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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.05.2012

Das Echo der Götter

Uwe C. Steiner, "Ohrenrausch und Götterstimmen. Eine Kulturgeschichte des Tinnitus", Wilhelm Fink Verlag

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Ein Hausarzt untersucht einen Tinnitus-Patienten (AP)
Ein Hausarzt untersucht einen Tinnitus-Patienten (AP)

Die erst in den 80er-Jahren erkannte Symptomkrankheit Tinnitus stellt auch ein kulturelles Phänomen dar. In Uwe C. Steiners schwungvoller und unterhaltsamer Abhandlung wird gern den Stimmen gelauscht, die aus dem historischen Off kommen.

"Ohne Ohropax bei Tag und Nacht ginge es gar nicht", schreibt Franz Kafka 1922 aus dem Kurort Planá an den Freund Robert Klopstock. Kleine Wachspfropfen, zu Kafkas Zeiten bereits von Watte umhüllt, waren schon in Homers "Odyssee" ein probates Mittel, um vor dem verführerischen Gesang der Sirenen zu schützen. Das Ohr (lat. auris) ist ein unberechenbares Sinnesorgan und – wie der in Mannheim lehrende Uwe C. Steiner in seiner jüngsten Studie überzeugend entwickelt – ein spannungsreicher Schauplatz.

In seiner Kulturgeschichte des Tinnitus (lat. "das Klingeln der Ohren"), die weit davon entfernt ist, eine Krankengeschichte mit letalem Ausgang zu sein, schlägt er von den einstigen Götterstimmen im menschlichen Ohr einen großen zeitlichen Bogen bis in die verstöpselte audiotaktile Gegenwart.

Die Symptomkrankheit Tinnitus, die erst in den 1980er-Jahren als solche von den Wissenschaften erkannt wurde, stellt eben auch ein kulturelles Phänomen dar. Sie symbolisiert ein konkretes Unbehagen in der Zivilisation. Um diesem Unbehagen auf die Schliche zu kommen, zieht Steiner eine "kompetente Autorität" zu Rate: das "literarische Wissen". Sein kulturgeschichtlicher Diskurs reicht von den Pythagoreern über Johann Gottfried Herder, der den Stürmern und Drängern soufflierte, dass der direkte Weg zur Seele durch das Ohr gehe, bis zu Franz Kafka und Friedrich Nietzsche, der von einem "Organ der Furcht" sprach.

Steiner verfolgt dabei zwei Hauptthesen. Er geht der Frage nach, warum und wie der Tinnitus zu einem Gegenstand des "kulturellen und des medizinischen Wissens" wird. Denn bei der Anamnese zeigt sich ein "Bedeutungsüberschuss", der über die Erkrankung hinausweist. Und er ist davon überzeugt, dass die Entwicklung des Tinnitus eng an den Prozess der Bewusstwerdung des Ich geknüpft ist: "Das Subjekt ist die Maske des Tinnitus". Damit betritt Steiner Neuland, da der Tinnitus als "Resonanzfigur" für eine noch nicht erhörte Geschichte des Akustischen steht.

Steiners Abhandlung ist schwungvoll und unterhaltsam geschrieben. In seiner Argumentation lauscht er gern den Stimmen, die aus dem historischen Off kommen. Denn vom Klingen im Ohr war bereits in babylonischen Keilschriften und ägyptischen Papyri die Rede. Die Pythagoreer sprachen vom "Echo" der Götter, das die Ohren "befällt". Mit dem 18. Jahrhundert vollzieht sich dann die bedeutendste Zäsur in der Geschichte des Tinnitus. Der Ohrrausch avanciert zum inneren Geschehen und erweist sich als ein "Phänomen der Innerlichkeit". Das Zeitalter des Sinnesrausches und der Nervosität ist eingeläutet. Der Tinnitus, so resümiert Steiner, ist nicht zuletzt auch eine Krankheit der "Informationsverarbeitung". Das Selbst ist wieder zu einem "Behälter" geworden, aus dem die "Stimme der gegenwärtigen Götter erklingt".

Besprochen von Carola Wiemers

Uwe C. Steiner, Ohrenrausch und Götterstimmen. Eine Kulturgeschichte des Tinnitus
Wilhelm Fink Verlag, München 2012
278 Seiten, 29,90 Euro

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