Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 27.05.2019
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Konzert / Archiv | Beitrag vom 06.05.2015

Das Finnische RSO unter Hannu LintuSibelius revisited

Aufzeichnung aus dem Musikzentrum Helsinki

Sibelius-Denkmal in Helsinki (Volker Michael)
Sibelius-Denkmal in Helsinki (Volker Michael)

Über diesen Komponisten ist alles gesagt! Nein, Jean Sibelius überrascht auch 150 Jahre nach seiner Geburt. Vor allem wenn seine Werke zusammen mit denen der Zeitgenossen seiner Tage wie Wilhelm Stenhammar und denen unserer Tage wie der jungen Komponistin Minna Leinonen erklingt.

Das Finnische RSO hat sich mit seinem Chefdirigenten Hannu Lintu etwas Besonderes zum aktuellen Sibelius-Jahr ausgedacht: Es ist schön und gut, die bekannten Sinfonien und Orchester-Dichtungen des Komponisten zu spielen, die in Finnland ohnehin jeder Konzertbesucher fast auswendig kennt. Viel mehr erfährt man über diesen Giganten der europäischen Musikkultur, wenn man seine weniger bekannten Werke in neuer Gestalt präsentiert und in einen Zusammenhang stellt zu dem, was zu seiner Zeit und nach ihm in Skandinavien (und nicht nur dort) musikalisch produziert wurde.

Den Anfang dieses Konzertabends im Helsinki-Musikzentrum machte ein neues, sehr klangsinnliches Orchesterwerk der 1977 geborenen Komponistin Minna Leinonen. Sie hat ungeheuer viele Farben und Klangeffekte ersonnen, um das Phänomen des Verstreuens in Töne zu fassen. Das kann physikalisch gemeint sein, wenn Lichtstrahlen in verschiedener Materie variabel gestreut werden. Laut eigenem Kommentar hat die Komponistin aber auch an das klangliche Bild gedacht, das entsteht, wenn ein junges Kind den Inhalt seiner Spielzeugkiste im Zimmer ausschüttet und damit ganz greifbare Dinge in einem fest definierten Raum verstreut.

Der englische Gegenwartskomponist Colin Matthews hat für dieses Konzert den Auftrag erhalten, fünf verschiedene Klavier-Lieder von Jean Sibelius für ein Orchester zu instrumentieren, das auch Sibelius Vorstellungen entsprochen haben könnte. Die großartige finnische Sopranistin Soile Isokoski hat diese "Uraufführung" zweier finnischer und dreier schwedischer Lieder in einem Sibelius-Zyklus im 150. Jahr seiner Geburt gesungen.

Beim Hören von Sibelius' Musik hat es dem schwedischen Dirigenten und Komponisten Wilhelm Stenhammar fast die eigene Sprache verschlagen. Doch schließlich hat er sich gefasst und ist seinen eigenen Weg gegangen: Er wurde als Orchesterleiter zu einem der wichtigsten Fürsprecher für Sibelius' Musik, als Komponist ging Stenhammar einen selbstbewussten eigenen Weg.

Seine zweite Sinfonie ist die Antwort auf seine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Sinfonik des schwedenfinnischen Kollegen. Technisch gesehen gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen Stenhammar und Sibelius, doch der Stockholmer Komponist wirkt mitteilsamer, lyrischer und mehr romantisch als sein "modernistisches" Vorbild aus dem damals noch russisch dominierten Nachbarland.

Dass Hannu Lintu und sein Finnisches RSO mit diesem Musikprogramm an die starken finnisch-schwedischen Verbindungen erinnern, mag auch als Kommentar zur aktuellen Politik angesehen werden: Finnland orientiert sich stark an seinen westlichen und südlichen Nachbarn angesichts der Entwicklungen in seinem östlichen Nachbarland Russland. Und die finnisch Musikszene hält überhaupt nichts von dem völkischen Gehabe der rechtspopulistischen "Wahren Finnen", die den Schwedisch-Unterricht in Finnlands Schulen abschaffen wollen.

 

Musikzentrum Helsinki

Aufzeichnung vom 16. April 2015

 

Minna Leinonen

"Scatterings" (Uraufführung)

 

Jean Sibelius/Colin Matthews

Lieder (Uraufführung der Fassungen von Matthews):

Kaiutar

Illalle

Våren flyktar hastigt

Men min fågel märks dock icke

Var det en dröm

 

Wilhelm Stenhammar

Sinfonie Nr. 2 g-Moll op. 34

 

Soile Isokoski, Sopran

Finnisches Radio-Symphonieorchester

Leitung: Hannu Lintu

Konzert

Weltpremiere nach 80 JahrenSuite aus der Neuen Welt
Der Dirigent Ariel Zuckermann (Felix Broede/Agentur Harrison Parrott)

Fast utopisch war Ignatz Waghalters Projekt: Für ein afroamerikanisches Orchester in New York schrieb er seine "New-World-Suite". Nun wird das Werk von 1938 erstmals öffentlich gespielt, von der Filharmonia Poznańska und Ariel Zuckermann.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur