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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.09.2015

Das hinduistische FeuerritualIn die richtige Richtung beten

Von Antje Stiebitz

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Eine Feuerzeremonie (picture alliance / dpa / Everett Kennedy Brown)
Eine Feuerzeremonie (picture alliance / dpa / Everett Kennedy Brown)

Religionen mit ihren symbolträchtige Handlungen, Worten und Gesängen sind für Beobachter oft ein Rätsel. So sind auch die vielen kleinen und großen Rituale des Hinduismus für westliche Augen und Ohren meist ungewohnt. Zu Gast bei einer hinduistischen Feuerzeremonie.

Berlin, im bürgerlichen Stadtteil Charlottenburg. Die Klingel steht nicht still. Einer nach dem anderen lassen sich die Gäste im Schneidersitz auf den bunten Tüchern nieder, die den Wohnzimmerboden bedecken. Mitten im Zimmer sitzt der Gastgeber Avnish Lugani, vor sich eine ungewöhnliche Apparatur: Auf einem Backblech steht eine Pfanne und in der Pfanne ein quadratisch geformter Trichter, in dem einige schmale Holzscheite stecken. Drumherum stehen kleine Töpfchen, Tellerchen und andere Ritualgegenstände. Avnish Lugani hat zu einer Yagya geladen, einem hinduistischen Opferritual.

Die Yagya, auch Homa-Zeremonie oder Feueropfer genannt, hat ihren Ursprung in den Veden. Wer eine Yagya ausrichtet, will den Segen der Götter gewinnen. Der Gott des Feuers, Agni, auch als „Mund der Götter“ bezeichnet, überbringt den Göttern die Opfergaben.  Meistens sind das Butterschmalz, Reis und verschiedene Kräutermischungen. Die Homa-Zeremonie harmonisiert nach hinduistischer Vorstellung Mensch und Universum. Dankbarkeit, Demut und Opferbereitschaft sollen Resonanz bei den Göttern finden und sich positiv auf alle Lebewesen auswirken.

Rituelle Reinigung 

Inzwischen richten rund 25 Gäste ihre Augen erwartungsvoll auf Avnish Lugani. Der 80-Jährige beginnt die Yagya, indem er sich rituell reinigt. Er füllt vier Töpfchen, die in allen Himmelsrichtungen der Feuerstelle stehen, mit Wasser. Dann gießt er mit einem Löffelchen Wasser in die Hand, trinkt es und berührt mit den Fingern Stirn, Augen, Mund und Ohren. Währenddessen spricht er Mantren, heilige Verse.

Es gibt viele und sehr unterschiedliche Gründe, eine Homa-Zeremonie durchzuführen. Es gibt Feuerrituale für die Veden, für Heilige oder für alle Mitgeschöpfe. Sie werden zu Festen im Jahreszyklus durchgeführt oder zu Hochzeiten zelebriert. Oft ist mit dem Opfer auch ein Wunsch verbunden. Avnish Lugani führt häufiger im Jahr eine Yagya durch, zu der er Familienmitglieder, Freunde und Bekannte einlädt. Jedes Feuerritual stellt er unter ein bestimmtes Motto, und heute möchte er, dass alle Anwesenden bedenken:

"Dass man sollte niemals jealous sein, das ist wichtig, Neid ist das Schlechteste im Leben, das man hat. Deshalb sollte man nie neidisch sein.“

Dann stimmen alle gemeinsam mehrmals die heilige Silbe Aum an. Nach der äußeren Reinigung mit Wasser dient sie der inneren Reinigung, der Reinigung des Geistes:

"Aum, Aum“

Mit Unterstützung des Gayantri-Mantras

Das Leben der Anhänger indischer Religion ist von vielfältigen Ritualen geprägt. Rituale sind komplexe Gebilde aus symbolträchtigen Handlungen, Worten und Gesängen, die nur mit dem Wissen eines religiösen Spezialisten und einer Vielzahl von Ritualgegenständen durchgeführt werden können. Die Dauer einer Yagya ist eng mit dem Anlass und dem Geldbeutel des Opferveranstalters verbunden. Sie kann wenige Minuten, einige Stunden oder Monate dauern. Und: Jedes Ritual hat einen mythologischen Bezug.

Die wohl bekannteste mythische Yagya ist die unheilvoll verlaufene „Daksha Yagya“: Daksha ist der Sohn des Gottes Brahma, Vater der Göttin Sati und Schwiegervater des Gottes Shiva. Die Heiligen Schriften erzählen seine Geschichte so: Der in den Bergen lebende Asket Shiva war nicht gerade der Schwiegersohn, den sich Daksha wünschte. Und als er eines Tages alle Götter zu einer großen Yagya einlädt, schließt er einzig Shiva von der Zeremonie aus. Da verbrennt sich seine Tochter Sati aus Scham und stellt dadurch die Ehre ihres Mannes Shiva wieder her. Als Shiva davon hört, zerstört er das Opferfeuer, tötet Daksha und trägt Sitas Leichnam trauernd durch das Universum. Doch die heutige Yagya ist glücksverheißend.

Avnish Lugani erklärt, warum alle das Gayatri-Mantra singen:

"Denn Gayatri-Mantra ist so, dass wir beten für den Intellekt, diesen Intellekt in die richtige Richtung zu haben. Und beten zu Gott, uns unsere Sünden zu verzeihen. Dass er uns die Gabe gibt, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, das ist das Gayatri-Mantra.“

Avnish Lugani entzündet ein Streichholz. Ganz langsam beginnt das Feuer zu brennen. Dann flammt es hell auf, und im Wohnzimmer wird es warm.  

Während das Feuer knistert, murmelt Avnish Lugani ein weiteres Mantra und gießt mit einem Löffelchen Wasser in alle vier Himmelsrichtungen der Feuerstelle. Dann verteilt er eine Kräutermischung, getränkt in geklärter Butter auf kleinen Tellerchen, reicht sie herum, und jeder der Besucher nimmt etwas von der Kräutermischung in die Hand und wirft es ins Feuer. Rauch und Kräuteraroma füllen das Zimmer, jemand öffnet das Fenster. Das Feuer und die Aromen der Kräuter würden überall Frieden und Liebe verbreiten, erklärt Avnish Lugani.

Aarti - eine Art Andacht

Das Singen und Klatschen hält ein Weilchen an, und gleich im Anschluss folgt eine kurze Aarti, eine Art Andacht, bei der die Götter durch das Schwenken von Kerzenlicht und durch Gesang visualisiert und verehrt werden.

Langsam erhebt sich die kleine Ritualgemeinschaft vom Boden, die Glieder werden gereckt und gestreckt, und aus der Küche strömt bereits der Duft von Essen. Einer der Gäste, Rajesh Chhabra, begründet, warum er an der Yagya teilnimmt. Der Mensch und das ganze Universum, beginnt er, bestehe aus fünf Elementen: Erde, Wasser, Luft, Äther und Feuer.

"Diese fünf Elemente haben wir von der heiligen Kraft, von Gott geschenkt bekommen. Und wir sagen Gott: Du hast uns soviel gegeben, Du hast uns gemacht. Wir sind Dir sehr dankbar, und wir haben nichts anderes, als Dir das  zurückzugeben.“

Der Indologe Axel Michaels beschreibt in seinem Standardwerk über den Hinduismus, wie der Opferveranstalter in dem Moment das Opfer aus sich herausholt, wenn er das Opferfeuer entzündet. Das Opfer sei dann sein Selbst, und das Selbst sei das Opfer. Und weiter:

"Auch Prajaapati, der Oberherr der Götter und der erste Opferer, erschafft die Welt, indem er sich selbst zerstückelt und im Opfer wieder zusammensetzt. So kommen Selbstwerdung und Schöpfung im Opfer unauflösbar zusammen.“ (Axel Michaels, Der Hinduismus, Seite 271)

Inzwischen halten alle Zeremonie-Teilnehmer einen Teller mit einer großen Auswahl an indischen Gerichten in der Hand. Essen, plaudern, lachen. Der Geräuschpegel steigt und bestätigt einen wesentlichen Aspekt der Feuerzeremonie, den die Besucherin Katarzyna Pollok beschreibt:

„Es ist mir wichtig, auch mit anderen zusammen die puja zu machen. So in der Gemeinschaft, dass die Leute kommen zusammen. Das ist sehr wichtig, dass man das zusammen macht.“ 

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