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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.01.2017

"Das große Feuer" in MannheimZauberhafte Bilderwelten

Von Michael Laages

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Der Regisseur Roland Schimmelpfennig (picture-alliance / dpa / Herbert Pfarrhofer)
Der Regisseur Roland Schimmelpfennig (picture-alliance / dpa / Herbert Pfarrhofer)

Zwei Dörfer liegen an einem Fluss gegenüber: das der Winzer und das der Ackerbauern. Doch nur das Bauerndorf wird von Dürre und Flut geplagt. Roland Schimmelpfennigs Stück "Das große Feuer" ist wie eine Parabel auf Ungerechtigkeiten, klammert aktuelle Bezüge aber aus. In Mannheim fand die Uraufführung statt.

Vor der Fabel selber ist bei der Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück "Das große Feuer" in Mannheim ein Vorspiel zu bestaunen – in einem Sandbild, live erarbeitet und vom Overhead-Projektor auf den Vorhang aus Papier projiziert, wird die Geschichte im Geschwindschritt erzählt: Die Hände der Künstlerin wischen den kleinen Bach in den Sand, der zwei Bruderdörfer zugleich verbindet und trennt.

Ein Romeo-und-Julia-Paar wandelt an den Ufern; dann stürmt’s und regnet’s, der Fluss wird breiter und trennt nur noch.

Schließlich züngelt das Feuer im Sand, und am Ende bleibt nichts als ein kleines Schiff auf hoher See. Und dann beginnt Nicole Heesters, Stammgast im Mannheimer Ensemble, mit Schimmelpfennigs Text die Geschichte ein wenig märchentantenhaft zu erzählen.

Das brüderliche Beieinander der Dörfer und Dörfler zerreißt in einer Farce: Die Hunde der beiden Dorfobersten zergeln unterm Kneipentisch, die Herrchen poltern und pöbeln prompt mit, schmeißen die Viecher raus; und die sorgen nun draußen vor dem Wirtshaus dafür, dass ein großes Weinfass umstürzt und zerbirst.

Naturkatastrophen brechen herein

Ab jetzt schaut das eine Dorf das andere nicht mehr an. Und was nun passiert, fühlt sich an wie die himmlische Strafe für schlechtes, unzivilisiertes Benehmen - Naturkatastrophen brechen herein. Aber eben nur über eins der Dörfer – das andere prosperiert wie nie.

Mit den Regenfluten schwillt der Strom; und eins der Dörfer (das der Winzer) liegt zum Glück ein wenig höher als das andere, das der Viehzüchter und Ackerbauern. Reich die einen, arm die anderen, beginnen beide Völkchen einander zu hassen; nur das Liebespaar vom Beginn will unbedingt durchhalten.

Dann bricht kurz vor Stückschluss (ohne erkennbaren Grund) "Das große Feuer" aus bei den Armen – und die Reichen lassen die Brüder und Schwestern von früher schlicht verrecken.

Schimmelpfennig gibt der fatalen Fabel sehr wenig Motive mit auf den Weg; es ist halt, wie es ist. Die beiden Dörfer, im fliegenden Wechsel vom nur achtköpfen Ensemble gespielt, sind nur Spielball von etwas anderem, das nie genannt wird. Momente der hoffnungsfrohen Utopie gibt’s zwar noch: wenn etwa alle im ersten Herbsteis Schlittschuh laufen. Aber das ist vielleicht nur noch ein Traum.

Der ganze Zauber des Papiertheaters

Burkhard Kosminski, Mannheims Schauspiel-Chef, lässt den Abend wie eine Art gemütliches Bauerntheater kostümieren; und Florian Etti setzt den ganzen Zauber des Papiertheaters ein. Himmel, Erde, Wände – alles ist weiß; und in den großen Papierbogen am Bühnenboden lässt sich der Fluss hinein schneiden; immer weiter rückt das Land dann auseinander …

Die Bilderwelten dieser Uraufführung sind Zauber pur. Dazu spielt ein kleines Orchester Vivaldis "Jahreszeiten" – noch ein Hinweis darauf, dass die Fabel mit allem Schrecken so natürlich abläuft wie das Jahr.

Wo aber fast nur himmlische Mächte walten, bleibt die politische Bedeutung unbeträchtlich. Fluchtbewegungen? Das chronische Ungleichgewicht im modernen Kapitalismus? All das wäre zu beschwören, bleibt aber weit weg. Mannheims Nationaltheater erzählt mit Schimmelpfennig wohl doch nur ein Märchen aus uralten Zeiten.

Das große Feuer
Von Roland Schimmelpfennig
Uraufführung am Nationaltheater Mannheim
Inszenierung: Burkhard C. Kosminski

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