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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.03.2007

Das Elend der Angestellten

Wilhelm Genazino: "Mittelmäßiges Heimweh", Hanser Verlag, München 2007, 188 Seiten

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Wilhelm Genazinos beschreibt das Angestelltenleben als unendliche Aneinanderreihung von Sinnlosigkeiten. (AP)
Wilhelm Genazinos beschreibt das Angestelltenleben als unendliche Aneinanderreihung von Sinnlosigkeiten. (AP)

Im neuen Roman von Wilhelm Genazino passiert etwas, was man von diesem Autor bisher nicht gewohnt war. Wir befinden uns plötzlich in einer Art von magischem, phantastischem Realismus. Dem Angestellten Dieter Rotmund fällt auf einmal ein Ohr ab. Und kurz darauf fällt ihm im Schwimmbad ein kleiner Zeh ab.

Das geht ohne Schmerzen vor sich, es blutet auch nicht, schnell bildet sich auch eine neue Haut an der betreffenden Stelle. Und der Erzähler geht eher beiläufig über diese Geschehnisse hinweg: sicher, sie sind ihm unheimlich, aber irgendwie gehören sie auch wie selbstverständlich dazu. Das ist so ähnlich wie bei Franz Kafkas Gregor Samsa, der sich eines Tages in einen Käfer verwandelt sieht. Da fragt man besser nicht nach.

Die Ohr- und kleiner Zeh-Geschichte steht nicht im Mittelpunkt von "Mittelmäßiges Heimweh", aber sie akzentuiert diesen Roman doch auf besondere Weise. Wilhelm Genazino ist jetzt, nach wundersamen Umwegen und Ausflüge in andere, weitaus exzentrischere berufliche Tätigkeiten wieder in das Angestelltenmilieu zurückgekehrt, das er am Anfang seiner Schriftstellerkarriere in der berühmten "Abschaffel"-Trilogie Ende der siebziger Jahre so furios beschrieben hatte: der Angestellte als Symbol für die Entfremdung in der bundesdeutschen Gesellschaft, für die Anonymität der Fußgängerzonen, die Eintönigkeit der Laden- und Filialisten-Zeilen, die Austauschbarkeit der Gefühle, ja, ihre Nichtexistenz.

Dieter Rotmund macht Karriere in einer Arzneimittelfirma in Frankfurt, er wird unversehens zum Finanzdirektor befördert, aber sein Leben wirkt wie eine unendliche Aneinanderreihung von Sinnlosigkeiten.

Seine frühe Ehe mit einer Schwarzwälderin wird zur Farce: Es ist eine Wochenendbeziehung, weil Edith sich weigert, aus ihrem Schwarzwaldort wegzuziehen, und die Schilderungen vom Wäscheaufhängen an der Wäscheleine und dem Picknick in einem uneinsehbaren Seitental zeigen die typischen Züge eines Genazino-Helden: Er steht fremd in alledem, ist mit nichts verbunden.

Dass Edith ihn dann nach einigen Jahren mit einem sozialdemokratischen Provinzfunktionär betrügt, ist der Gipfel der Demütigungen. Aber auch das, was sich als eine neue Perspektive ankündigt, die Beziehung zu einer undurchschaubaren Frau namens Sonja, nimmt bizarre Formen an: Sie ist seine Vormieterin im schäbigen Frankfurter Einzimmerappartement gewesen, konnte die Miete nicht mehr bezahlen und ist in ihrem diffusen Lebensentwurf ein unerwartetes Spiegelbild zu Dieter Rotmund.

Genazinos neue Angestelltenfigur hat mit dem früheren Abschaffel bei allen ersten Ähnlichkeiten erstaunlich wenig gemein. Abschaffel war eher eine Comicfigur, die aus der Distanz gesehen wurde und in seiner Künstlichkeit irrwitzige Pointen zustande brachte. Dieter Rotmund hingegen rückt dem Leser nah: Er hat eine suggestive, identifikatorische Wirkung. Und vor allem hat er die Fähigkeit zur Selbstironie: Sie ist in der Lage, die vermeintliche Aussichtslosigkeit seiner Existenz in einem höheren Sinne aufzuheben. Dies sind die wundersamen Möglichkeiten der Literatur, die Genazino hier wieder, trotz aller Radikalismen in der Beschreibung, der Schonungslosigkeit seiner Zivilisationskritik, auf unnachahmliche Weise vorführt.


Rezensiert von Helmut Böttiger

Wilhelm Genazino: Mittelmäßiges Heimweh
Hanser Verlag, München 2007, 188 Seiten, 17,90 Euro

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