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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.02.2010

Das geschundene Afghanistan

Nadeem Aslam: "Das Haus der fünf Sinne", Rowohlt Verlag, Reinsbek 2010, 460 Seiten, 19,90 Euro

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Afghane mit einem Pferd (Peter Marx)
Afghane mit einem Pferd (Peter Marx)

Mit "Das Haus der fünf Sinne" legt der 1966 in Pakistan geborene Autor Nadeem Aslam einen historisch so tief gehenden wie zeitlich und gesellschaftlich breit angelegten Roman vor über das von Krieg und Terror heimgesuchte Afghanistan.

Aslam holt dafür von den 80er-Jahren bis in die Gegenwart nach 9/11 aus und beleuchtet noch einmal die politischen Kräfte, die dort seit 30 Jahren ohne Rücksicht auf Verluste die eigenen Interessen verfechten und zu der russischen Okkupation Afghanistans Anfang der 80er-Jahre geführt haben, zum Bürgerkrieg zwischen den warlords nach Abzug der Russen, zur Machtübernahme der Taliban Ende 1995 und nicht zuletzt dazu, dass die Amerikaner nur wenige Wochen nach 9/11 in Afghanistan einmarschierten und dort inzwischen fast annähernd so viele Soldaten stationiert haben wie einst die Russen.

Schauplatz der in der Gegenwart spielenden Romanhandlung ist Usha, ein kleines Dorf rund 50 Kilometer von Jalalabad entfernt, am Fuße des Höhlenkomplexes Tora Bora – wo sich einst auch Osama Bin Laden versteckt haben soll. Und hier, an diesem abgelegenen Ort im Norden Afghanistans, im Haus – es ist das Haus der fünf Sinne – eines Engländers namens Marcus, treffen eine Handvoll Figuren aufeinander, darunter der Amerikaner und Ex-CIA-Agent David, Lara, eine Russin, die auf der Suche nach ihrem in Afghanistan verschollenen Bruder Benjamin ist, der dort vor über 25 Jahren als Soldat gedient hat, und ein junger Fundamentalist namens Casa, der im Auftrag eines warlords einen Anschlag auf das Dorf Usha vorbereiten soll, dabei jedoch schwer verletzt wird und sich in Marcus' Haus rettet.

Tatsächlich sind die Lebenswege aller Figuren auf schicksalhafte Weise miteinander verknüpft – und Aslam lässt anhand seines Personals zugleich auch verschiedene Stimmen des geschundenen Afghanistans zu Wort kommen: die Frauen und ihr Schicksal unter den Taliban; die gemäßigten und die radikalen Kräfte des Islams; die einzelnen Kriegsparteien und ihre unheilvollen und wechselnden Machtallianzen; die amerikanischen Besatzer mit ihrer imperialen Arroganz.

Doch um Schuld geht es nicht – vielmehr um eine Verlustbilanz auf allen Seiten: hier die Missachtung afghanischer Interessen seitens des Westens; dort die verzweifelte Identitätssuche der von sich selbst entfremdeten Muslime zwischen Modernität und Mittelalter. Für diese Suche steht auch das 'Haus der fünf Sinne', welches das Schicksal Afghanistans verkörpert: Einst waren die fünf Zimmer des Hauses mit Gemälden eines alten persischen Meisters verziert und huldigten der Schönheit der menschlichen Sinne. Doch seit dem Wüten der Taliban sind die Wände mit Lehm beschmiert.

Die Botschaft des sprachlich so bilderreichen wie hoch poetischen Romans, dessen Eindringlichkeit einen noch lange verfolgt, ist unmissverständlich: Wer die Vergangenheit leugnet, hat keine Zukunft – und keine Aussicht auf Erlösung, von der die Muslime, gefangen zwischen Imperialismus und Fundamentalismus, träumen. Nadeem Aslam aber ist mit "Das Haus der fünf Sinne" ein erschütternder und zugleich wunderbarer Roman über Afghanistan gelungen.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Nadeem Aslam: Das Haus der fünf Sinne
Roman
Deutsch von Bernhard Robben
Rowohlt Verlag, Reinsbek 2010
460 Seiten, 19,90 Euro

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