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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.11.2009

"Das ging ja alles holterdiepolter"

Ex-Senatskanzleichef über die Vorbereitung der Maueröffnung auf Westberliner Seite

Dieter Schröder im Gespräch mit Katrin Heise

Am Tag nach der Öffnung am 9. November 1989 steigen Menschen  auf die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. (AP)
Am Tag nach der Öffnung am 9. November 1989 steigen Menschen auf die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. (AP)

Westberlin habe schon Monate vor der Maueröffnung begonnen, sich auf Besucherströme aus dem Osten vorzubereiten, sei aber vom frühen Zeitpunkt der Reisefreiheit für DDR-Bürger überrascht worden, sagt Dieter Schröder, der 1989 Westberliner Senatskanzleichef war.

Dieter Schröder: Guten Tag, Frau Heise, ich freue mich sehr, nach 20 Jahren wieder in einem RIAS-Studio, in einem alten, zu sitzen, in dem ich damals häufiger zu sitzen hatte.

Heise: Wir erinnern uns jetzt auch weiter gemeinsam an die Zeit vor 20 Jahren. Ein Bild, das sicherlich jeder im Kopf hat: Ein etwas verwirrt wirkender Günter Schabowski kramt während einer Pressekonferenz den Zettel aus einem Stapel, der ihn für immer in die Geschichtsbücher bringt.

Journalist: Ab sofort?

Günter Schabowski: Also, Genossen, mir ist es hier mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon verbreitet worden ist, sie müsste eigentlich in Ihrem Besitz sein. Also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.

Journalist: Wann tritt das in Kraft?

Schabowski: Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

Heise: Sofort, unverzüglich. Die Mauer ist offen, verbreiten die Medien. Wie haben Sie davon erfahren, Herr Schröder?

Schröder: Ich habe davon aus dem Radio erfahren, ich weiß nicht mehr, welcher Sender es war, den hatte ich laufend angeschaltet in diesen Wochen. Der spielte ganz leise in meinem Dienstzimmer, und wir saßen da gerade zusammen und berieten über den Text einer Anzeige, mit der wir die Westberliner auffordern wollten, die nach unserer Einschätzung zu erwartenden Besucher – so für den ersten Advent erwarteten – freundlich zu empfangen. Da kam das plötzlich aus dem Radio. Also, ich hab das zeitgleich erfahren.

Heise: Was ging Ihnen da durch den Kopf als Allererstes?

Schröder: Ja, als Allererstes ging mir durch den Kopf: Wie schön, dass wir uns doch schon ein bisschen vorbereitet haben, und zweitens: Diese Anzeige brauchen wir nicht mehr. Die Gäste sind jetzt da.

Heise: Der Sekt ist offen.

Schröder: Und die Kapazität müssen wir nutzen, die wir bei einer Berliner Zeitung geparkt hatten und die uns da sehr unterstützt hat: Wir müssen jetzt ganz schnell billige Stadtpläne herstellen, damit unsere Besucher, die ja den Stadtplan von Berlin-Hauptstadt haben, wo Westberlin eine gelbe Fläche ist, einen ordentlichen Stadtplan haben und nicht hier rumirren und ihre Zeit vertrödeln. Sie wollen ja gleich die Dinge, von denen sie mal gehört haben, finden.

Heise: Dass sie wissen, wo der Ku’damm ist und sie nicht irgendwo da in dem weißen Sumpf rumfahren. Also – überrascht wie der Rest der Welt scheinen Sie da nicht gewesen zu sein. Sie waren, wie Sie gesagt haben, Gott sei Dank ein bisschen vorbereitet. Lassen Sie uns mal die Zeit vor dem 9. November noch mal Revue passieren, die neue DDR-Führung unter Egon Krenz war ja seit 18. Oktober 1989 im Amt. Wann haben Sie das erste Mal von diesen geplanten neuen Reisebestimmungen, an denen gearbeitet wurde, gehört?

Schröder: Gerüchtweise hörte man in den Wochen, also, eigentlich seit August, mancherlei. Aber man nahm das ja irgendwann nicht mehr so ernst. Am 25. Oktober in aller Frühe kam ein Verbindungsmann zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR zu mir ins Büro, um mir von Manfred Stolpe mitzuteilen, dass er den Eindruck hätte, es würde sich etwas wirklich Substanzielles tun.

Heise: Am 25. Oktober war das.

Schröder: Am 25. Oktober.

Heise: Was haben Sie darauf unternommen?

Schröder: Sofort einen Brief an Herrn Seiters, den Chef des Bundeskanzleramtes, geschickt und auf ein Problem hingewiesen, das sehr technisch erscheint, nämlich, wie wir die Ausgabe des Begrüßungsgeldes bei den zu Erwartenden – denn ich habe heute mal so überschlagen, wie viele haben Pässe, wie viele werden schnell kommen können, also sind es vielleicht 400.000, 500.000 an einem Tag –, wie wir für 400.000, 500.000 Leute Begrüßungsgeld auszahlen. Das ging bis damals hin so, bei den Wenigen, die kamen vorher, die gingen zum Sozialamt des Bezirks. Und stellen Sie sich mal vor, da hätten bei ein paar Sozialämtern so jeweils 50.000 Menschen vor der Tür gestanden.

Heise: Unvorstellbar.

Schröder: Das wäre nicht gegangen.

Heise: Also ein sehr praktisches Problem. Hat sich Herr Seiters dem angenommen?

Schröder: Das ging ja alles holterdiepolter. Es wurde dann nachgefragt, dann hatte ich auch gleich vorgeschlagen, die einfachste Lösung wäre meiner Ansicht nach: Wir beauftragen die Staatsbank der DDR, das Geld auszuzahlen, dann können die Leute das vor ihrer Reise holen, und zweitens können sie das gegen 100 Mark der DDR tauschen, das nimmt dem Ganzen so ein bisschen das Ärmliche. Die Bundesregierung hat mich dann wissen lassen: Wenn man Geschenke macht, sollte man sie selbst übergeben, also Staatsbank käme überhaupt nicht in Frage. Dann sind wir hier selbst initiativ geworden, der Herr Rommerskirchen, der die Arbeitsgruppe leitete, der hat dann gesagt, pass auf, wir sprechen mit den Banken, der Sparkasse. Also, wo irgendwie eine Kasse möglich war, haben wir da das gesichert, dass Geld ausgezahlt werden könnte.

Heise: So ab dem ersten Advent, hatten Sie ja gesagt, haben Sie damit gerechnet.

Schröder: Wir hatten gesagt, ersten Advent, ich hatte meiner Frau gesagt, wenn du in Ruhe noch Weihnachtseinkäufe machen willst, mach es vor dem ersten Advent, sonst wird es ein bisschen drängelig.

Heise: Es wurde dann ja doch noch früher ein bisschen drängelig. Beschreiben Sie doch mal die Situation in Berlin, also West-Berlin, wie es damals aussah. Es waren ja schon sehr viele Flüchtlinge in der Stadt.

Schröder: Es waren die Flüchtlinge in der Stadt, die Situation war äußerst angespannt, nicht nur in Berlin, auch in einigen Bundesländern. Wir hatten hier kaum noch Fläche, man muss sich mal vorstellen: Sämtliche Wohncontainer Westeuropas waren hier versammelt. Es gab keine Flächen mehr, wo wir sie aufstellen konnten. Es liefen gerade Vorbereitungen, ob man leere Flächen von Friedhöfen, die freigehalten wurden für spätere Bestattungen, nutzen könnte, um dort Wohncontainer aufzustellen. Es war wirklich dicht. Und wir fuhren dann, Momper und ich, am 26., 27. nach Westdeutschland zur jährlichen, großartigen Ministerpräsidentenkonferenz in Düsseldorf, wo die Länder dann klagten und aus einem Land sogar der Gedanke auftauchte, ob man nicht nun die mit der Staatsbürgerschaft Schluss machen sollte, damit man die wieder zurückweisen könnte, denn sie seien überlaufen. Das war ein Land, das am wenigsten betroffen war, aber gut. Solche Helden hat es schon mal gegeben in diesem Land.

Heise: Dieter Schröder erzählt, er war Westberliner Senatskanzleichef 1989, erinnert sich an die Tage um die Maueröffnung herum hier im Deutschlandradio Kultur. So richtig spruchreif war die geplante Reisefreiheit dann am 29. Oktober, und da trafen Sie sich …

Schröder: Am 29., also … mir war das alles noch nicht ganz sicher, und dann hatte Stolpe die Idee, dass er uns, und, wenn es klappt, Schabowski am 29. im Anschluss an einen vorgezogenen Reformationstagsgottesdienst in den Rosensalon des damaligen Palasthotels zum Mittagessen einlädt. Das hat dann auch stattgefunden, und da sagte Schabowski, es würde eine Reiseregelung geben, die auch diese Bezeichnung verdient hat. Dann habe ich ihn gefragt, ob er sich denn klar sei, dass die Grenzübergänge nicht reichten. Im öffentlichen Personennahverkehr hatten wir nur die Friedrichstraße. Da musste alles durch dieses Loch.

Heise: Durch den Tunnel da unten durch.

Schröder: Und wenn da sich so eine halbe Million auf den Weg gemacht hätte, das wäre eine furchtbare Situation geworden.

Heise: Das heißt, Sie haben ihm dann Vorschläge gemacht, was man noch so öffnen sollte?

Schröder: Und da hat er gesagt, ach, das … können Sie das nicht mal aufschreiben? Und ja, das konnten wir, da hatte die Senatskanzlei schon Ideen, was man da machen konnte, aber dies für mich Entscheidende war, dann sagte er: Aber schicken Sie mir das bitte nicht über die Besuchsbeauftragten, dann kriege ich das nur mit Anmerkungen, warum es nicht geht, wieder, sondern geben Sie das bitte Herrn Stolpe und der möchte das mir durch einen seiner Fahrer bringen.

Heise: Also hintenherum.

Schröder: Hintenherum. Und da hatte ich den Eindruck: Der meint es ernst.

Heise: Aber am 6. November kamen dann Reisebestimmungen raus von der DDR-Führung, und die hatten den Namen nicht verdient.

Schröder: Nein.

Heise: Was ist Ihnen denn da durch den Kopf gegangen? Dachten Sie, das war doch alles ein Spuk?

Schröder: Da ist mir eins durch den Kopf gegangen: Um Gottes Willen, hoffentlich sagt in Bonn keiner großmäulig, das ist ein großer Schritt nach vorn, sondern sagt das, was wirklich nötig ist: So geht es nicht. Und dann fing das in Bonn auch wirklich so an, und wir haben dann Walter Momper, der zu der Zeit auf einer Reise in die CSSR war, mit Nachdruck gesagt, also, das kann nicht die Lösung sein. Und die ist ja dann glücklicherweise schnell vom Tisch gekommen. Also, das war für mich ein sehr dramatischer Moment, dieser 6. November, als es so klang, als wenn man sich zufriedengeben würde auf der westlichen Seite, und das durfte eigentlich nicht passieren, wenn wir weiterkommen wollen.

Heise: Sie hatten dann am 9. November, oder war es der 8. November, jedenfalls an einem dieser beiden Tage war Ihre Vorbereitungsgruppe schon so weit, dass man eigentlich dachte, …

Schröder: Einen ersten Zwischenbericht hatten wir da.

Heise: Das Infoblatt war für die Westberliner, dass sie freundlich sein sollten, die Stadtpläne, …

Schröder: Ja, da waren wir dran, aber wir hatten ja noch ein paar Wochen Zeit, glaubten wir. Und doch, die groben Züge waren klar, es war klar, dass man für den ersten Ansturm den Schmog-Alarm-Fahrplan der BVG einsetzen musste, …

Heise: Also rund um die Uhr öffentlicher Nahschnellverkehr?

Schröder: Rund um die Uhr und in dichter Folge. Und wir hatten klar, dass die Banken und Sparkassen an der Auszahlung des Begrüßungsgeldes sich beteiligen, das war ja sehr wichtig, die Leute kamen ohne einen Pfennig in der Tasche und mussten ja hier leben. Und wir wollten auf keinen Fall, dass das wie vor 1961 so eine Art Sozialhilfeveranstaltung wird. So, und wir mussten uns auch Gedanken machen, wenn die jetzt in größerer Zahl hierbleiben wollen, wie wir sie schnell nach Westdeutschland schaffen, wo wir die Flugkapazitäten herkriegen, und wir mussten den Alliierten auch bitte klar machen, dass es aufhören müsste, die Leute in Marienfelde über Tage festzuhalten, um sie durch die Sicherheitsdienststellen dort befragen zu lassen, was ja das Ganze also unmöglich machte und die Rückfahrt dann auch die … falls einer zurückkehren will, erschwert. Dann hat er sich also vergangen gegen Gesetze der DDR.

Heise: Und dann kam der 9. November, 19 Uhr, und plötzlich war alles viel schneller.

Schröder: Genau.

Heise: Wie haben Sie denn die ersten Stunden verlebt dann, was haben Sie dann noch organisiert?

Schröder: Die ersten Stunden habe ich natürlich in meinem Büro gesessen und gearbeitet, telefoniert. Also wir haben natürlich sofort Walter Momper informiert, der ja die Geschichte am besten erzählen kann, wie er dann reagiert hat und von welchen Seiten er das alles hörte. Und dann haben wir den Senat zu um 22 Uhr eingeladen, um jetzt mit den führenden Vertretern vom BVG, Polizei und so weiter abzuklopfen, wie weit sind sie vorbereitet und wie weit läuft es nun?

Heise: Und so ganz sicher war man ja nicht, dass nichts passiert.

Schröder: Es ist hervorragend gegangen, also, die Berliner Verwaltung, die BVG und die Polizei an der Spitze, die haben da eine ihrer Meisterleistungen vollbracht.

Heise: Also ein mehrfacher Grund …

Schröder: Ich erzähle immer noch gern, dass mir dann wenige Tage später ein Mann aus Sachsen seinen Orden für hervorragende Arbeit geschickt hat und gesagt hat, den habe ich mir redlich verdient, aber ich finde, die Berliner haben ihn noch mehr verdient für das, was sie geleistet haben. Und den habe ich dann an den Personalrat weitergegeben, dort war er richtig, vielleicht wird er irgendwo noch aufbewahrt.

Heise: Wie man sich in Westberlin auf Besucherströme aus dem Osten vorbereitet hatte vor 20 Jahren, das haben wir von Dieter Schröder erfahren. Er war damals Senatskanzleichef im Westberliner Senat unter Walter Momper. Herr Schröder, ich danke Ihnen recht herzlich, dass Sie hergekommen sind und uns das alles erzählt haben.

Schröder: Bitte!

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