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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 23.11.2011

Das größte Klassenzimmer der Welt

Lernen im australischen Outback

Von Margarete Blümel

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Das australische Outback gilt als großes Nichts. (J. Sistermanns)
Das australische Outback gilt als großes Nichts. (J. Sistermanns)

Outback nennen die Australier ihre abgelegenen Gebiete, manchmal auch nur noch Never-Never, das große Nichts. Und doch leben und arbeiten dort Familien, wachsen Kinder auf, die irgendwann zur Schule gehen müssen. Weil der Weg dorthin zu weit ist, kommt die Schule zu ihnen - per Internet, Telefon und manchmal noch durch die Post.

Etwa 75 Prozent Australiens besteht aus Regionen, die fern von jedweder Zivilisation liegen. Viele der dort wohnenden Kinder leben so isoliert, dass sie wochenlang nur ihre Eltern und Geschwister zu Gesicht bekommen. Der nächste Ort liegt eine mehrstündige Landrover-Fahrt über staubige Pisten entfernt. Dabei kann es sich auch nur um ein kleines Städtchen mit ein paar Hundert Einwohnern handeln. Oder um eine Ansiedlung, die einem einzigen Gebäude besteht, das Kneipe, Bank, Tankstelle, Mini - Supermarkt und Post in einem ist.

Wer dort, weit draußen, lebt, ist in jeder Hinsicht autark. Er kann Geburtshilfe leisten, weiß, was bei einem Schlangenbiss zu tun ist und vermag das Leiden eines Tiers durch einen gezielten Schuss zu beenden. Die Frauen müssen nicht nur ihren Männern bei der Arbeit zur Seite stehen, sondern auch das Schulwissen der Kinder internalisieren und gezielt abfragen. Die Kinder lernen, ihre Aufgaben mit einem Lehrer einzustudieren, den sie nicht sehen können. Und allein zu spielen.

Für die kleinen und großen Bewohner des Outbacks ist deshalb schon der Besuch des Hufschmieds oder, wie hier, des Pferdezahnarztes, eine sehr willkommene Abwechslung.

Solche Fachleute kommen nur dann auf die entlegenen Höfe, wenn es mehrere Tiere zu versorgen gibt und sich die weite Anfahrt rechnet. Sie bleiben über Nacht, essen zusammen mit der Familie und erhalten eine Gratisführung über das familieneigene Terrain.

Doch zunächst muss der Pferdedentist John dem jungen Wallach einen Zahn ziehen und die scharfen Ecken seiner Backenzähne mit einer Feile abraspeln.

Die Kinder rennen aufgeregt umher. Sie warten darauf, dass John endlich fertig wird, damit sie ihm die Bilder zeigen können, auf denen sie mit David, einem der " fliegenden Ärzte" Australiens posieren. Auch wenn es schon ein halbes Jahr zurück liegt, dass David hier war, um den vom Mähdrescher gestürzten Vater zu behandeln, war das ein Festtag für die Familie. Erst einmal, weil der Vertreter der für den Busch zuständigen Notfallärzte den Arm des Vaters retten konnte.

Dann, weil er mit seinem Hubschrauber. Die Kinder, die wenig Fremde zu Gesicht bekommen, möchten erzählen und noch einmal erzählen: von ihrem Zuchtbullen, davon, wie der Blitz vergangenes Jahr den uralten Eukalyptusbaum gespalten und wie ihr Lehrer sich vor kurzem beim Grammatikunterricht so oft versprochen hat, dass ein paar der anderen Schüler ihre Mikrofone ausstellen mussten, damit der Lehrer ihr Lachen nicht hören konnte.

Der Pferdezahnarzt hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Er macht den Kindern ein Zeichen. Einen kleinen Moment noch, soll das heißen. Und: Lasst mich erst mal meine Arbeit zu Ende bringen!

Kaum anders ist es, wenn sich Lehrer der "School of the Air" zum Besuch angesagt haben, die auch schon mal mit dem Kleinflugzeug anreisen.

Wenigstens einmal pro Jahr, wenn irgend möglich aber häufiger, machen die Mitarbeiter der "School of the Air" ihre Runden durchs Hinterland. Tausende von Kilometern legen die Pädagogen zurück, um ihre Schüler in deren häuslichen Umgebung zu erleben und so die individuellen Bedürfnisse der Betroffenen zu erfassen.

Mrs. Houston von der School of the Air in Longreach, einer Kleinstadt im Bundesstaat Queensland, begrüßt ihre Schüler zur ersten Unterrichtsstunde.

Die Lehrerin sitzt mit Kopfhörern an ihrem Computer. Neben der Tastatur steht eine dampfende Tasse Kaffee, die Mrs. Houston während der kommenden zwanzig Minuten wahrscheinlich wieder nicht anrühren wird. Die höchstens fünfunddreißigjährige Frau mit dem langen, blonden Zopf hat sich weit nach vorn gelehnt, als könne sie ihre Schüler auf diese Weise besser sehen. Tatsächlich aber ist sie mit ihnen nur via Kopfhörer und Mikrofon verbunden.

Denn ihre Schüler und Schülerinnen sitzen Hunderte von Kilometern weit entfernt an ihren Plätzen am heimischen Computer. Jeder für sich allein. Umso mehr freuen sich die Kinder, Mrs. Houstons Stimme zu hören.

Fünf solcher Unterrichtseinheiten hat Mrs. Houston heute vor sich. Das ist die Norm. An manchen Tagen können es auch mal sechs Einheiten werden. Die Länge aber - maximal eine halbe Stunde - darf nicht überschritten werden. Der Unterricht in der Fernschule ist sehr intensiv.

Die Lehrer sind in erster Linie auf ihre Stimme und auf die schlüssige, möglichst lebensnahe Darlegung des Lehrstoffs angewiesen. Und: Die höchstens acht bis zehn Schülerinnen und Schüler müssen immer wieder einzeln angesprochen werden, was nicht nur den Kindern, sondern auch ihren Lehrern einiges abverlangt.

Gerade ist Mrs. Houston dabei, Ben, Bea und ihre beiden Mitschüler mit dreistelligen Zahlen bekannt zu machen.

Während Mrs. Houston die Kinder im schwül-warmen Queensland durch ihre Fragen noch mehr zum Schwitzen bringt, beugen sich Steve Chapman und Christine Mason im kühleren, anderthalb tausend Kilometer weit entfernten Dubbo über die neuen Unterrichtspläne. Steve ist Konrektor, Christine ist die Leiterin dieser Schule im Bundesstaat New South Wales. In Australien gibt es keine Unterscheidung zwischen Haupt - und Realschulen oder Gymnasien. Nach der sechsten Klasse wechseln die Kinder von der sogenannten Primary School auf eine andere Schule, die sie entweder nach Abschluss des zehnten oder des zwölften Schuljahrs verlassen.

Neben dem öffentlichen Schulwesen gibt es zahlreiche Privatschulen, die zum Teil konfessionell gebunden sind und die häufig über Internate verfügen. Steve Chapman und Christine Mason kommen beide von einer öffentlichen Schule. An der "School of the Air". In Dubbo sind sie seit ihrer Gründung, also seit mittlerweile 20 Jahren.

"Wir decken unter anderem zwei Drittel des westlichen Teils von New South Wales ab. Außerdem reicht unser Einzugsbereich bis an die Grenzen der Bundesstaaten Queensland, Victoria und Südaustralien. Dementsprechend sind unsere Lehrkräfte völlig ausgelastet. Unter anderem verbringen sie viel Zeit mit Hausbesuchen. Aber das zahlt sich aus. Nicht umsonst schneiden unsere Schüler bei den externen Prüfungen ausgesprochen gut ab."

Schon vor knapp hundert Jahren gab es in Australien schriftliche Fernkurse für Kinder aus entlegenen Gebieten. 1951 entstand die erste School of the Air. Damals kommunizierten die Lehrer über Kurzwellenfunk mit ihren Schülern. Die School of the Air gibt es in allen Bundesstaaten Australiens. Ihr Angebot richtet sich an Schüler aus dünn besiedelten und entlegenen Regionen. Unterrichtet werden alle wichtigen Fächer. Darüber hinaus können so unterschiedliche Wahlkurse wie Erste Hilfe, Gesangsunterricht oder Chinesisch belegt werden. Das Curriculum orientiert sich an den Bedürfnissen von Kindern im Vorschulalter bis hin zu denen von Teenagern, die den Abschluss der zehnten Klasse erreichen wollen.

"Die Fernausbildung ist ein Gleichstellungsangebot, das sich in unserem Falle auf die Schüler des Bundesstaates New South Wales bezieht. Insgesamt ist es so, dass alle Australier die Möglichkeit haben sollen, sich zu bilden und einen Schulabschluss zu erwerben. Und das unabhängig von ihrem Wohnort oder von eventuell vorhandenen psychischen Vorbelastungen, aufgrund derer die Betroffenen keine öffentliche Schule besuchen können."

Die jeweilige Schule wird vom Bildungsministerium des zuständigen Bundesstaates getragen. Die Eltern der Schüler zahlen eine geringe Schulgebühr. Den Staat kostet das Ganze etwa doppelt so viel wie die Ausbildung eines Kindes an einer herkömmlichen Schule. Die Alternative - das Internat - wäre weitaus kostspieliger. Und damit für viele Eltern unbezahlbar.

"Wir versuchen wirklich alles, um die Zusammenarbeit von Schülern und Lehrern zu fördern. Die Lehrkräfte bauen fast immer ein enges Verhältnis zu ihren Schülern und zu deren Eltern auf. Keine Frage: Ohne dieses Vertrauen könnten wir das, was wir unseren Schülern zu bieten haben, nicht vermitteln."

Etwa ein Viertel ihres jährlichen Arbeitspensums verwenden die Lehrer auf diese Hausbesuche. Das Ganze ist für alle Beteiligten sehr wichtig: Es schafft eine besondere Anbindung und stärkt die Motivation. Außerdem können die Pädagogen nach dem intensiven, persönlichen Kontakt die Lernmaterialien viel besser auf die Kinder abstimmen. Und, betont Christine Mason, diese Stippvisiten seien die Gelegenheit, die Schüler nach ihren Wünschen für das jährliche Schulcamp zu befragen.

"Leute, die im ländlichen New South Wales leben, wohnen manchmal ausgesprochen isoliert. Und in diesen Regionen ist leider auch der Internetzugang nicht immer so, wie er sein sollte! Die Kinder profitieren also ungemein von ihrem täglichen Unterricht - und von den Schulcamps. Hier können sie sich mit ihren Mitschülern austauschen, sie können Freundschaften pflegen und zugleich ihre Grenzen ausloten. Nicht zuletzt sind übrigens auch ihre Väter und Mütter dann meist dabei. Sie wiederum nutzen das Ganze, um sich mit den Eltern der Anderen zu vernetzen. Das sind Kontakte, die oft fortbestehen, selbst nachdem die Kinder ihre Schulausbildung längst abgeschlossen haben."

Für viele Kinder Australiens ist der Unterricht das Fenster zur Welt. Die "School of the Air" spielt eine wichtige Rolle für ihre Sozialisation. Das wird durch die Schulcamps bekräftigt und gefördert. Einerseits lernen die Kinder während dieses Zeitraums viele neue Spielkameraden und potentielle Freunde kennen. Andererseits verbringen die Schülerinnen und Schüler diese Woche nicht nur mit ihren Lehrern und ihren Mitschülern, sondern zugleich auch mit ihren engsten Vertrauten - den Eltern.

Die Schulcamps sind Ausnahmezeiten. Für die Dauer einer Woche müssen die Farmer und ihre Ehefrauen nicht ständig auf die Uhr schauen. Die Mütter, die im Alltag im australischen Outback stets praktisch gekleidet sind, weil sie auf der Farm mithelfen müssen, haben Make-up aufgelegt und sich in Schale geworfen. Ihre Männer, die sonst - im wahrsten Sinne des Wortes - den Stier bei den Hörnern packen müssen, umfassen die Taille ihrer Ehefrau, um mit ihr das Tanzbein zu schwingen.

Die Tische biegen sich unter den immer wieder vollgeschenkten Gläsern und den Tellern mit Grillfleisch und hausgemachten Salaten.

Die Kinder nippen meist nur an den Speisen. Lieber hängen sie in Trauben zusammen, um einander von der Geburt des letztens Fohlens und vom Joy- Stick zu erzählen, den sie sich als Geschenk erhoffen. In einer Ecke des Festsaals haben ein paar vielleicht zwölf - bis vierzehnjährige Mädchen zusammengefunden. Schwatzend und kichernd legen sie Lidschatten auf, probieren Hochsteckfrisuren aneinander aus und begutachten gemeinsam das Ergebnis.

Die Lehrer lassen sich von den Schülern auf deren Handys ablichten. Und sie suchen das Gespräch mit den Eltern. Ein Thema, so Steve Chapman, sei hier immer wieder das großmundige Versprechen der Politiker, alle Haushalte des Landes mittels Breitbandnetz mit einem Internetzugang zu versehen. Gut und schön, sagt Steve. Aber auch der Unterricht per Telefon habe für Schüler und Lehrer Vorteile.

"Beim Unterricht übers Telefon gibt es nur meinen Schüler und mich - keinen Klassenclown, keine Unterbrechungen, keine Ablenkungen durch wen oder was auch immer. Und: Keine Schikane! Das ist etwas, das die Kinder in ihrer Sehnsucht nach dem Zusammensein mit Anderen manchmal übersehen - dass ihre Mitschüler sie unter Umständen auch drangsalieren könnten!

Beim Telefon - Unterricht also spielen solche Dinge keine Rolle. Wir gehen die Lektionen durch, besprechen Übungsaufgaben und können uns individuellen Schwierigkeiten widmen. Ebenfalls sehr wichtig: Im Bedarfsfall können die Schüler uns anrufen und uns um Unterstützung bitten. Und sie können sich darauf verlassen, dass wir rasch und zuverlässig bei ihnen zurückrufen."

Die Schützlinge von Mrs. Houston müssen erst einmal den Umgang mit dreistelligen Zahlen meistern. Und ihre eigene Sprache, um sich dann, wie ihr Motorrad fahrender Mitschüler, eventuell auch einmal im Ausland behaupten zu können.

Ein paar der Kinder werden mit Abschluss des zehnten Schuljahrs ihre Ausbildung in der Stadt fortsetzen, womöglich dort dann auch studieren. Erfahrungsgemäß aber treten die meisten von ihnen in die Fußstapfen der Eltern. Doch das ist Zukunftsmusik. Im Hier und Jetzt schließt Mrs. Houston für heute ihre Rechenstunde. Den Kindern haben ihre "magic tricks", die magischen Kunststücke zur Lösung der Rechenübungen, sehr gefallen.

"Thanks!” und "I liked your magic tricks!”

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