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Religionen | Beitrag vom 10.03.2019

Das Hindu-Pilgerfest Kumbha MelaAlle Sünden werden reingewaschen

Von Antje Stiebitz

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Hindu-Pilgerfest Kumbha Mela: Nackte Männer mit Girlanden um Hals und Kopf auf dem Weg zum heiligen Bad im Ganges. (imago / ZUMA Press)
Mit Girlanden geschmückt und mit Asche beschmiert: Heilige Männer führen den Pilgerzug zum heiligen Wasser an. (imago / ZUMA Press)

Die Bilder sind spektakulär: Millionen Menschen drängen sich alle drei Jahre am Ufer des Ganges, um ein Bad im heiligen Wasser zu nehmen. Die Kumbha Mela, das Krugfest der Hindus, fand dieses Mal in Prayagraj statt, wo gleich drei Flüsse zusammenkommen.

"Sie sagen den Besuchern, dass sie ihr Bad am Flussufer nehmen sollen, nicht dort, wo der Fluss tief ist. Und sie sollen auf ihre Taschen und Geldbeutel achten!" Die Durchsage richtet sich an die Badenden am Flussufer – für den Fremdenführer Amit Kumar Singh sind sie gerade nur als unzählige bunte Punkte wahrnehmbar. Er sitzt in einem hölzernen Ruderboot, das langsam über die Wasser des Triveni Sangam in der indischen Stadt Prayagraj schaukelt.

Das Wort Sangam bedeutet soviel wie Zusammenfluss. Hier in Prayagraj kommen gleich drei Flüsse zusammen - Ganges, Yamuna und Sarasvati. Amit Kumar Singh zeigt auf die Wasseroberfläche:

"Das grüne Wasser gehört zur Yamuna und das weißliche, sandige Wasser zum Ganges. Man kann hier ganz klar sehen, wie sich die zwei verschiedenen Wasserarten und -farben mischen. Nur der dritte Fluss, Sarasvati, ist unsichtbar. Denn Wissen ist unsichtbar, und Sarasvati steht für Wissen."

In diesem Jahr hat die Kumbha Mela in Prayagraj stattgefunden, der nordindischen Stadt, die bis vor kurzem noch Allahabad hieß. Zwischen dem 15. Februar und 4. März sollen in den Fluten des Sangam rund 120 Millionen Menschen ihr "heiliges Bad" genommen haben. Auf den rund 3200 Hektar Land um das Sangam-Gebiet entstand für sieben Wochen eine gigantische Stadt mit mehr als 4.500 Zelten und 122.000 Toiletten.

Das Wasser soll heiligen und reinigen

Am Ufer sitzen drei Musiker und spielen Bhajans, spirituelle Lieder. Wenige Meter weiter tauchen die Badenden in die heiligen Fluten, sprechen Gebete oder lassen Kerzen und Blumen schwimmen. Nisha Shukla sitzt im Schneidersitz mit ihrem Mann und ihrem Sohn am Ufer. Sie erklärt, warum sie hierhergekommen ist und ein Bad genommen hat:

"Man findet hier tiefe Gedanken über Gott. Und es liegt bei uns: Was immer man möchte, wird man hier bekommen. Du nimmst nur ein Bad im Sangam und jegliche Sünde wird reingewaschen."

24. Februar 2019: Indiens Ministerpräsident Narendra Modi steht im Rahmen des Pilgerfests Kumbha Mela betend im Ganges. (imago / ZUMA Press)Auch Indiens Premierminister Narendra Modi nahm im Zuge des Pilgerfests Kumbha Mela ein Bad im heiligen Wasser. (imago / ZUMA Press)

Die reinigende und heiligende Wirkung der Kumbha Mela steht auch für den Sprach- und Literaturwissenschaftler Kapil Kapoor im Vordergrund. Bei einem Vortrag in Delhi erklärt er einem internationalen Publikum:

"Warum besuchen die Menschen die Kumbha Mela? Die Inder glauben, dass sie sich erneuern müssen. Sie erneuern sich physisch, emotional und intellektuell."

Am Anfang stand ein göttlicher Krug

Kumbh bedeutet Krug, erklärt der 79-Jährige und erzählt den Entstehungsmythos des gigantischen Festes: Die Götter und Dämonen beschlossen einst, gemeinsam das Urmeer aus Milch zu quirlen, weil sie den Nektar der Unsterblichkeit gewinnen wollten. Um den Berg Meru als Quirl zu verwenden, umwickelten sie ihn mit der Schlange Vasuki. Die Dämonen zogen an einem Ende der zum Seil umfunktionierten Schlange, die Götter am anderen, der Quirl setzte sich in Bewegung. Nachdem es gelungen war, den Nektar Amrita aus dem Ozean zu gewinnen, füllten sie ihn in einen Krug. Dann begann ein Streit um den Krug, wie Kapil Kapoor erklärt:

"Nektartropfen fielen an vier Orten auf die Erde, und zwar dort, wo heute die Kumbha Mela stattfindet. Diese Tropfen und die vier Städte – Nasik, Ujain, Haridvar und Prayagraj – sind die Zentren der indischen Wissenstradition. Denn der Nektar, den die Götter und Dämonen trugen, war der Nektar des Wissens."

Santosh Rajgur steht an einem Snack-Stand und löffelt ein würziges Gemisch aus Kichererbsen und Zwiebeln. Zu seinen Füßen steht ein hellblauer Koffer, an dem eine gerahmte Fotografie seiner Mutter lehnt. Für ihn das wichtigste Reisegepäck:

"Meine Mutter ist am 1. Februar verstorben und sie hatte in ihrem Leben nie die Gelegenheit, diesen Ort zu besuchen. Aber sie hat es sich immer gewünscht, zur Kumbha Mela zu kommen. Deswegen habe ich ihr Foto mitgebracht. Ihre Asche habe ich in den Ganges gestreut und dafür gebetet, dass ihre Seele Frieden findet – und ich auch."

Ein Gruppe junger Nagas beim "Kumbha Mela", dem großen hinduistischen Pilgerfest (Antje Stiebitz)Eine Gruppe junger Nagas: Anders als die Älteren tragen sie noch Kleidung. (Antje Stiebitz)

Neben dem Snack-Stand hat sich eine Gruppe von Nagas niedergelassen. Die Männer tragen orangefarbene Turbane, Hemden und Tücher um die Hüfte. Ihre Gesichter sind mit Vibhuti, mit heiliger Asche beschmiert.

Mit Marihuana-Rauch den Gott wecken

Normalerweise sind Nagas nackt und tragen Dreadlocks, beides Zeichen ihrer weltlichen Entsagung. Doch diese hier sind jung und befinden sich noch in der Ausbildung. Sie gehören der Juna-Akhara an, einer spirituellen Gemeinschaft, die aus einem Ort namens Junagadh im indischen Bundesstaat Gujarat stammt. Einander ergänzend erklären sie, wie sie die Kumbha Mela begehen:

"Wir sind vor allem hierher gekommen, um frühmorgens ein Bad zu nehmen. Danach nehmen wir Marihuana, Drogen. Wir sitzen zusammen und rauchen. Durch den Rauch wecken wir den Gott Shiva und verbinden uns auf diese Weise spirituell mit ihm. Die Nagas verehren Shiva als ihre Hauptgottheit, ihren Guru, das Höchste. Wir verehren ihn, indem wir im Ganges baden, keine Kleidung tragen und Drogen nehmen."

In der Nähe der Gruppe steht ein älterer Naga. Er ist nackt und wickelt gerade sein Genital um einen Stock. Damit zeigt er, dass er sein sexuelles Verlangen bewältigt hat. Gläubige kommen zu ihm und erbitten seinen Segen. Er erteilt ihn, indem er sie mit einem Bündel aus Pfauenfedern berührt.

Gläubige finden ihren persönlichen Guru

Die Nagas leben wie andere Sadhus, also Asketen, Babas, heilige Männer, und Gurus meist in abgeschiedenen spirituellen Zirkeln. Zur Kumbha Mela allerdings kommen sie zusammen, tauschen sich untereinander aus und treten mit den Gläubigen in Kontakt. Dabei findet der eine oder andere Besucher auch seinen persönlichen Guru.

Viele der Babas und Gurus lassen für ihre Anhänger bei der Kumbha Mela ein Camp errichten, so auch Mahant Giri Baba. Sein Bild hängt über dem verzierten Eingangstor eines großen, senfgelben Zeltes. Im Inneren liegen und sitzen rund fünfzig Menschen auf Decken. Überall stapelt sich ihr Gepäck. Damit die Gläubigen in aller Ruhe ihr Bad nehmen können, stellen die Gurus ihnen eine Übernachtungsmöglichkeit und versorgen sie mit Lebensmitteln. Abends halten sie Vorträge, lesen aus den heiligen Schriften, beten und singen.

Das Zelt des Gurus Mahant Giri Baba: Über dem Eingang hängt sein Portrait. (Antje Stiebitz)Das Zelt des Gurus Mahant Giri Baba bietet Platz für Gläubige - und für sein Portrait. (Antje Stiebitz)

Auf der Kumbha Mela gibt es tausende solcher Camps, die jetzt, während der letzten Tage, zum Teil bereits abgebaut werden. Etwa das von Mahant Shri Lakshmandas. Mehrere Arbeiter zerlegen die Zeltgerüste mit gezielten Hammerschlägen. Shri Lakshmandas steht zwischen ihnen und lässt sich von dem Lärm nicht aus der Ruhe bringen. Ein Baba, erklärt er, sei wie ein kleines Kind:

"Ein kleines Kind hat mit niemandem Schwierigkeiten, es hat eine einfache Natur. Genauso sind wir Babas. Wir haben keine Feinde, keine Freunde. Jeder ist ein Freund und liebenswert. Babas lieben jeden, wir hassen niemanden und wir bevorzugen niemanden. Wir betrachten alle gleich."

Einen Monat hat der Baba mit dem langen weißen Bart auf der Kumbha Mela verbracht. Wie seine Vorfahren hat er eine Feuerzeremonie abgehalten, die dem Wohle aller dienen soll. Jetzt ist es an der Zeit, in seinen Heimat-Tempel zurückzukehren. In drei Jahren, bei der nächsten Kumbha Mela, wird er wohl wieder dabei sein.

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