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Fazit / Archiv | Beitrag vom 14.05.2011

Das ganz alte, ganz neue Tabu

Soeren Voimas neues Stück vom "Ursprung der Welt" in Hannover

Von Michael Laages

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Szene aus "Ursprung der Welt" am Schauspiel Hannover (Katrin Ribbe)
Szene aus "Ursprung der Welt" am Schauspiel Hannover (Katrin Ribbe)

Zeitgeist und Archaik: Soeren Voima erzählt die alte Geschichte von Gyges, Kandaules und der entschleierten Frau. Verknüpft wird der Mythos mit aktueller Integrations- und Islamthematik.

Für den aktuellen Kommentar zur Integrationsdebatte nach Sarrazin nutzt der Autor Soeren Voima einen Mythos, den schon der Geschichtsschreiber Herodot kannte, im 5. Jahrhundert vor Christus. Und das Programmheft zu Voimas Stück vom "Ursprung der Welt” zählt noch ein paar größere Geister mehr auf, die sich mit Gyges, Kandaules und der entschleierten Frau beschäftigt haben: Platon, Hans Sachs, La Fontaine, Andre Gide, Mario Vargas Llosa und natürlich Friedrich Hebbel im Drama "Gyges und sein Ring” sowie der Opernkomponist Alexander Zemlinsky in "Der König Kandaules”.

Der Kern der alten Story vom gebrochenen Tabu geht so: Kandaules lässt den Freund und Vertrauten Gyges die eigene Frau im Schlafgemach sehen; aus Stolz, oder weil er einen erregenden Glücksmoment teilen will mit dem Freund, wer weiß. So aber zerstört Kandaules zum einen das Selbstbild der Frau, die den Angriff auf die eigene Intimität bemerkt; und er entfacht zugleich in Gyges die große Liebe – und der wird prompt zum tödlichen Rache-Werkzeug der Frau beim Gattenmord.

Bei Soeren Voima nun leiten die beiden Jugendfreunde Gyges und Kandaules eine Werbeagentur. Kandaules ist Moslem, aber voll integriert, so richtig einer "zum Vorzeigen”. Aber als die Agentur den Auftrag zu einer Pro-Islam-Kampagne erhält, sieht sich Moslem Kandaules überfordert: weil Religion Privatsache sei. Während die junge, hübsche, frische (und mit allen Indizien der berechnenden Karrierefrau ausgestattete) Assistentin mit dem Freund (und Lover) Gyges die Werbe-Kampagne gestaltet, fährt Kandaules nach Hause, in die archaische Heimat, um den Großvater zu beerdigen – und kommt verheiratet zurück: mit Nyssia, einer voll verschleierten Muslima. Weil er aber nun dem Freund Gyges zeigen (und beweisen!) will, wie hinreißend die Gattin auch unter dem Schleier aussieht (denn der versteht's nur so!), lässt er ihn eines nachts "zusehen”. Die Sache fliegt (natürlich) auf, und Gyges verliebt sich. Im Auftrag von Nyssia und deren aus familiären Gründen rachedurstigem Bruder Azad tötet Gyges den ahnungslosen Freund.

Mit dieser letzten Szene beginnt Voimas Stück, mit ihr endet es auch nach abendfüllender Rückblende.

Ein wenig leidet das Stück schon an der leicht überkonstruiert wirkenden Struktur. Das Karrieremädel an Gyges' Seite, vollgepackt mit offenem Sex und allen erdenklichen Vorurteilen gegenüber der Verschleierung von Schönheit, verschärft zwar die Vorgänge, lenkt aber auch stark ab. Einen ähnlichen Effekt bewirkt die Bruder-Figur an der Seite der verschleierten Frau. Spürbar will Voima auch noch eine Menge Rand-Aspekte in diesem Zusammenprall der Zivilisationen und Kulturen mitverhandeln; und er übernimmt sich dabei.

Uraufführungsregisseurin Tina Lanik setzt obendrein speziell im ersten Drittel verstärkt auf allerlei Jux und Dollerei aus der Welt der modischen Werbemenschen, und es fällt ihr (und der Aufführung) nicht ganz leicht, im letzten Drittel dann zum tödlichen Ernst der Geschichte zurück zu finden. Kann sein, dass ihr auch Voimas starke Sympathie für das Recht der Frau auf's Verschleiert-und-unerkannt-Bleiben ein wenig gegen den Strich ging. Der Autor bezieht sehr deutlich Position gegen die allgegenwärtige mediale Verfügbarkeit von weiblicher Sexualität. Nyssia "hat recht”, wenn sie sich wehrt – ob dieses Sich-Wehren allerdings notwendigerweise in mörderische Rache ausufern muss, oder ob nicht ein Feldzug nach gültiger europäischer Rechtslage genügen müsste, wird weder vom Autor noch von der Inszenierung ernstlich diskutiert.

Das ist insofern schade, als der Abend insgesamt das Kunststück fertig bringt, diese im deutschen (und europäischen) Alltag so dramatische und vorurteilsbeladene Debatte extrem entspannt und unerhört heiter zu verhandeln. "Ursprung der Welt” (betitelt übrigens nach Gustave Courbets berühmtem Skandal-Bild, das eine vollkommen schleierlose weibliche Scham zeigt) ist eine freche, flotte, politisch angenehm unkorrekte Komödie, und das hannoversche Ensemble, voran Janko Kahle und Rainer Frank sowie Carolin Eichhorst, Meriam Abbas und Thomas Mehlhorn, bewegt sich exzellent in schwindelnder Höhe. Der Absturz ins Paradies (das Stefan Hageneier in einer Rotunde auf der Drehbühne verborgen hält bis kurz vor Schluss) kann da nur schmerzhaft sein.

Starkes Thema, kluges Stück – fast durchweg ist "Ursprung der Welt” interessanter gebaut als das gerade beim "Theatertreffen” in Berlin viel gerühmte, aber eher laubsägenartige Kiez-und-Schul-Dramolett um "Verrücktes Blut”. Beide Stücke hätten allemal noch ein paar mehr Inszenierungen verdient; und das Thema - dieses ganz alte, ganz neue Tabu - bleibt uns sowieso erhalten. Noch lange.

Informationen des Schauspiels Hannover zur Inszenierung von "Ursprung der Welt"

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