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Lange Nacht | Beitrag vom 29.05.2021

Das Internet als Freiheitsraum für FrauenEin Zimmer für sich allein

Von Antje Allroggen und Brigitte Baetz

Zimmer der Dame in einer Berliner Wohnung. Foto um 1920. (akg-images / Zander & Labisch)
Wenn Frau in Zeiten der Pandemie kein einzelnes Zimmer mehr für sich alleine hat, hilft dann nur noch das Internet, um sich unbeobachtet und frei zu fühlen? (akg-images / Zander & Labisch)

Über Jahrhunderte haben Frauen einen eigenen Raum entbehrt. Selten waren sie mit sich allein. Immer waren sie umgeben vom Mann, von Kindern oder Personal. Wenn sie dann doch einmal für sich sein wollten, fand sich kaum eine Rückzugsmöglichkeit.

Am 29. März 1929 war es der britischen Schriftstellerin Virginia Woolf gelungen, ein "Zimmer für sich allein" zu haben. Ein Zimmer mit einer eigenen Schreibmaschine. Wenig später schreibt Woolf ihren berühmten Essay "Ein Zimmer für sich allein". Ein Plädoyer für einen eigenen Raum – und damit Unabhängigkeit – für Frauen.

Verlust der Privatsphäre in der Krise

Durch die Erfindung des Internets taten sich viele neue Räume auf. Neue Zimmer, die, so meinte man, genügend Platz für alle Geschlechter boten. Der Ausbruch von Corona hat diese Bewegung ins Stocken gebracht. Das eigene Zuhause erlebt eine Renaissance, während die eigenen Freiräume schwinden. Die Pandemie-Krise führte zu erheblichen Einschnitten und Veränderungen der Arbeitswelt.

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Unter dem Hashtag #Wirbleibenzuhause wurden Frauen und Männer dazu aufgefordert, ihren Radius so weit wie möglich einzuschränken, zu Hause, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Schulen wurden geschlossen und die Schülerinnen und Schüler verbrachten Monate zu Hause im Homeschooling. Ähnliches galt für die Kitas. Erleben wir dadurch einen Rückfall in traditionelle Rollenmuster?

Während der Pandemie gerieten viele Frauen erneut in traditionelle Rollenverteilung und Anforderungen. (dpa / PA Wire /  Ian West)Während der Pandemie gerieten viele Frauen erneut in traditionelle Rollenverteilung und Anforderungen. (dpa / PA Wire / Ian West)
Lisz Hirn, österreichische Autorin und Philosophin. Im Frühjahr 2019 erschien ihr Buch "Geht´s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist". Schon vor Ausbruch der Pandemie hatte Hirn eine Rückkehr zum Gesellschaftsideal der 1950er-Jahre beobachtet, das Männer und Frauen in alte Rollenbilder drängt.

Im April 2020 veröffentlichte sie einen Artikel in der Wochenzeitung Die Zeit, in der sie die Rolle der Frau in Krisenzeiten genauer betrachtet. Darin heißt es: "In die eigenen vier Wände verbannt, erhalten auch die klassischen Geschlechterrollen wieder Rückenwind. Wir werden uns an diese ´neue Normalität` gewöhnen müssen, heißt es von der Regierung."

Artikel von Lisz Hirn: Konservativismus. Zurück in alte Muster. Die Zeit, 25. April 2020

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler geht noch weiter in ihrer Betrachtung. Für sie sind die Probleme, die sich aus der Zuschreibung und der Reproduktion von Geschlechterverhältnissen ergeben, keinesfalls naturgegeben. Ausgehend von Simone de Beauvoirs Buch "Das andere Geschlecht" aus dem Jahr 1951, schließt sie, dass die Einteilung in zwei Kategorien – "männlich" und "weiblich" – ein Konstrukt ist. Nach ihrer Auffassung werde eine natürlich-biologische Tatsache dazu instrumentalisiert, Macht und Herrschaft auszuüben.

Das Internet vor der Pandemie

Das Internet dient seit den 1990er-Jahren als Hilfsmittel auf dem Weg zur eigenen Selbstfindung. Niemals zuvor gab es die Möglichkeit, nicht nur Texte, sondern auch Bilder in rasanter Kürze mit vielen Menschen zu teilen. Der Kunstsoziologe Wolfgang Ullrich spricht von einem regelrechten Iconic Turn: Was vor dem Internet die Sprache war, sind jetzt die Bilder. Wir kommunizieren im Netz weniger mit Worten als mit Bildern: Emojis für jede Stimmungslage, Gifs, Memes.

Unterschiedliche Emojis ersetzen heute unseren Ausdruck für eine Emotion. (Unsplash / Domingo Alvarez)Unterschiedliche Emojis ersetzen heute unseren Ausdruck für eine Emotion. (Unsplash / Domingo Alvarez)

Das Internet ist ein Kommunikationsmedium, das jedem einzelnen so viele Kontakte beschert, wie selten sonst im analogen Leben. Verbindungen zu Menschen, die Tausende Kilometer weit entfernt leben und denen man sonst vielleicht niemals begegnet wäre.

Die Digitalisierung im Zuge der Pandemie

Für Marlene Streeruwitz, die sich selbst als Feministin bezeichnet, leiden vor allem Frauen unter der durch Corona staatlich angeordneten Isolation und der damit einhergehenden Digitalisierung. In ihrem Hörspiel "Zimmerstunde", noch vor der Pandemie 2019 entstanden, thematisiert sie weibliche Identität anhand verschiedener Räume.

Lisz Hirn wagt einen Blick in die Zukunft und "möchte schon zumindest weitere Schlaglichter werfen, auf das, was diese Pandemie mit unserer Auffassung vom Menschsein macht. Ja, wie sich diese Geschlechterrollen weiter entwickeln werden, auch nach der Krise, vor allem mit einem Fokus auf Arbeit oder die Zukunft der Arbeit. Das wird mich auf jeden Fall weiter beschäftigen. Und ich glaube, das wird uns als Gesellschaft sicher noch das nächste Jahrzehnt beschäftigen."

Selbstbilder – Fremdbilder – Trugbilder

Wie viel Inszenierung verträgt das eigene Selbst im Netz? Wer bin ich? Jemand anderes als die Person, die sich im Netz den anderen präsentiert? Wie schön bin ich? Und was passiert, wenn ich dem Schönheitsideal im Netz nicht genüge? Wie viel Lüge verträgt das eigene Selbst? Und was passiert, wenn meine Bilder im Netz kursieren und ich den Verlauf nicht mehr steuern kann?

Die Selbstdarstellung ist trügerisch für Betrachter aber auch die eigene Wahrnehmung. (Unsplash/ Angel Lopez)Die Selbstdarstellung ist trügerisch für Betrachter aber auch die eigene Wahrnehmung. (Unsplash/ Angel Lopez)

Können wir ein Zimmer, nur für uns allein, wirklich im Internet finden? Finden wir da für uns einen Ort, der uns als Rückzugsort dient, als Quelle der Inspiration, der Selbstfindung? Oder ist es nicht das Gegenteil, was wir im Netz erleben? Tummelplätze der Eitelkeit, der Konkurrenz, des Drucks, immer ein perfektes Selbst zu zeigen?

Und was passiert, wenn im Netz virtuelle Räume zu Echokammern werden? Also zu Räumen, in denen eine andere Meinung als die Mehrheitsmeinung nicht geduldet wird? Was können wir dagegen tun, um aus Filterblasen wieder Orte des Diskurses oder auch des Rückzugs werden zu lassen.

Unter Beschuss – Shitstorm und Hatespeech

Während Virginia Woolfs Zimmer für sich allein auch in der Beschränkung, im Rückzug, eine bis dahin nicht erhoffte Freiheit versprach, ist der riesige Raum des World Wide Web ein Ort, in dem man alles ist – nur nicht allein. Ein Ort der Freiheit, des Austausches – und leider auch des Hasses. Das erfahren nicht nur Frauen. Das Prinzip Shitstorm beschränkt sich nicht nur auf die weibliche Hälfte der Menschheit. Und doch werden Frauen schneller und heftiger attackiert, sagt beispielsweise Gilda Sahebi. Sie ist Ärztin, Journalistin und Politikwissenschaftlerin. Doch warum ist das so?

Die österreichische Journalistin und Expertin für Kommunikation im Internet, Ingrid Brodnig, hat mehrere Bücher zum Web, zum Hass im Netz und zur digitalen Kommunikation verfasst. Sie erklärt, warum sich die traditionellen Frauenklischees auch im Netz wiederfinden und sich oft sogar verstärken.

Wenn ich auf der Tastatur etwas eintippe, sehe ich mein Gegenüber nicht und höre nicht die Stimme. Wichtige nonverbale Signale fallen weg: der Augenkontakt, Mimik, Gestik, die Klangfarbe der Stimme. Sehe ich einer Person in die Augen und beleidige sie, spüre ich sofort, wie gekränkt sie ist. Selbst wenn die Person nichts sagt, kann ich an der Körpersprache ablesen, wie verletzend meine Worte sind. Im Internet fehlen diese Signale. Der Psychologe John Suler nennt dies den sogenannten Online-Enthemmungs-Effekt.

Onlinekommunikation kann ungeahnte und ungewollte Ausmaße annehmen. (Unsplash)Onlinekommunikation kann ungeahnte und ungewollte Ausmaße annehmen. (Unsplash)

Frauen, die einen Shitstorm erfahren, ziehen sich oft zurück, was man Silencing nennt. So wird das Nicht-Reagieren eine Form der Selbstermächtigung. Wer nicht Rechenschaft ablegt, behält in gewisser Hinsicht die Kontrolle über sein eigenes Seelenleben und die eigene Integrität. Doch Ignorieren ist nicht immer eine Lösung, gerade, wenn aus den Drohungen und Beschimpfungen im Netz Übergriffe im realen Leben werden, wenn Morddrohungen ausgesprochen und die Wohnadressen der Betroffenen im Netz herumgereicht werden.

Ist die Onlinewelt trotz allen Humors ein Ort des Hasses und der permanenten Selbstverteidigung? Ingrid Brodnig verneint diese Frage. Die Masse an Hasskommentaren suggeriere ein falsches Bild: Die Mehrheit der Nutzer sei friedlich und wohlwollend. Man müsse aufpassen, so Ingrid Brodnig, dass einer lauten und aggressiven Minderheit nicht zu viel Macht eingeräumt werde.

Entgrenzung und die Entdeckung neuer Identitäten

Anastasia Umrik ist Behindertenaktivistin, Autorin, Coach, Rednerin, Podcasterin, auf Twitter und Instagram und mit einem eigenen Blog sichtbar. Sie schreibt über ihren Alltag, reflektiert ihre Emotionen und möchte auch andere Menschen dazu ermutigen, sich im Internet zu zeigen. Nicht nur Frauen und Behinderte: "Was ich besonders am Internet mag, ist, dass diese Welt keine oder wenig Barrieren kennt.

Es gibt keine Stufen. Es gibt keine Ungeduld von Menschen, die schnell vorbei müssen. Es gibt keine überfüllten Busse, keine Bars im zehnten Stock oder im Keller. Der Kontakt, den wir herstellen können zueinander, ist durch so viele Sachen einfacher. Wir müssen nicht erst schauen, dass wir uns an einem Ort begegnen, sondern wir begegnen uns online dort, wo es keine Stufen gibt.

Die 17-jährige Freya nutzt die Möglichkeiten, mit denen man sich auf Instagram und vor allem auf Snapchat fast bis zur Unkenntlichkeit verwandeln kann. Eine Facette der eigenen Persönlichkeit? Ein anderes Ich? Ein Über-Ich? Eine Metamorphose? Oder nur eine comichafte Überzeichnung der eigenen Makel und Schwächen?

Ein Sich-Lösen von den Urteilen, die unsere Gesellschaft über uns aufgrund unseres biologischen Körpers fällt. Das könnte eine Befreiung sein, die den Weg frei macht in einen anderen Raum, der in einen anderen, dargestellten Körper führen kann. Und damit bisher unterdrückte oder nicht gelebte Facetten der eigenen Identität zulässt.

Das ist eine der großen Hoffnungen, die wir gerade mit der Weiterentwicklung des Internets verbinden. Vor etwa zehn Jahren wünschte man sich noch, es solle weiblicher werden. Das ist es mittlerweile deutlich geworden. Der nächste Schritt wäre nun erreicht, wenn das biologische Geschlecht keine wirklich bedeutende Rolle mehr spielen würde.

Eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur/Deutschlandfunk 2021, das Skript zur Sendung finden Sie hier

Literaturangaben:
Virginia Woolf: "Ein Zimmer für sich allein", Kampa Verlag 2020
Marlene Streeruwitz: "So ist die Welt geworden. Der Covid-19-Roman", S. Fischer Verlage 2020
Wolfgang Ullrich: "Selfies. Digitale Bildkulturen", Wagenbach Verlag 2019
Lisz Hirn: "Corona-Tagebuch" auf 3sat und den Podcast "Philosophieren mit Hirn". Zuletzt erschien ihr Buch "Wer braucht Superhelden", Molden Verlag 2020

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