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Signale / Archiv | Beitrag vom 17.07.2005

Das Grinsen der Katze oder: Optimismus ohne Zukunft

Der Blick nach vorn - Deutschlands Zukunft denken (1)

Von Sophie Dannenberg

Bundeskanzler Gerhard Schröder und der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering (AP)
Bundeskanzler Gerhard Schröder und der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering (AP)

Schröder verschwindet, Merkel kommt oder auch nicht, aber ihr Grinsen im Fernsehen bleibt, meint die Autorin Sophie Dannenberg, die mit dem Roman "Das bleiche Herz der Revolution" über die Kinder der 68er bekannt wurde. Es sei das Erbe von Rot-Grün als auch die Zukunft von Schwarz-Gelb.

Bei Alice im Wunderland gibt es eine Szene, in der Alice einer grinsenden Katze begegnet. Die beiden unterhalten sich, und plötzlich löst sich die Katze einfach auf. Nur ihr Grinsen bleibt noch eine Weile im Baum hängen.

Wie Alice mit der Katze so geht es mir mit dem Bundeskanzler. Wo immer er auftaucht, lacht er, auch wenn es gar nichts zu lachen gibt. Ich habe unzählige Nachrichtenspots gesehen, in denen der Kanzler strahlend ins Bild schreitet. Er hält sich sehr gerade und macht energische Schritte, als hätte er noch einen langen und hoffnungsvollen Weg vor sich. Und dann haut er Blair, Chirac oder Putin so heiter und vertraulich auf die Schulter, als würde er sich auf die eigenen Schenkel klopfen. Hinterher weiß ich dann oft nicht mehr, worum es überhaupt ging. Nur sein Grinsen hängt mir im Gedächtnis wie das Grinsen der Katze im Baum.

Die Vorsitzenden von CDU und CSU, Angela Merkel und Edmund Stoiber, präsentieren das Wahlprogramm der Union (AP)Die Vorsitzenden von CDU und CSU, Angela Merkel und Edmund Stoiber, präsentieren das Wahlprogramm der Union (AP)Inzwischen glaube ich, dass Schröders Grinsen grundsätzliche Bedeutung für die deutsche Politik erlangt hat. Überall grinst es, von allen Plakaten, aus allen Talkshows, aus allen Parteien, und dahinter ist immer nichts. Weder Schröder noch Merkel, weder Fischer noch Lafontaine, nichts. Nur Grinsen. Im letzten Wahlkampf war es Stoiber, der das Grinsen in einen epidemischen Zustand überführte. Stoiber grinst seither in einem fort. Und auch der weibliche Kandidat Frau Merkel zeigt sich in letzter Zeit nur noch mit Siegerlächeln. Herr Gysi berlinert ungerührt fröhlich wie zu Ostzeiten und Herr Westerwelle und Herr Lafontaine und – ja, die vor allem - Claudia Roth, alle strahlen in die Kameras. So, als wäre nichts geschehen in diesem Land.

Dabei ist nichts zu sehen hinter dem Grinsen, nichts mehr zu gewinnen, verloren haben wir alle schon längst – an Bildung, an Reichtum, an Kindern, an Zukunft. In meinem Kiez in Berlin gibt es eine Ladenzeile, in der nach und nach die Lichter ausgehen, wie in einer verschleppten Kettenreaktion. Erst machte der Bioladen dicht, dann der Fahrradladen, dann der Möbelverkäufer, dann das Sanitärgeschäft, dann das Reisebüro, dann der Friseur, zuletzt die Kneipe. Wenn ich heute die Straße entlanggehe, blicke ich in gähnend leere Schaufenster und in staubige, dunkle Räume dahinter. Sag mir, wo die Mieter sind, singe ich still in mich hinein, wo sind sie geblieben? Wahrscheinlich sind sie jetzt pleite und arbeitslos, sitzen benommen vorm Fernseher und sehen den Politikern beim Grinsen zu.

Dieses Grinsen ist zur Metapher einer ganzen Epoche geworden. Sie begann 1968 und dauert an, bis heute. Go-in, sit-in, Hausbesetzung, Stadtteilfeste, Soli-Konzerte, eine immerwährende Riesenfete. Erst mit Klobürsten gewedelt und mit Puddingpulver geschmissen, dann Nonsens-Flugblätter verteilt und die Polizei verprügelt, dann Menschen entführt und gelegentlich auch ermordet. Kürzlich bei Beckmann sagte Alt-Kanzler Schmidt wörtlich: "Es waren die 68er Studenten, die die Gewalt zurück auf die Straße gebracht haben. Das letzte Mal, dass wir auf deutschen Straßen Gewalttat hatten, das war unter den Nazis. Das war, als die Bücher verbrannt wurden, als die Juden vergast wurden."

Im Unterschied zu den Nazis fanden die 68er ihre Gewalttaten allerdings wahnsinnig witzig. Eigentlich ist also nicht Schröder der Erfinder des immerwährenden Grinsens, sondern Dieter Kunzelmann, der erste und lauteste Verkünder der fröhlichen Gewalt. Sein Grinsen sollte die Vergangenheit nicht abwehren, sondern legitimieren. Wer über den Mord an Schleyer lacht, ist kein Mörder, sondern ein Event-Manager. Als Andreas Baader durch den Sand im Terrorcamp robbte, trug er hautenge Samthosen. Terror als Lifestyle, Mord als Performance, Politik als Gaudi. Eigentlich war '68 nichts anderes als ein Werbespot. Blutig zwar, aber lustig, blöd, aber sexy. Jede Demo, jeder Dutschke wies den Weg in eine fröhliche, lachhafte, unwiderstehlich sinnlose Zukunft.

Dabei hatten die 68er einst gebrüllt: "Inhaltlich diskutieren!", wenn ihnen ein Argument nicht passte. Nun zeigt sich, dass weder sie noch die anderen jene einst eingeforderten Inhalte zur Verfügung haben, keine neuen und keine hilfreichen. Was wir haben, hatten wir schon, was wir bekommen sollen, funktioniert schon lange nicht mehr. Es ist wie im Varieté-Theater, in dem nichts neues mehr passiert. Das Repertoire hat sich nicht geändert, in Jahren nicht: Krankenversicherung, Bildung, Alterssicherung, Arbeitslosigkeit, Steuerpolitik. Die längst schon verstaubte Bühnendekoration wird hin und her geschoben, von links nach rechts und wieder zurück. Wir sehen immer dieselben Gesichter, dieselben Argumente, dieselben Probleme, dieselbe Hilflosigkeit.

Alle sehen wir das, und auch die Politiker sehen, dass alle es sehen, und trotzdem grinsen sie weiter. Sie wollen amüsieren, ein gutes Gefühl vermitteln – so gut, dass jeder alles hinnimmt: den sanften Sozialismus im ausgewaschenen Rot, die Konsens-Demokratie, die feige Zufriedenheit, die mürrische Lähmung, den Optimismus ohne Zukunft. Darauf haben sich alle verständigt: diese Partei und jene, die eine Kirche und die andere, Betriebsrat, Vorstand und Gewerkschaft und auch deren schöne Gäste aus Brasilien. Schröder verschwindet, Merkel kommt oder auch nicht, aber das Grinsen bleibt. Es ist das Erbe, das uns Rot-Grün gelassen hat, und offenbar ist es auch die Zukunft, in die uns Schwarz-Gelb einweisen möchte. Für die Konservativen und auch für die Revolutionäre galt als Maßstab der Politik einst der Ernstfall. Jetzt gilt für alle nur noch der Spaß, egal ob links oder rechts.

Bei Lewis Carroll fragt Alice die Katze, welchen Weg sie nehmen soll. Das kommt darauf an, wo du hin willst, sagt die Katze. Unsere unerträglich schmerzlichen Lebenslügen hängen über uns wie das Grinsen der Katze im dürren Geäst. Das ist der wahre Sieg der 68er.

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