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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 03.05.2011

Das Internet entlarvt das Sachbuch als Schwachbuch

Wie Verlage und Autoren mit Sachbüchern über das Web Geld verdienen wollen

Von Florian Felix Weyh

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Viele Autoren stürzen sich derzeit auf das Thema Internet.  (AP)
Viele Autoren stürzen sich derzeit auf das Thema Internet. (AP)

Sie heißen "Internetsachbücher" und wollen dem geneigten Leser erklären, wie das Netz funktioniert. Doch die Strategie geht nicht auf, denn wirkliche Fachleute gibt es nur wenige. Viele der Autoren bieten daher nur Altbekanntes.

Der eine errichtet ein ganzes Buch auf einer einzigen Idee: Dateien sollten ein Verfallsdatum besitzen. Hübscher Einfall, nächster Titel! Darin werden Informationen bar eigener Gedanken versammelt, was satte 300 Seiten füllt. Ein drittes Buch spielt seine Ähnlichkeit mit bereits vorhandenen Texten nicht einmal herunter. Ein viertes posaunt uralte maschinenstürmerische Warnrufe aus, wie sie seit Beginn der Industrialisierung jede Technologie mindestens einmal auf sich zog.

Unter dem Warengruppenschild "Internetsachbücher" sammelt sich derzeit viel geistiges Elend in den Buchhandlungen. Angetrieben von Verlagslektoraten, die einen Riesenmarkt wittern, stürzen sich vornehmlich Journalisten auf diese weißen Flecken der menschlichen Wissenslandkarte.

Doch das geht gründlich schief, denn alle Autoren kämpfen mit den gleichen Problemen. Erstens wissen sie mehr als ihre Leser, aber sie wissen nicht, was ihre Leser wissen. Also schildern sie zur Sicherheit das Internet ab Urknall und erstem Schöpfungstag. Zweitens wissen die Autoren selten mehr als andere Autoren. IT-Fachleute und echte Brancheninsider sind rar gesät, weil Erstere nicht schreiben können, Letztere es oft nicht dürfen.

Wer bei Apple, Google & Co. als Angestellter aus dem Nähkästchen plaudert, ist flugs kein Angestellter mehr. So lassen sich mühelos zwei Dutzend Wanderanekdoten isolieren, die munter von einem Buch zum anderen hüpfen. Besonders augenfällig ist dies in biografischen Passagen über Firmengründer wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg oder Sergej Brin und Larry Page von Google. Hat auch nur ein Bruchteil der Autoren, die über sie schreiben, ein paar Minuten Audienz bei ihnen gewährt bekommen? Natürlich nicht, und das merkt man den Büchern an.

Drittens schreiben alle mit der Angst im Nacken, schon beim Erscheinungstermin überholt zu sein. Der Weg vom Papier zum Altpapier ist in diesem Genre besonders kurz. Diese Schwachstelle wird das E-Book vermutlich bald kurieren. Es ist ja schneller als das gedruckte Wort und vor allen Dingen "updatefähig" – neue Erkenntnisse können rasch in den alten Textkorpus integriert werden. Doch bleibt eine beunruhigende Grundsatzfrage: Im Dezemberheft des "Merkur" merkte die kluge Publizistin Kathrin Passig an, dass umfangreiche Sachbücher oft nur entstünden, weil das physische Format Buch zu seiner Verkäuflichkeit eine opulente Seitenzahl benötige.

Diese haptische Forderung – Bücher müssen etwas wiegen! – unterläuft seit Generationen den inhaltlichen Appell nach Gedankenschärfe. Und gewohnheitsmäßig stopfen die Verlage so viel Altbekanntes in die vorgegebene Buchhülle hinein, bis die angestrebte Seitenzahl erreicht ist. Im Internetzeitalter fliegt Altbekanntes jedoch rasch auf. Mogelpackungen und Füllpassagen werden als solche erkannt.

Ja, "copy-paste"-Vergehen könnten sogar von Dienstprogrammen ohne menschliches Zutun geahndet werden – durch Löschung beispielsweise. Was bliebe, wäre die nackte Substanz. Und die Mehrheit aller Sachbuchautoren stünde ziemlich jämmerlich da.

Nur wenn an Breite gespart und in Tiefe investiert wird, kann sich das alte Sachbuchformat ins neue Zeitalter retten – bei den Büchern übers Internet ist freilich davon nichts zu spüren. Vermutlich gibt es einfach zu wenige begnadete Geister wie Kathrin Passig oder Peter Glaser, die sich ihrem Hightech-Gegenstand denkend und nicht bloß schildernd nähern; und das tun sie inzwischen viel lieber im Netz.

Zum Olympioniken der Erkenntnisverdichtung hat es dabei Peter Glaser gebracht. Ihm genügen auf Twitter ein paar veränderte Buchstaben, um das Weltgeschehen auf den Punkt zu bringen. Wenn er etwa staatliche Datensammellust mit "Vorabtatenspeicherung" kommentiert, dann ist das ganz große kleine E-Literatur – Druckerschwärze zwischen zwei Buchdeckeln überflüssig.

Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, Schriftsteller und freier Journalist in Berlin (Katharina Meinel)Florian Felix Weyh, geboren 1963, lebt als Autor und Publizist in Berlin. Preise und Stipendien für Drama, Prosa und Essay; seit 1988 arbeitet er regelmäßig als Literaturkritiker für den Deutschlandfunk. Sein jüngstes Buch "Die letzte Wahl – Therapien für die leidende Demokratie" erschien 2007 in der Anderen Bibliothek. Verstreute Texte und weitere Informationen zur Person sind auf www.weyh.info zu finden.

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