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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 05.10.2007

"Das hat etwas Perverses"

Löffler kritisiert Vergabe des Georg-Büchner-Preises an Mosebach

Moderation: Liane von Billerbeck

Sigrid Löffler (AP)
Sigrid Löffler (AP)

Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler hält den Schriftsteller Martin Mosebach für einen unwürdigen Träger des Georg-Büchner-Preises. Der Preis werde ihm nicht wegen der literarischen Qualität seines Werkes, sondern wegen seiner konservativen politischen Gesinnung zugesprochen, sagte Löffler.

Liane von Billerbeck: Es war Golo Mann, der ihn entdeckte, den Schriftsteller Martin Mosebach. Dennoch blieben seine Werke eher unbekannt. Bücher wie "Das Bett", "Ruppertshain", "Westend" oder "Die Türkin" spielen zwar in Frankfurt am Main, seien aber im ganzen Sprachraum spurlos untergegangen. Das schreibt die Literaturkritikerin Sigrid Löffler jetzt in einem Artikel der Zeitschrift "Literaturen". Für sein aktuelles Buch "Der Mond und das Mädchen" jedoch bekam Mosebach immerhin den Georg-Büchner-Preis 2007. Und er ist damit auch für den Deutschen Buchpreis nominiert, der in wenigen Tagen auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. In Mosebachs exemplarischer Karriere zeige sich eine konservative Wende des Literaturbetriebes, das schreibt Frau Löffler in dem eben erwähnten Artikel und darüber wollen wir jetzt mit ihr sprechen, willkommen im Studio.

Sigrid Löffler: Guten Morgen.

von Billerbeck: Den Büchner-Preis habe Mosebach eher für seine Gesinnung, nicht für seine Literatur bekommen, haben Sie geschrieben. Das ist ja harter Tobak. Bleiben wir also zunächst bei der Literatur Martin Mosebachs. Wie zeigt sich denn in seinem literarischen Schaffen sein konservativ-reaktionärer Geist?

Löffler: Ja, ich denke, wenn man ihn liest, kann einem nicht verborgen bleiben, dass hier in einem sehr verschmuckten und gespreizten Prunkstil geschrieben wird, dass hier einer gewollten Schönschreiberei gehuldigt wird, die sich mit ihren affektierten Vokabeln und ihren verzopften Phrasen aus der bürgerlichen Mottenkiste des 19. Jahrhunderts bedient. Das hält sich für sehr kostbar, stürzt aber meiner Meinung nach ständig ins Lächerliche ab. Also hier ist ein Poseur am Werk, der alteuropäisch vornehm tut und sich exquisit gebildet aufführt, aber das ist mehr Historismus und sprachliche Hochstapelei, lauter Plüsch und Talmi und dieses talmihafte und dieses albern manierierte an dieser Stilgebärde, das lässt sich glaube ich, auf Schritt und Tritt nachweisen. Daher frage ich mich, es kann ja dann wohl kaum die Schreibkunst des Martin Mosebachs sein, die hier auszeichnungswürdig gemacht hat. Wenn aber nicht die Schreibkunst, was dann? Und da bleibt dann eigentlich nur übrig, dass er offenbar für seine Gesinnung ausgezeichnet worden ist. Und dafür finde ich viele Belege in den, unter seinen Lobrednern im Feuilleton. Die haben ja alle eigentlich nicht seine literarischen Qualitäten gelobt, sondern haben ihn vielmehr gepriesen wegen seiner Unzeitgemäßheit, als einen Antimodernisten, also einen Kulturpessimisten, als einen Reaktionär, als einen vorkonziliaren Katholiken, der ein Befürworter der lateinischen Messe. Das waren also die Argumente, die ins Treffen geführt wurden, dafür, dass er diesen Preis bekommen hat.

von Billerbeck: Bleiben wir bei dem Wort reaktionär, das fällt ja immer wieder, wenn von Mosebach die Rede ist. Er selbst zitiert da den kolumbianischen Philosophen Nicolas Gomez Davila und da gibt es ein Zitat "Der Reaktionär ist der Wächter des Erbes. Selbst des Erbes des Revolutionärs". Dazu passt ja auch die lateinische Messe, die Mosebach zurück haben will und die eigene Handschrift. Was ist denn für Sie, Frau Löffler, ein Reaktionär?

Löffler: Der Wächter des Erbes, da muss doch sofort fragen, was für ein Erbe ist das? Also ich denke, wenn man unter Erbe hier die gesammelten Ressentiments gegen alle politischen und gesellschaftlichen Errungenschaften seit der französischen Revolution versteht, ja, dann, wenn man sich zu einem solchen Erbe bekennt, dann ist man in der Tat ein Reaktionär, dann hat man aber keinen besonderen Grund, darauf stolz zu sein. Politisch ist ganz klar, was der Terminus reaktionär bedeutet, das ist ein rückwärts gewandter Gegner jedes gesellschaftlichen Fortschritts, ein Antidemokrat, Antiaufklärer, der sich gegen die Grundrechte und gegen die Verfassung und gegen das Parlament und gegen die Republik stellt. In der Tat hat Gomez Davila und in seinem Gefolge natürlich auch sein Nachbeter Mosebach versucht, krampfhaft versucht, wie ich finde, diesen Reaktionären einen Ehrentitel umzumünzen und ihm eine Besonderheit zuzuschreiben. Gomez Davila selbst hat gesagt, ich habe diesen Begriff gewählt, weil er bei keiner Partei Prestige genießt. Also das Besondere daran soll sozusagen sein, das Alleinstellungsmerkmal gegen die misera plebs, dass man ein übel beleumdetes Etikett sich selber stolz anheftet und ich finde das hat etwas Perverses.

von Billerbeck: Aber wieso ist dann der Reaktionär dann wieder salonfähig?

Löffler: Ja, ich denke, weil sich eben niemand dazu bekennt. Das hält man jetzt auf perverse Weise für elitär. Ein Ausdruck, der vor einigen Jahren ja noch wirklich vernichtend gewesen wäre, wird also jetzt umgemünzt als ein besonderer Ehrentitel. So geht es ja auch dem vorkonziliaren Katholiken, auch das wird ja plötzlich als ein Ehrentitel gesehen. Alle diese politischen Punzierungen, die einmal doch eher peorativ gewesen sind, werden allmählich in den Mainstream eingegliedert und werden zu Ehrentiteln erklärt.

von Billerbeck: Nun gab es ja schon mal einen Schriftsteller, der ähnlich verquere Ansichten wie Mosebach hatte, das schreiben Sie auch, das war Botho Strauß, das war vor 14 Jahren, 1993 kassierte er ziemliche Dresche für viele Essays. Warum ging es Botho Strauß damals anders? Wurde er also beispielsweise von Ignaz Bubis als Rechtsintellektueller bezeichnet, und warum wird Martin Mosebach jetzt so gehypt?

Löffler: Ja, es ist doch merkwürdig, damals wurde tatsächlich bei Botho Strauß jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, jedes politisch korrekte Wort wurde ihm eifernd nachgewiesen und vorgehalten und merkwürdiger Weise nimmt man bei Mosebach da ähnliche Positionen ein, nimmt überhaupt keinen Anstoß. Ich schließe daraus, dass sich der Zeitgeist gewandelt hat. Womit man sich vor 15 Jahren vielleicht noch unmöglich gemacht hat, das gilt heute als salonfähig. Und ich denke, unter lauter Bildungsposeuren und Feuilletonkatholiken, die heute den Ton angeben in manchen Zeitungen, fällt so ein Poseur wie Martin Mosebach gar nicht mehr besonders auf. Ich hätte dagegen nichts, ich habe nur etwas dagegen, dass ihm ausgerechnet der Büchner-Preis verliehen wird. Georg Büchner, das ist der Namensgeber dieses Preises, das war ein junger Heißsporn, das war ein feuriger Aufklärer, ein Demokrat, ein Republikaner. Er war eigentlich alles das, was Martin Mosebach ablehnt und verachtet und womit er nichts anfangen kann. Ich halte es nicht für richtig, dass er ausgerechnet den Büchner-Preis bekommt.

von Billerbeck: Nach Ihrem Artikel, Frau Löffler, mit dem Sie Mosebach und den Literaturbetrieb angegriffen haben, da gab es natürlich, verständlicher Weise auch Vorwürfe aus dem konservativen Lager und da kam dann, Sie hätten Peter Handke empfohlen, ja in der Kontroverse um den Heine-Preis verteidigt, obwohl der doch das Milosevic-Regime unterstützt hat und damit auch antidemokratische und nationalistische Positionen hatte, aber eben mit linkem Anstrich. Was antworten Sie darauf?

Löffler: Dieses Argument ist, glaube ich, aus mehreren Gründen unredlich. Erstens einmal geht es hier um den Büchner-Preis und nicht um den Heine-Preis. Zweitens hat auch Peter Handke den Büchner-Preis bekommen. Was immer verschwiegen wird, wohlweißlich verschwiegen wird, ist, dass Handke den Büchner-Preis bereits im Jahr 1973 bekommen hat, nämlich vor 34 Jahren. Er war damals ein junger Mann, Anfang 30, er war selbst ein Unruhestifter, antibürgerlich, aufrührerisch, unangepasst, also geradezu ein idealer Preisträger für den Büchner-Preis. Man kann ihm, dem jungen Mann aus dem 1973 nicht vorwerfen, im Nachhinein, was er 30 Jahre später geschrieben hat. Es geht also nicht um den Heine-Preis. Trotzdem, würde ich sagen, der gewaltige Unterschied zwischen Peter Handke und Martin Mosebach ist der: Niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, wird bezweifeln, dass Peter Handke ein außergewöhnliches, literarisches Werk hat, dass seine literarischen Qualitäten außerordentlich sind. Die sind unbestritten. Er bekommt also seine Preise für die literarische Qualität seines Werkes und nicht für seine politischen Meinungen, die Irrmeinungen sein mögen. Bei Martin Mosebach hingegen bezweifle ich die literarische Qualität. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als zu vermuten, dass seine Gesinnung ausgezeichnet werden soll und nicht seine literarische Qualität, die in meinen Augen ziemlich fragwürdig ist.

von Billerbeck: Mosebach, wir haben ihn schon mal zitiert, gibt ja auch, oder hat in einem Wiener Verlag, dem Karolinger Verlag, diesen kolumbianischen Philosophen Nicolas Gomez Davila herausgegeben, das interessante ist, dass in diesem Verlag auch zwei Vordenker der Neuen Rechten veröffentlich werden, nämlich Günter Maschke und Armin Mohler. Wieso, Frau Löffler, wird das so widerstandslos hingenommen. Ich habe jedenfalls vor Ihrem Artikel noch nichts darüber gelesen.

Löffler: Es ist möglicher Weise eine gewisse Schlamperei und Oberflächlichkeit in der Recherche. Es hat tatsächlich vor mir offenbar noch niemand diesen Verlag etwas genauer angeschaut, diesen Karolinger Verlag, der nun wirklich ein Dunkelmännerverlag ist, wo sich sehr dubiose Leute mit sehr dubiosen Ansichten versammeln. Und da hat Martin Mosebach eigentlich auch seine geistige Heimat, seine intellektuelle Heimat gefunden. Dort kommt er her, dort hat er diesen Gomez Davila zum ersten Mal herausgegeben, bevorwortet, benachwortet, entdeckt. Jetzt inzwischen ist er in die andere Bibliothek mit diesem Buch umgezogen, ist wiederum der Herausgeber. Ich denke, dass er sich hinter der Herausgeberschaft auf elegante Weise verstecken kann. Er muss nicht das selber sagen, er schiebt Gomez Davila vor, um diese anstößigen Dinge zu sagen, an die er vielleicht auch selber glaubt, mit denen er sich selber aber nicht gemein machen möchte.

von Billerbeck: Noch mal zurück zum Anfang unseres Gespräches. Sie schreiben ja über Ihren Artikel "Der aufhaltsame Aufstieg des Martin Mosebach zum Georg Büchner Preisträger". Das heißt also, die Karriere wäre aufhaltsam gewesen, wenn man es denn gewollt hätte. Das hat das Feuilleton aber nicht getan. Was sagt das nun über den Literaturbetrieb, wenn gerade jemand wie Mosebach so gefördert wird?

Löffler: Ja, ich denke, dass man eine gewisse Anfälligkeit hat für so eine erlesene Gestrigkeit, für so eine solche Pose. Das Feuilleton hält offensichtlich für Marmor, was doch nur marmorierter Gips ist. Es gibt also kein Sensorium mehr für die Hohlheit dieser eitlen Attitüde. Und ich denke, es gibt eine gewisse Renaissance auch für diese Manieriertheiten und für diesen posierenden Elitarismus, der hier zutage tritt. Man sieht das sehr gut an der Wiederkehr des Katholizismus, das Feuilleton hat ja in gewissen Kreisen den Katholizismus wieder angenommen. Ich erinnere mich, vor vier Jahren hat Literaturen mal eine Umfrage gemacht und der Schriftsteller "Wie hältst du es mit der Religion?". Wir haben nur zwei Leute, zwei Schriftsteller gefunden, Stadler und Frau Berkéwicz, die sich dazu überhaupt äußern wollten. Inzwischen aber stehen die Leute ja geradezu Schlange mit ihren Bekenntnissen. Jeder will Katholik sein, dieser Feuilletonkatholizismus will sich besonders fein geben, indem er jetzt auch noch die lateinische Messe für besonders toll findet. Das ist doch eine Änderung, würde ich sagen, im Selbstverständnis auch des Feuilletons.

von Billerbeck: Frau Löffler, ich danke Ihnen.

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