Seit 08:05 Uhr Kakadu

Sonntag, 05.04.2020
 
Seit 08:05 Uhr Kakadu

Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 14.07.2013

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung

Von Herma Brandenburger, Eberholzen

Ein Mensch ohne Erinnerungen ist wie eine Pflanze ohne Wurzeln.  (picture-alliance / dpa / ZB)
Ein Mensch ohne Erinnerungen ist wie eine Pflanze ohne Wurzeln. (picture-alliance / dpa / ZB)

Kein menschliches Leben ohne Erinnerungen. Sie sind die Bausteine, die das Fundament unserer Persönlichkeit prägen. Sie dürfen nicht verloren gehen, weil wir ansonsten wie Pflanzen ohne Wurzeln dastehen würden.

Sich erinnern heißt, konstruktive Rückschau zu halten, um zu verstehen, wie wir die werden konnten, als die wir heute dastehen. Nicht zuletzt ist Erinnern eine Frage des Ausbalancierens von Festhalten und Loslassen. Ein Wort aus der jüdischen Tradition lautet: "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung."

Unser Gehirn gleicht einem Computer mit einer ungeheueren Speicherkapazität. Alles, was jemals Eindruck auf uns hat, ist unter Mitwirkung aller unserer Sinne dort abgespeichert. Dass wir uns erinnern können, ist ausschließlich Sache unserer Emotionen. Was wir von frühester Kindheit an gesehen, gehört, gerochen, gefühlt und geschmeckt haben, daraus drängen sich viel später Erinnerungen, wie an Land gespültes Treibholz, in unser Bewusstsein.

Jeder Mensch besitzt seinen ganz persönlichen Erinnerungsschatz; aus ihm stammen die Bausteine, die das Fundament seiner Persönlichkeit bilden. Mag die Mehrzahl dieser Bausteine ohne nennenswerte Bedeutung gewesen sein, gibt es auch markante von beträchtlichem Gewicht, als da sind unsere Herkunft und das anerzogene Rollenbild. Kultur und Tradition sind maßgebliche Eckpfeiler, auf denen unser Lebensgebäude ruht, und die es stabilisieren. Nicht zu vergessen die Prägung durch die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft und das durch sie vermittelte Gottes- und Menschen-Bild.

Natürlich sind wir nicht von Anfang an unsere alleinigen Baumeister, weshalb auch all derer gedacht werden muss, die die Weichen dafür gestellt haben, damit Leben sich entwickeln konnte. Deshalb hat Erinnern auch mit Verdanken zu tun, weil es uns ohne das Mitwirken vieler Kräfte gar nicht gäbe. Der Blick zurück dient dazu, um gefasst nach vorne schauen zu können.

Rückbesinnung und Erinnerung helfen beim Ausbalancieren dessen, was festgehalten und was losgelassen werden muss. Ein Wort aus der jüdischen Tradition lautet: "Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung".

Erinnerungen zu wecken bedeutet, Vergangenes freizulegen, um mit ihm ins Reine zu kommen. Welche brauchbaren Schlüsse kann man aus der Vergangenheit ziehen? Wenn hartnäckiges Vergessenwollen das "Exil" verlängert, wie die jüdische Weisheit lehrt, verstehe ich darunter die Scheu, eine nicht erkannte, innere Gefangenschaft voll seelischer Fesseln in Angriff zu nehmen. In selbst gewählter Verbannung stecken zu bleiben, mag zunächst das kleinere Übel sein. So manches selbstgewählte Exil (in Ehe, Familie oder Freundschaft) ließe sich beenden, wenn Menschen darauf zurückkommen und sich versöhnen. Dann fallen kerkerähnliche Mauern in sich zusammen und Blockaden werden durchlässig.

Die Schatztruhe voller Erinnerungen ist umso praller gefüllt, je älter man ist. Fällt auch im Alltag so manches dem schwächer werdenden Kurzzeitgedächtnis anheim, tritt in vorgerückten Jahren das Langzeitgedächtnis in Kraft. Dann laufen vor dem inneren Auge weit zurückliegende Ereignisse und Begegnungen ab, und die seinerzeit empfundenen Gefühle gesellen sich unverändert dazu. "Die Ruhe kommt erfüllten Strebens, es schwindet des verfehlten Pein - und also wird der Rest des Lebens ein sanftes Rückerinnern sein", schrieb Ferdinand von Saar vor über einhundert Jahren.

Schön wär's, mit dem "sanften Rückerinnern"; manchmal ist es das genaue Gegenteil. Alte Menschen haben mehr Vergangenheit als Zukunft; ein unbestrittener Wermutstropfen im Alter ist jedoch, wenn der Großteil einst vertrauter Zeitgenossen nicht mehr am Leben ist. Irgendwann erinnert man mehr Tote als Lebende. Das kann auch eine Erklärung dafür sein, weshalb sie es vorziehen, zurückgezogen zu leben; was nicht heißen soll, dass das gegenwärtige Leben im Alter nur noch aus Erinnerungen besteht.

Wir sind, was wir erinnern. Das bedeutet, der Sogwirkung vor allem schmerzlicher Erinnerungen an Versäumnisse, an Irrungen und Wirrungen zu widerstehen. Andernfalls behält jemand die Haltung des schon früher immer zu kurz gekommenen Kindes, oder des vermeintlich verkannten Genies bei. Und manchmal kann einer machen, was er will und findet trotzdem nicht aus der Rolle des Versagers heraus. Seine Familie hat ihn vielleicht von Anfang an auf diese Rolle festgelegt. Wer sich seiner Vergangenheit nicht richtig zu erinnern vermag, durchlebt sie immer wieder von neuem. Im Ablauf mehrerer Reife-Phasen entdeckt man immer wieder neue Seiten an sich. Auf eine falsch getroffene und korrigierte Wahl darf man getrost mit Gottes Verständnis rechnen; Menschen tun sich damit untereinander bedeutend schwerer.

In ihrer Selbstbetrachtung sehen sich manche Menschen gern als jemand, als den sie sich selbst am liebsten erinnern. Erstaunlich, wie bedenkenlos manch einer die eigene Biographie immer wieder neu erfindet. Unglücksfälle und Erkrankungen des Gehirns, aufgrund dessen jemand sein Gedächtnis verloren hat, machen ein geschichtsloses Wesen aus ihm. In der Vergangenheit sind unsere Wurzeln gewachsen, und aus denen bilden wir unsere Identität. Ohne unsere Wurzeln, mit denen wir in der Welt verankert sind, hätten wir ein trauriges Schicksal.

Wie soll jemand auch wissen, wo er in Zukunft hin will, wenn er nicht weiß, aus welcher Vergangenheit er herkommt? Mal abgesehen davon, dass einer gute Gründe haben kann, seine Herkunft zu verschweigen.

Im Fundus unserer Lebensgeschichte verbergen sich Unmengen von Bildern und Erlebnissen. Unser autobiographisches Gedächtnis reicht bis weit in die früheste Kindheit zurück, und es bedarf manchmal nur eines flüchtigen Impulses, um ein lange zurückliegendes Ereignis vors innere Auge zu holen. So erinnere ich seit fast einem Dreivierteljahrhundert einen Geruch aus dem Zweiten Weltkrieg, als unsere Stadt nach mehreren Bombenangriffen in Flammen stand. Zum Glück damals noch zu klein, um verstehen zu können, hat mein Gehirn jedoch unverlierbar gespeichert, wie dieses Inferno gerochen hat. Heute noch entfährt mir jedesmal "es riecht nach Krieg", wenn ein Luftzug jenen unverwechselbaren Brandgeruch in meine Nase weht.

Auch das Gehör hält jede Menge Erinnerungen und Eindrücke fest, die einem ein Leben lang nahgehen, zumal, wenn sie an besondere Emotionen geknüpft sind. Mit Siebzehn unsterblich in einen Musikstudenten verliebt, sah der seine besondere Mission darin, mir die Feinheiten kultivierten Musikhörens zu vermitteln. Unzählige Male hörten wir gemeinsam die romantisch-schwermütige 8. Symphonie von Franz Schubert, die "Unvollendete" in h-moll. Und wie man sich denken kann, ruft sie heute fast noch die selben Empfindungen hervor, wie vor über einem halben Jahrhundert.

Viele Jahre später, ich war bereits selbst Familienmutter, fiel ich buchstäblich aus allen Wolken, als ich ein Probefläschchen Parfüm öffnete, und mir ein unverkennbarer Duft in die Nase stieg. es war eindeutig die Parfümnote meiner geliebten, früh verstorbenen Großmutter. Und heute bemerke ich bei meinen eigenen, großen wie kleinen Enkeln, wie wichtig es ihnen ist, zu bewahren, was typisch für ihre Oma ist. Als ob sie bereits zeitig Erinnerungen speichern, um mich bei sich zu behalten, in einer Zeit, wenn sie mich schon lange überlebt haben werden. Für mich ist es tröstende Gewissheit, einmal in ihren Erinnerungen weiterzuleben, genau so, wie es Immanuel Kant beschrieben hat: "Wer im Gedächtnis seiner Lieben bleibt, der ist nicht tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird."

Gegen einen zweiten Tod durch Vergessenwerden hat der Kölner Künstler Günter Demnig eine Stolperstein-Aktion ins Leben gerufen. Stolpersteine sind 10 Zentimeter große, würfelförmige Steine, die auf der Oberseite eine Messingplatte mit Informationen über einen Menschen enthalten, der während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ums Leben gebracht worden ist. Die Gravur enthält den Namen, Geburtsdatum sowie den Tag, an dem ein Mitbürger abtransportiert und ermordet wurde. Die Steine werden dort in den Boden eingelassen, wo der Betreffende seinen letzten frei gewählten Wohnsitz gehabt hat. Nicht, um die Ermordeten auch noch mit Füßen zu treten, sondern um aufzumerken, und quasi innerlich zu stolpern, damit nicht in Vergessenheit gerät, was niemals wieder passieren darf.

Jedermann graust vor der Vorstellung, eines Tages spurlos vergangen und vergessen zu sein. Verständlich, dass jeder geborgen und aufgehoben sein möchte in der Erinnerung seiner Lieben. Daher sind vor allem auch kirchliche Feste spirituelle Gedenktage. Niemand soll vergessen sein, deshalb wird seit dem frühen Mittelalter an einem Tag im Jahr – an Allerseelen – all der Menschen gedacht, die nirgendwo namentlich erwähnt und erinnert werden; durch einen feierlichen Gottesdienst sollen sie an diesem Tag dem Vergessen entrissen werden.

Wem man in Liebe und Verehrung gedenkt, dem setzt man in seinem Herzen ein Denkmal. Gerahmte Fotos und Bilder in unseren heimischen vier Wänden dienen dem Andenken der Abgebildeten. Gleichzeitig vermitteln Bilder ebenso wie andere Erinnerungsstücke ein wenig gefühlte Nähe der Abwesenden. Wo kein Foto vorhanden ist, existiert vielleicht ein Gegenstand, der eine besondere Erinnerungen darstellt.


Vor einiger Zeit fand ich bei einem Trödler große, nagelneue Leinenservietten. So vergilbt, wie sie waren, dürften sie eine unendlich lange Zeit nicht mehr, oder sogar noch nie, in Gebrauch gewesen sein. Aus einer Haushaltsauflösung stammend, werden sie sicher einer Frau gehört haben, die längst verstorben ist. Und da man früher jedes Wäschestück mit einem Monogramm, gezeichnet hat, ist auch jede dieser Servietten damit versehen. Welcher Name sich wohl hinter den ineinander verschlungenen Initialen GK verbirgt? Zwei Buchstaben, mehr kenne ich nicht von der Frau, die im Geiste quasi täglich mit uns zu Tisch sitzt, und von der wir weder wissen, wie sie hieß, noch wann und wo sie gewohnt hat, an die uns aber diese kleine textile Hinterlassenschaft erinnert. Vielleicht bekommt sie es ja in der Ewigkeit mit und freut sich, dass hier fremde Leute ihrer gedenken.

Wenn Menschen voneinander beeindruckt sind, zeichnen sie sich ebenfalls gegenseitig. Jeder hinterlässt sein Monogramm bei den Menschen, die seinen Namen in ihr Gedächtnis eingeprägt haben.

Auch dem Mann aus Nazareth war es ein Herzensanliegen, nicht in Vergessenheit zu geraten. Seine Jüngerinnen und Jünger sollten nach seinem Weggang häufig zusammen kommen, sich an einen Tisch setzen, um beim gemeinsamen Mahlhalten Seiner zu gedenken. "Tut dies zu meinem Gedächtnis", hatte Er sie beschworen und versprochen, immer, wenn sie sich in seinem Namen versammeln würden, mitten unter ihnen zu sein (vgl Lk 22,19). Ein tröstliches Vermächtnis für all jene, die mit ihrer ganzen Herzenskraft mit IHM verbunden bleiben wollen. Durch die Taufe sind wir mit dem Monogramm Christi – dem IHS - gezeichnet, was nicht etwa "Jesus, Heiland, Seligmacher" bedeutet, wie man früher fraglos Glaubende weisgemacht hat. Das Christus-Monogramm leitet sich von den ersten beiden und dem letzten Buchstaben des griechischen Namens Jesus ab und weist Getaufte als zu Ihm gehörig aus.

Eine der Besonderheiten an alten Menschen ist, dass sie ideale Zeitzeugen für die Nachgeborenen sind. Nicht, weil man immer wieder gern von Opas heldenhaften Kampfeinsätzen im Krieg hören möchte, zumal wenn sie ohne die geringste Spur von Unrechtsbewusstein vorgetragen werden. Die Banalisierung des Bösen ist ein probates Mittel gegen Schuldgefühle, die einem ansonsten schwer auf der Seele lasten. Jeder Mensch entwickelt sein eigenes Maß an erträglichen Belastungen. Was darüber hinausgeht, wird normalerweise ausgeblendet oder geleugnet. Die Vergangenheit holt jeden ein; sie ist wie ein Fass, dem die Erinnerungen so lange entströmen, bis man einen Deckel zum Abdichten findet. Wirklich weise sind die Menschen, die alles, was ihnen im Laufe des Lebens widerfahren ist, für sich als Lernerfahrungen und Bewährungsproben verbuchen. Bekanntlich wächst man an nichts so nachhaltig, wie an Widerständen.

Erinnerungen dienen als Brücken in die Vergangenheit, aber sie sind immer auch Interpretationen des Erlebten und Durchlittenen. Je mehr Zeit vergeht, umso variantenreicher gestaltet sich mitunter das, was wir zu erinnern glauben. Es fällt allemal leichter, sich bei seinen Rückbesinnungen als Opfer zu empfinden, als eigenes Schuldiggewordensein in aller Offenheit einzusehen und zuzugeben. Das Gedächtnis bewahrt auf, aber nicht ohne das Bedürfnis, das Gewesene wohlwollend ein wenig zu retuschieren.

Um seine Zukunft gestalten zu können, muss man sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, denn sie ist die Leinwand, auf der man seine Spuren hinterlassen hat. Wenn das Leben auch vorwärts gelebt wird – verstehen und die entsprechenden Lehren daraus ziehen, können wir nur in der Rückschau. Doch wie schwer einem dies ankommen kann, davon zeugen die Gedanken, die in schlaflosen Nächten wie Lawinen über einen niedergehen und einen wider Willlen wachhalten.

Sich auf seinem Lager herumwälzen und grübeln, ist kein konstruktives Erinnern. Glücklicherweise gibt es heute ausreichend Möglichkeiten, mit fachlicher Hilfe ungelöste Konflikte, Enttäuschungen und Verletzungen in der eigenen Biographie sozusagen als "Wundpflege" zu betreiben.

Allein wegen der heilenden Selbsthilfe liegt es nahe, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Dabei ist schon ganz ohne Absicht erstaunliche Literatur entstanden. So erzielten vor einigen Jahren die Aufzeichnungen der Bäuerin Anna Wimschneider (1919-1993) große Beachtung. In mehreren Schulheften hat sie, die nach dem Tod der Mutter mit 8 Jahren den ganzen bäuerlichen Haushalt mit Vater und Geschwistern versorgen musste, ihren autobiographischen Bericht vom Leben der kleinen Leute zu Anfang des 20.Jahrhunderts aufgeschrieben. Unter dem Titel Herbstmilch als Buch veröffentlicht, wurde ihre Geschichte überdies erfolgreich verfilmt. Über eine entbehrungsreiche und aufopferungsvolle Zeit, deren Ausmaße man sich heute kaum vorstellen kann, wirkt die Schreiberin zufrieden und dem Leben gegenüber trotz allem dankbar.

Was man in Worte fasst und sich von der Seele schreibt, wird aus dem Dunkel ans Licht geholt und verliert dabei einiges an Schwere. Was anderes als Erinnerungen ist denn ein Großteil aller Literatur, seitdem die Menschheit die Schrift erfunden hat? Man sollte noch viel mehr aufschreiben, um künftigen Generationen einen Einblick in das Leben ihrer Vorfahren zu gewähren. Wie auch "kleine Leute" ihre Lebenszeit gestaltet und gemeistert haben, ist bewundernswert genug und bedarf keiner zusätzlichen Erfindungen. Nichts ist bemerkenswerter, als die jeweilige Wirklichkeit!

Um einander "für immer" gedenken zu wollen, besaßen kleine Mädchen früher sogenannte "Poesie-Alben". Und was man darin alles an Sinnsprüchen verewigte! Beliebt war besonders die allerletzte Albumseite für Worte wie: "...und wer dich lieber hat als ich, der schreibe sich noch hinter mich!" Das Rätsel, wer dieser Hans vor über einhundert Jahren an dieser Stelle im Poesie-Album meiner Mutter gewesen ist, konnte ich leider nie lösen, aber für Enkel und Urenkel sind es gern zu lesende Erinnerungen aus einer fernen Zeit.

Lange schon bewahre ich letzte Briefe von mir nahstehenden Menschen auf, wenn ich sicher bin, dass ihnen keine weiteren mehr folgen werden, weil sich der jeweilige Lebenskreis zu schließen begonnen hat. Handgeschriebene Briefe empfinde ich als ein besonderes Vermächtnis, weil kaum etwas so persönlich ist wie die Handschrift eines Menschen, zumal wenn diese Briefe einmal nur für mich verfasst und an mich gerichtet wurden. Wenn ich gelegentlich darin lese, sind mir ihre, längst von dieser Welt gegangenen, Schreiber in Gedanken ganz nah.

Auch die um die 2000 Jahre alten Briefe des Apostels Paulus an frühe Christengemeinden sind beeindruckende Hinterlassenschaften. Durch sie erscheint sein Verfasser als Mensch mitsamt seiner Zeit vor unserem geistigen Auge. Erstaunlich allein, welch grundlegende Wandlung der einstige Saulus als Christenverfolger zum Paulus, als für die Nachfolge Jesu Bekehrter erfahren hat. Seine Briefe sind unzweifelhaft das Herzstück des christlichen Glaubens.
Was man schätzt und für Wert hält, will man gegen das Vergessen bewahren. Mit Sicherheit trafen seine Anhänger nach Jesu Tod ähnliche Überlegungen. Doch fast ein ganzes Jahrhundert verging, bis die Geschichte Jesu mit Gott und den Menschen niedergeschrieben wurde. Bis dahin wurde alles Wesentliche, wie im Orient üblich, von Generation zu Generation mündlich überliefert.

Die Aufzeichnungen, bekannt als Evangelium, als "Frohe Botschaft", sind das Fundament, auf dem das Christentum gründet. Sind sie auch keine historischen Abhandlungen, ist die Bibel doch als Heilige Schrift "das Buch der Bücher" und ein wegweisender Erinnerungsschatz.

Übrigens erinnert die Schöpfungsgeschichte im ersten Buch des Alten Testamentes daran, am siebten Tag dem Schöpfer Ehre zu erweisen. Letztlich kommt es dem Menschen zugute, an einem Tag der Woche die Arbeit ruhen zu lassen, um über Gott, die Schöpfung und den Sinn des Lebens nachzusinnen, denn "Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung".

Musik und Literatur dieser Sendung
• CD: Mercury Living Presence, Szeryng plays Kreisler and other Treasures for the Violin, Henryk Szeryng (violin), Charles Reiner (piano), Label: Mercury
• Ferdinand von Saar (1833-1906), Zitat aus: Der ewige Brunnen, von Ludwig Reiners, Vlg H.Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 1955

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur, Pfarrer Lutz Nehk.

Feiertag

ÜbersichtKirchensendungen im Deutschlandfunk Kultur
Ein Paar Kopfhöhrer liegt auf einer Bibel (imago / fotoimedia)

Beiträge aus den katholischen und evangelischen Kirchensendungen finden Sie in unserer Mediathek zum Nachhören. Zusätzliche Informationen gibt es im Internet auf den Seiten des Medienbeauftragten der evangelischen Kirche in Deutschland sowie den Seiten der Hörfunkbeauftragten der Katholischen Kirche.Mehr

Organspende, eine Herzenssache?Wenn der Tod Leben rettet
Portemonnaie mit Organspendeausweis (imago/Steinach)

Organspenden gehen zurück, gleichzeitig steigt der Bedarf. Das Thema wird nicht nur aufgrund des Skandals manipulierter Wartelisten schärfer diskutiert. Stefan Förner spricht im Feiertag über die Erfahrung mit einer Organspende im Freundeskreis.Mehr

weitere Beiträge

Religionen

Drogenhilfe in KölnSauberes Spritzbesteck an der Kirche
Ein Arm streckt sich vor blauem Hintergrund aus. (Unsplash / Nate Neelson)

Drogenabhängigkeit ist an sich schon schwer zu ertragen. Umso mehr, wenn es keine sauberen Orte gibt, um die Drogen zu konsumieren. Die Stadt Köln hat deshalb einen Bus für Suchtkranke aufgestellt – mit Unterstützung einer Kirchengemeinde.Mehr

Visionen sterbender MenschenTröstende Begegnungen im Traum
Ein zebrochener Spiegel liegt am Strand und spiegelt den Sonnenuntergang. (Getty Images / Artur Debat)

Sterbende haben häufig Träume oder Visionen. Diese sollte man nicht als krankhaft abtun, sondern als wichtige Erfahrung aufgreifen, sagt Simon Peng-Keller, Professor für Spiritual Care in Zürich. Angehörige könnten darüber gute Gespräche führen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur