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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.11.2020

Das erste ökumenische Konzil in NizäaEine vergessene Geschichte des Christentums

Von Susanne Güsten

Stadtansicht von Nicäa, heute Iznik, dem Ort des Ersten Ökumenischen Konzils. (picture alliance / akg-images)
Nizäa auf einem Holzschnitt in Hartmann Schedels Weltchronik von 1493: Hier tagte das erste ökumenische Konzil. (picture alliance / akg-images)

Die Türkei gilt heute als muslimisches Land. Vergessen wird dabei oft, dass dort die Fundamente der christlichen Kultur gelegt wurden. Auch der Tagungsort des ersten ökumenischen Konzils lag an einem Ort, der heute zur Türkei gehört.

Am Iznik-See im Nordwesten der Türkei rauschen kleine Wellen auf den Strand. Die grauen Kiesel sind mit roten Ziegelresten durchmischt – vermutlich Relikte einer im See versunkenen Basilika aus dem vierten oder fünften Jahrhundert, die erst kürzlich entdeckt wurde.

Mauerreste aus der Römerzeit

Die Stadt am Ufer heißt heute Iznik und ist eine verschlafene türkische Kleinstadt, die ihre römischen Stadtmauern nicht mehr ausfüllt. Nizäa hieß die Stadt noch, als die Mauern errichtet wurden, und sie war Schauplatz entscheidender Momente in der Geschichte des Christentums.

An der Uferpromenade von Iznik gluckst das Wasser in römischem Mauerwerk. "Senatspalast" steht auf einem Schild, das dort unter Feigenbäumen aufgestellt ist – eine Hinweistafel der örtlichen Kulturbehörde für den Tagungsort des ersten Ökumenischen Konzils, das Kaiser Konstantin der Große im Sommer des Jahres 325 in seinem Sommersitz in Nizäa einberief.

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Konstantin regierte das Römische Reich damals noch vom nahen Nicomedia aus, bevor er die Provinzstadt Byzantion am Bosporus zur neuen Hauptstadt ausbauen ließ und Konstantinopel nannte. In Nizäa ließ er die Bischöfe des ganzen Reiches zusammenkommen, um ihre Streitigkeiten beizulegen und sich auf die theologischen Grundlagen des Glaubens zu einigen.

Ein Glaubensbekenntnis, das bis heute nachwirkt

Ein Ergebnis der Tagung war das Bekenntnis von Nizäa – ein Glaubensbekenntnis, auf das sich heute noch die allermeisten christlichen Kirchen in der Welt einigen können. Der Text diente wahrscheinlich auch als Vorlage für das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, das ein paar Jahrzehnte später formuliert wurde und bis heute auch in evangelischen und katholischen Kirchen eine wichtige Rolle spielt.

Ein rotes Hinweisschild neben einem verwitterten Gemäuer weist mit der Aufschrift "Senato Sarayi - Senatus Court" auf den angeblichen Standort des Sommerpalasts von Kaiser Konstantin dem Großen hin. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)Das irreführende Hinweisschild auf den Senatspalast am Iznik-See (Deutschlandradio / Susanne Güsten)

Ein historischer Ort also – aber ist er das wirklich? Experten bezweifeln, dass Konstantins Palast tatsächlich hier stand, wo das Hinweisschild daran erinnert. Der Archäologe Taylan Sevil etwa, der mehr als ein Jahrzehnt lang Museumsdirektor von Iznik war, hält die Mauern für etwas anderes:

"Das hier sind die Überreste des antiken Hafens von Nizäa, da sieht man die Befestigungen. Das Stadttor dort, das war das Tor zum Hafen."

Kaiserpalast oder schnöde Stadtmauer?

Ähnlich skeptisch ist der Archäologe Bedri Yalman, der in Iznik unter anderem das römische Theater von Nizäa ausgegraben hat. "Ich glaube nicht, dass es sich bei diesen Ruinen am Ufer um die Überreste des Senatspalastes handelt, wie es dort auf dem Schild steht", sagt er. "Alle erhaltenen Bauten aus jener Zeit befinden sich innerhalb der Stadtmauern – warum sollte der Palast außerhalb der Mauern gelegen haben? Mir sieht das hier eher nach einem Teil der Stadtmauer aus, einer Verlängerung der Mauern zum Hafen."

Warum also das irreführende Schild am Ufer? "In den 50er-Jahren sind mal Ausländer hierhergekommen, um einen Reiseführer zu schreiben", seufzt der frühere Museumsdirektor Taylan Sevil. "Die haben irgendwelche Anwohner gefragt, wo der Senatspalast sei, und aufgeschrieben, was die Leute ihnen erzählt haben. Und diese Fehlinformation hält sich hartnäckig bis zum heutigen Tag."

Für die Kulturbehörde zählt das islamische Erbe

Die türkischen Kulturbehörden haben nicht viel unternommen, um das aufzuklären. Die Türkei hat sich nie besonders für die christliche Geschichte von Nizäa interessiert, hat Iznik doch auch eine stolze Geschichte als osmanische Stadt und als Zentrum der osmanischen Keramikkunst.

Vor einer verrußten Häuserrückwand liegen schwarze Plastikeinkaufskörbe auf einem Haufen. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)Lag hier der wahre Palast? Auf dieser Stadtbrache in Iznik wurden Ruinen gefunden. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)

Mit der Rückbesinnung auf den Islam als identitätsstiftendes Element der türkischen Kultur im letzten Jahrzehnt ist die römische und byzantinische Geschichte von Iznik vollends verdrängt worden. Dabei steht hier auch die Sophienkirche von Nizäa, in der das siebente ökumenische Konzil im Jahr 787 den Konflikt mit den Bilderstürmern vorerst beilegte. Das erst kürzlich restaurierte Gebäude wurde jedoch vor knapp zehn Jahren in eine Moschee verwandelt.

Auf dem Weg zum "wirklichen" Palast

Das Museum von Iznik, in dem Taylan Sevil einst Schätze aus allen Epochen der Stadtgeschichte hütete, öffnete nach achtjähriger Schließung kürzlich wieder – es zeigt jetzt nur noch osmanische Exponate. Kulturgüter aus vor-islamischer Zeit sollen irgendwann in einem eigenen Museum ausgestellt werden, versichert das Kulturministerium, doch mit dem Bau ist bisher nicht begonnen worden.

Wo mag also der Senatspalast wirklich liegen, in dem das erste ökumenische Konzil der Christenheit tagte? Sevil glaubt es zu wissen, denn er erinnert sich an Grabungen vor mehr als 30 Jahren, bei denen eher zufällig Teile des Palastes ans Tageslicht kamen.

In einer von Kletterpflanzen halb zugewucherten Nische liegt ein schwarzer Plastikeinkaufskorb. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)Eingang zu unterirdischen Gewölben: Die archäologische Untersuchung wird bisher nicht fortgesetzt. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)

Der ehemalige Museumsdirektor führt uns in eine einfache Wohngegend von Iznik, wo Kinder zwischen ärmlichen Häusern toben. In einer unbebauten Lücke zwischen den Häusern türmen sich leere Obstkisten zwischen wildwachsenden Feigenbäumen und allerlei Unrat. Der 76-Jährige bahnt sich einen Weg durch den Verhau und legt ein kleines gelbes Schild frei, das die verwahrloste Straßenecke als Kulturstätte ausweist.

"Ende der 80er-Jahre hat ein Team von der Universität Istanbul hier nach Keramik-Öfen gegraben, und dabei sind sie darauf gestoßen", sagt Sevil. "Die Ruinen sind jetzt geschützt, sie stehen unter Denkmalschutz."

Ausgrabung könnte alten Glanz zutage fördern

Bei näherem Hinsehen ist tatsächlich antikes Mauerwerk zu erkennen, das aus dem Schutt hervorschaut. Taylan Sevil klettert zielsicher zu einem Gewölbe hinab, das im Unkraut versteckt in die Tiefe führt:

"Da sind Eisenstangen eingebaut, damit man nicht hineinsteigen kann. Aber damals konnte man rein, und da konnte man die Fundamente riesiger Anlagen sehen – die erstrecken sich unter der Erde noch viel weiter, hier und da ragen auch überirdisch Teile hervor."

Ein älterer Herr in weißem Hemd mit Corona-Schutzmaske zeigt auf ein halb von Pflanzen verdecktes Loch hinter einem Gebäude. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)Hier wäre noch viel zu entdecken: Ex-Museumsdirektor Taylan Sevil erläutert die Grabungsfunde. (Deutschlandradio / Susanne Güsten)

Der Fundort decke sich mit historischen Quellen, die den Palast hier verorten, sagt Sevil:

"In den historischen Quellen heißt es, dass sich der Senatspalast in der Nähe vom nördlichen Stadttor befand, und das trifft hier zu. Wir haben es hier mit den Ruinen eines gewaltigen Bauwerks zu tun. Wir können davon ausgehen, dass dies der Senatspalast ist. Hier tagte im Jahr 325 das erste ökumenische Konzil."

Historische Stätte schlummert im Unkraut

Die Kulturbehörden kümmert das nicht. Taylan Sevil ist seit fast 20 Jahren pensioniert und hat nichts mehr zu melden. Wenn es nach ihm ginge, müsste der Senatspalast ans Tageslicht geholt werden.

"Hier müssten unbedingt ordentliche Grabungen gemacht werden", sagt Sevil. "Dieses Viertel müsste verstaatlicht werden, und dann müssten gut geplante und langfristige Grabungen begonnen werden. Wenn der Senatspalast ausgegraben würde, dann könnte Iznik wieder zu früherem Glanz aufsteigen."

Die Welt würde nach Iznik pilgern, um den Tagungsort des ersten ökumenischen Konzils zu besuchen, glaubt Taylan Sevil. In Iznik ist er mit dieser Hoffnung aber allein.

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