ausdruck auf alltägliche Überraschungen übertrug, trieb man fröhlich mit Entsetzen Spott.
Der Volksmund nun hat ein unstillbares Vergnügen daran, Wörter und Worte zu verändern. Man möchte sich witzig zeigen und geistreich. So entstand die Form "Ich glaub, mich tritt ein Pferd." Wie in allen weiteren kann auch in dieser Wendung das "Ich glaub" wegfallen, weil es jeder im Geist ersetzt. Auch der Pferdetritt ist ja ein Schlag, ein kräftiger dazu, eher selten dazu, aber alles andere als ausgeschlossen. Im Wandel der Verkehrsmittel kam es zu "Ich glaub, mich streift ein Bus!" Das tierische Erstaunen allerdings blieb lebendig in alten Wendungen wie "Ich glaub, mich laust der Affe!" Affen begleiteten Drehorgelspieler nicht nur in Berlin, aber dort entstand die Redensart, weil man beobachtete, dass die possierlichen Tierchen nicht nur zum Geldeinsammeln eingesetzt wurden, sondern auch um die Menschen zu unterhalten. So ließ sein Besitzer es manchmal Leuten auf die Schulter springen, wo sie begannen, in den Haaren herumzusuchen, als lausten sie ihn. Das brachte denjenigen in eine peinliche Situation, die Umstehenden aber zum Lachen. Übrigens lausen die Affen sich gar nicht, sondern pulen salzhaltige Hautschüppchen einander aus dem Pelz.
Und dann gab es vor etwa vierzig Jahren kein Halten mehr. Immer neue Varianten ungewöhnlicher Erlebnisse entstanden und leben teilweise bis heute: Da kam man fast zwangsläufig auf eines der beliebtesten Redensartentiere, das Schwein. Schweine quieken wohl, sie schreien auch und grunzen erst recht, aber pfeifen können sie nicht, weshalb sich die Redensart für den Ausdruck des Erstaunens eignete. Es folgten weitere: "Ich glaub, mein Hamster bohnert!" "Ich glaub, mich knutscht ein Elch!" "Ich glaub, mein Hund spielt Halma!"

Wat dem een sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall

Das Sprichwort findet sich in vielerlei Schreib- und Lautvarianten, bleibt aber in der Regel seiner plattdeutschen Form treu. Nachtigall und Eule sind die bekanntesten Nachtvögel und finden sich in zahllosen Wendungen, Gedichten, Dramen und Prosatexten. Ihre Bedeutung ist darin geradezu gegensätzlich. Während die Eule der dämonischen und unheimlichen, ja teuflischen Sphäre zugerechnet wird, gilt die Nachtigall seit langem als christliches Symbol und natürlich als Liebesvogel, dessen Gesang die Herzen betört.
Insofern kann man das Sprichwort mit einem anderen Sprichwort übersetzen, nämlich: "Jedem Tierchen sein Pläsierchen!" Es geht darum, dass zwei Menschen etwas ganz anders auffassen, einen ganz unterschiedlichen Geschmack und unterschiedlich Wünsche haben, ganz andere Urteile fällen.

Wenn der Uhu und die Eule schreit, ist der Teufel nicht mehr weit

Beide Nachtvögel gehören zur dämonischen Sphäre. Dunkelheit hieß früher ja wirklich Nachtschwärze, ägyptische Finsternis, da es keine Straßenbeleuchtung gab und überhaupt künstliches Licht teuer war. Wenn dann noch Uhu oder Eule unheimlich riefen, schien den Menschen der Teufel nahe zu sein. Das Sprichwort konnte sich von hier aus auf andere eindeutige Situationen übertragen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur