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Fazit | Beitrag vom 02.09.2019

Das Futurium in Berlin vor der EröffnungBau flop, Schau top

Nikolaus Bernau im Gespräch mit Britta Bürger

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Eingang des Ausstellungs- und Veranstaltungshauses Futurium in Berlin-Mitte (picture alliance / AP Images / Michael Sohn)
Wie wollen wir leben? So lautet die Kernfrage zur Ausstellung im neuen Futurium in Berlin. (picture alliance / AP Images / Michael Sohn)

Ästhetisch aus der Zeit gefallen und kein bisschen nachhaltig: Das neue "Futurium" in Berlin enttäuscht architektonisch auf ganzer Linie. Nicht einmal genügend Fahrradstellplätze gibt es. Sehenswert allein ist die Schau im Innern.

Wie die Zukunft wird, weiß keiner. Wie man sich vorstellt, wie sie sein sollte, ist das Thema von Büchern, die gerne zur Konfirmation, zur Firmung oder Jugendweihe verschenkt werden. Und es ist Thema des Futuriums in Berlin. Das Ausstellungs- und Veranstaltungsgebäude wird am Donnerstag von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeweiht. Es geht darin um die Frage: Wie wollen wir in Zukunft leben?

Der 60-Millionen-Euro-Bau am nördlichen Spreeufer wurde von dem jungen Architektenteam Jan Musikowski und Christoph Richter entworfen, die den Wettbewerb schon 2012 gewonnen haben. Jetzt zur Eröffnung des Gebäudes zeigt sich, wie irrwitzig schnell sich derzeit die umweltpolitischen Überzeugungen ändern.

Ästhetik erinnert an die 1990er-Jahre

Der Bau scheint nämlich trotz seines schicken Glashauses - ein überaus erfreulicher Kontrast zu den benachbarten Ministerien und Bürohäusern mit ihrem öden Schmale-Fenster-Rechteckraster - geradezu aus der Zeit gefallen zu sein. Die Ästhetik ist in etwa jene, die in den 1990ern von niederländischen Architekten um Rem Koolhaas als "Dutch Cool" etabliert wurde: eine im Grundriss fünfeckige Schachtel mit in der Mitte eingeknicktem Dach und weit auskragendem Obergeschoss.

Dieses Obergeschoss fasst zur Spree hin einen kleinen Platz ein, macht zur Stadtbahntrasse hin allerdings kaum Sinn, denn dort ist wenig Besucherverkehr zu erwarten. Vor allem aber enttäuscht die architektonische Haltung. Diese ist allerdings – das muss betont werden – den Vorgaben der Auftraggeber aus der Bundesregierung und der vielen beteiligten Förderer aus der Industrie geschuldet, denen offenbar jedes Experiment als untragbares Wagnis erschien.

Ein Rätsel, warum kein Holzbau geplant wurde

Und so ist die Außenhaut halt wirklich nur eine glitzernde Glaswand und keine Energiestation. Auf dem Dach stehen zwar Photovoltaikanlagen, doch die hat heute jeder Häuslebauer auf dem Land. Das ganze Haus ist aus extrem energie-intensivem Stahlbeton, Stahl und Hochleistungsglas errichtet worden. Warum kein Holzbau geplant wurde, ist ein Rätsel. Auch das Blockheizkraftwerk mit Biogasantrieb ist angesichts der dafür notwendigen Monokulturen in der Landwirtschaft alles andere als innovativ.

Innen zeigt sich der Bau weitläufig, mit fein anthrazit-grauen Wänden und Fußböden – die Ausstellungsbauer sind nicht froh über solche Festlegungen. Großartig elegant und sehr gehfähig ist das Treppenhaus, die Veranstaltungssäle erscheinen angemessen. Und in ihrer Vielfalt großartig ist die Ausstellung mit dem Titel "Mensch, Natur, Technik".

Grenzen des Wachstums: Wie geht es weiter?

Sicher fehlen viele Themen, das kann nicht ausbleiben. Und ob wirklich fliegende Drachen als Kraftwerke dienen können – in einem Land, das nicht einmal Windräder zu ertragen bereit ist, das sei dahin gestellt. Doch kann man hier eben erleben, wie viele Ideen und Debatten es inzwischen gibt. Und man kann weiter fragen, weiter rätseln, wie sich die Zukunft entwickeln in einer Zeit, in der wir die Grenzen des Wachstums und die Grenzen der Technik akzeptieren lernen.

Passanten gehen am Futurium entlang, dem Zentrum für Zukunftsgestaltung im Berliner Regierungsviertel.  (Foto: Gregor Fischer/dpa)Passanten gehen am Futurium entlang, dem Zentrum für Zukunftsgestaltung im Berliner Regierungsviertel. (Foto: Gregor Fischer/dpa)

Insektenbestände kollabieren, Riesenriffe brechen zusammen, die Frage des Klimawandels entscheidet Wahlen, Millionen von Kindern gehen gegen die Verschwendungshaltung der heute entscheidenden Generationen auf die Straße. Das Futurium aber wird ihnen künftig wie ein Monument der alten Zeit erscheinen, in der man glaubte, das Überleben der Menschheit technisch und ohne jeden Verzicht sowie ohne Rückzug aus den mit der Industrialisierung okkupierten Räumen organisieren zu können.

Nicht einmal ausreichend Fahrradstellplätze gibt es – ganz zu schweigen von der Möglichkeit, die Fassaden zu begrünen oder das Dach für die Nahrungsmittelproduktion zu nutzen. 

Futurium, Eröffnung am 5. September, ab 19 Uhr, Alexanderufer 2, 10117 Berlin
Öffnungszeiten: Mo, Mi, Fr, Sa, So 10:00 – 18:00 Uhr, Do 10:00 – 20:00 Uhr

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