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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.05.2009

Das Erbe der Ökopaxe

Werden die Grünen noch gebraucht?

Von Michael Miersch

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Vor dem Bundes- parteitag von Bündnis 90/Die Grünen. (AP)
Vor dem Bundes- parteitag von Bündnis 90/Die Grünen. (AP)

Was sind die Grünen? Eine liberale Partei, sagen manche. Sie seien links, behaupten andere. Eine Partei von liebenswerten Spinnern und kreativen Köpfen? Oder zutiefst bürgerlich? Wahrscheinlich alles zusammen. Aber in erster Linie sind sie ein Generationenprojekt. Sie repräsentieren ein Milieu, das in den späten 70er-Jahren herangewachsen ist und in den Achtzigern zur Massenbewegung wurde: die Generation Angst.

Die Grünen bewirtschaften ein Lebensgefühl. Heute kämpfen sie gegen grüne Gentechnik und immer noch gegen Atomkraft. In der Zwischenzeit auch gegen Straßenausbau, Kohlekraftwerke, Computer, PET-Flaschen, Mobiltelefone, den Transrapid, Stammzellenforschung, Flughäfen, PVC-Fensterahmen, medizinische Gentechnik, ICE-Trassen und eigentlich jede neue Technologie außer Windrädern und Solaranlagen. Alles soll schön bleiben wie es ist, lautet ihre Botschaft. Keine Experimente! Ein zutiefst konservatives Programm.

Als Reflex auf die Luft- und Gewässerverschmutzung, die Chemiekatastrophen und Atomunfälle der 70er- und 80er-Jahre waren Technikfeindlichkeit und der Fortschrittpessimismus der Grünen durchaus verständlich. Doch je sauberer Luft und Wasser wurden, je mehr Tierarten zurückkehrten, je mehr Giftstoffe aus dem Verkehr gezogen wurden, je mehr Naturschutzgebiete es gab und je stärker die Waldfläche wuchs, desto klarer wandelte sich die berechtigte Kritik zur Ideologie. Der Umwelt ging es besser, doch die Untergangsszenarien wurden immer apokalyptischer. Um sicher zu gehen, dass die Realität nicht wieder stört, rettet man jetzt das Klima in 200 Jahren. Die Grünen schafften es nie, ein konstruktives ökologisches Denken zu entwickeln. Sie bleiben lieber beim Angstmachen. Durch immer mehr Vorschriften und Regulierungen wollen sie eine risikofreie Zukunft festschreiben.

Höchst erfolgreich verbreiteten sie ihre statische Weltsicht in Deutschland. Das Land der Erfinder und Gründer wurde zum Land der subventionierten Bio-Tonnen. Der Rest der Welt staunt schmunzelnd über germanische Sonderwege und umarmt den Fortschritt. Statt die Chancen einer globalisierten Welt zu nutzen, starren die ergrünten Deutschen auf jedes noch so geringe Risiko.

In den besseren Vierteln der Städte zwischen Bio-Bäcker, Feng-Shui-Kurs, Homöopathen und Anti-Mobilfunk-Initiative hat sich das grüne Denken festgesetzt. Die erste Generation, die in Deutschland in Frieden, Freiheit und Wohlstand aufgewachsen ist, sucht nach immer neuen Weltuntergängen, damit ihr saturiertes Leben etwas Dramatik erhält. Nachdem man die Menschheit vor dem Genmais gerettet hat, blättert man noch ein bisschen im Manufaktum-Katalog. Fortschritt? Nein danke!

Bereits unter Joschka Fischer versuchte sich die Partei zu erneuern, indem sie andere Themenfelder in der Vordergrund rückte: Bürgerrechte, Außenpolitik, Minderheitenschutz, Migration. Der Umweltschutz wurde immer mehr zum ritualisierten Glaubensbekenntnis. Doch für eine liberale Bürgerrechtspolitik benötigt man auf Dauer keine Grünen. Sie müssen sich in ihrem Kernbereich erneuern, um nicht überflüssig zu werden.

Ein neues ökologisches Denken müsste Abschied nehmen vom Früher-war-alles-besser-Paradigma. Umweltprobleme wird es auch übermorgen noch geben. Manchmal entstehen sie aus der Lösung von früheren Umweltproblemen. Aber es wird immer unglaubwürdiger, ihnen nur mit ritueller Nein, danke-Rhetorik zu begegnen. Umweltschutz sollte sich nicht an Angstgefühlen, sondern an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Das heißt auch, einmal über die ökologischen Vorteile der grünen Gentechik nachzudenken zu dürfen oder zur Kenntnis zu nehmen, dass die Atomkraft-Technik nicht stehen geblieben ist.

Doch die Funktionäre der Grünen-Partei haben kein Interesse an Lösungen. Sie leben viel besser von den Problemen. Dabei gibt es durchaus ein Vorbild in der Geschichte der Bundesrepublik, dass man grüne Themen auch nach vorne gerichtet und ohne Kulturpessimismus anpacken kann. Die SPD führte Anfang der 60er-Jahre eine Wahlkampagne unter dem Slogan "Blauer Himmel über der Ruhr". Willy Brandt sprach von der "Verbesserung der Lebensqualität". Umweltschutz ist Fortschritt hieß die Botschaft. Leider ist das in Vergessenheit geraten.

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