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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.10.2007

"Das Ganze hatte etwas Tribunalhaftes"

Klaudia Wick über Eva Hermans Rausschmiss bei Kerner

Moderation: Gabi Wuttke

Das Bild zeigt, wie die Ex-Moderatorin Eva Herman das Studio der Johannes B. Kerner-Show verlässt. (AP)
Das Bild zeigt, wie die Ex-Moderatorin Eva Herman das Studio der Johannes B. Kerner-Show verlässt. (AP)

Nach Ansicht der Medienkritikerin Klaudia Wick hat die Dramaturgie der Fernsehsendung "Johannes B. Kerner" vor dem Rauswurf EvaHermans wie ein Tribunal gewirkt. Herman sei in die Enge getrieben und teilweise mutwillig missverstanden worden. Zugleich habe sie aber die Chance vertan, sich von ihren umstrittenen Äußerungen zu distanzieren, sagte Wick.

Wuttke: Die Johannes-B.-Kerner-Show im ZDF gestern Abend. Eingeladen Eva Herman, die im September vom NDR gefeuert worden war, nachdem sie über die Familienpolitik im Nationalsozialismus gesagt hatte: "Es war eine grausame Zeit, Hitler hat das deutsche Volk ins Verderben geführt, aber was damals auch gut war, das sind die Werte, das sind die Kinder, das sind die Mütter, das sind Familien." Nun, fünf Wochen später und viele Schlagzeilen später, war die Autorin des "Eva-Prinzips" also bei Johannes B. Kerner, der sie nach 50 Minuten aus dem Studio komplimentierte. Klaudia Wick hat die Sendung gesehen, wie war sie denn in Szene gesetzt?

Klaudia Wick: Die Situation war natürlich ein bisschen angespannt für alle Beteiligten. Eva Herman, für die war es der erste Auftritt nach diesem ganzen Eklat, und für Kerner war es eine Gelegenheit, Punkte zu machen, Quote zu machen, sich darzustellen als der ewige Versteher und Zusammenführer, wie er das ja auch schon ein paar Mal so gemacht hat. Und dass das Ganze eben am Ende so im Eklat geendet ist, das konnte vielleicht vorher niemand ahnen, aber das lag schon von Anfang an ein bisschen in der Luft.

Wuttke: Nun sollte man vielleicht dazu sagen, es gab Gäste, es gab Margarethe Schreinemakers, es gab Senta Berger, es gab den Historiker Wolfgang Wippermann ...

Wick: ... und den Comedian Mario Barth.

Wuttke: Das heißt, man hatte sehr schnell natürlich klar für sich, wer da der Feind ist, und der sitzt gegenüber, und dann waren es fünf auf der anderen Seite?

Wick: Ja, es war so ein bisschen alle gegen einen. Aber ich glaube, dass es Eva Herman erst mal sogar ganz kämpferisch genommen hat. Sie wollte sich ja auch darstellen, und es war praktisch für jede Position eine Besetzung. Senta Berger, die 68er-Frau, die auch eben die 68er verteidigt hat. Eva Herman sagt ja, da läge alles im Argen.

Dann Margarethe Schreinemakers, die irgendwann auch gesagt hat, wofür kämpfst du eigentlich Eva, das haben wir ja in den 90er Jahren alles schon mal thematisiert. Und Eva Herman sagt dann darauf, ja, über deine Aktion redet aber niemand mehr, über meine Bücher reden jetzt aber alle. Und Mario Barth, der eben, glaube ich, ein bisschen für die jungen Leute da war, aber auch ein Comedian-Programm hat, das heißt "Männer sind primitiv, aber glücklich", der hatte da aber nicht so viel zu sagen.

Aber der Historiker hatte natürlich eine ganz wichtige Rolle dabei. Er sollte, glaube ich, etwas objektivieren, nämlich diese Äußerung, die Sie gerade noch mal zitiert haben. Aber Eva Herman hat die ganze Zeit gesagt, ja, aber so habe ich das gar nicht gesagt, und vor allem habe ich mit dieser Äußerung gar nicht gemeint, dass ich die NS-Frauenpolitik gut fand. Und die ganze Zeit wurde aber trotzdem darüber geredet, wie die NS-Frauenpolitik war und warum Eva Herman das jetzt auch schlimm finden muss.

Und sie hat sich die ganze Zeit aber nicht wirklich von all dem, was sie gesagt hat, distanziert. Und das war so eine seltsame Waberlage, dass jeder so ein bisschen für sich sprach und wo man dachte, irgendwie muss jetzt mal letztlich der Deckel vom Topf fliegen.

Wuttke: Konnte sie sich nicht distanzieren oder lag das an der Gemengelage, die so zugeschnitten war, dass die Dramaturgie eben nicht vorgegeben hat, dass tatsächlich über das Thema noch mal richtig gestritten und debattiert wird?

Wick: Also man muss eins wissen, was in der Sendung nicht vorgekommen ist bzw. erst am Ende thematisiert worden ist. Eva Herman ist ja vom NDR rausgeschmissen worden und sie hat eine Klage angestrengt. Das heißt, wenn sie das getan hätte, was Kerner am Anfang und am Ende von ihr erwartet hat, nämlich zu sagen, distanziere dich doch von dem, was du da so etwas missverständlich formuliert hast, und dann ist die Sache vom Tisch. Wenn sie das tun würde, könnte der NDR sagen, ja, aber Sie haben sich ja selber öffentlich distanziert, das heißt, Sie haben ein Schuldeingeständnis gemacht, also haben wir Sie ja zu Recht rausgeschmissen. Da geht es um viel Geld höchstwahrscheinlich, und deswegen konnte genau Eva Herman das nicht machen. Sie konnte aber auch das nicht sagen. Und deswegen ist das Ganze so eine seltsame Aktion geworden, weil es nicht einfach nur um eine Entschuldigung mehr ging.

Wuttke: Aber das muss doch auch die Redaktion der Kerner-Show gewusst haben?

Wick: Ja, aber so eine Fernseh-Talkshow ist immer wie so eine Art Scheingefecht. Jeder weiß, dass es dahinter noch eine andere Wirklichkeit gibt, trotzdem guckt man dabei gerne zu bei dieser Als-ob-Wirklichkeit, und es haben ja auch 2,5 Millionen Menschen zugeguckt und sich daran irgendwie begeistert auch, dass es so eine seltsame Situation war. Und Rausschmiss ist auch immer was, was Quote macht. Also ich glaube, da ging es auch nicht so sehr um Wahrhaftigkeit.

Wuttke: Der Nationalsozialismus ist in Deutschland immer noch das allerheikelste Thema. Was macht diese Sendung für Sie deutlich, wenn es um die Streitkultur geht? Wie eng gezogen sind da die Grenzen?

Wick: Also das Ganze hatte ja wirklich etwas Tribunalhaftes, muss man schon sagen, wie Eva Herman da in die Enge getrieben werden sollte und wie sie auch teilweise mutwillig missverstanden werden sollte. Sie hat einmal einen Vergleich benutzt, dass sie gesagt hat in der Sendung, wir fahren heute auch über die Autobahnen, die Hitler gebaut hat, und meinte damit auch nur, es muss ja auch die Möglichkeit geben, bestimmte Begriffe zu verwenden, die mal von den Nationalsozialisten geprägt worden sind. Und da ging ein Raunen durch den Saal, auch bei denen, die auf dem Podium saßen, dass sie einfach hörten Stichwort Autobahn und gar nicht mehr zuhören wollten.

Und ich glaube, das ist das Problem: Sie können bei allen anderen Themen etwas mehr Differenziertheit erwarten, als wenn es um das NS-Thema geht. Und in diese Falle ist Eva Herman getappt, aber ich glaube, eigentlich müsste sie klug genug sein zu wissen, dass sie da hätte etwas vorsichtiger agieren müssen.

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