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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.10.2013

"Das Digitale ist etwas im Grunde Lebloses"

Leiter des Leipziger Instituts für Buchkunst über den Wert des gedruckten Buches

Günter Karl Bose im Gespräch mit Britta Bürger

Günter Karl Bose, Leiter des Leipziger Institut für Buchkunst (picture alliance / dpa / Peter Endig)
Günter Karl Bose, Leiter des Leipziger Institut für Buchkunst (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Bücher waren nie nur materielle Objekte. Das sagt der Professor für Typografie und Schrift Günter Karl Bose. Bücher seien verbunden mit Ideen und vielen Emotionen. Auch daher komme unser Respekt vor Büchern. Die Diskussion "Gedrucktes Buch vs. E-Book" hält Bose für falsch.

Britta Bürger: Warum müssen Milliarden von Büchern aufbewahrt werden, auch wenn sie nicht gelesen werden? Warum horten Bibliotheken magazinweise Bände, die noch nie ein Mensch ausgeliehen hat? Und warum fällt es uns so schwer, uns von Büchern zu trennen, selbst wenn wir sicher sind, dass wir sie nicht oder nicht noch mal lesen werden? Über diese Fragen hat Günter Karl Bose in seinem neuen Essay nachgedacht und mit den Worten überschrieben: "Das Ende einer Last". Herr Bose, willkommen im Radiofeuilleton!

Günter Karl Bose: Guten Tag!

Bürger: Ihr Leben lässt sich ohne Bücher nicht vorstellen. Sie haben 1980 den Verlag Brinkmann und Bose mit aufgebaut, waren Professor für Typografie und Schrift an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und leiten dort heute das Institut für Buchkunst. Sind Ihnen Bücher im Laufe Ihres Lebens tatsächlich zur Last geworden? Sind Ihre Wohnung und Ihr Büro überwuchert?

""Bücher sollen ja auch zirkulieren""

Bose: Nein, wir haben das Glück, eine sehr große Wohnung zu haben, also da ist schon noch Platz. Aber das fing eigentlich an, als ich Student wurde. Also, ich bin groß geworden in Bremerhaven und entschied mich, in Freiburg Germanistik zu studieren, und ich hatte schon ein paar Bücher, packte die in drei große Koffer, und in dem vierten waren halt persönliche Sachen, und zog in die sogenannte Studentenbude. Als ich in Freiburg mit dem Zug ankam, gab es kein Taxi am Bahnhof. Ich musste also mit drei Koffern dieses Studentenzimmer erreichen. Das war schon eine ziemliche Last. Ich habe das verflucht.

Bürger: Aber wie sind Sie im Lauf des Lebens mit diesem Fluch umgegangen?

Bose: Na ja, Gott sei Dank gibt es eine schwedische Firma, die sehr preiswert Regale herstellt, das ist eine Möglichkeit. Die andere ist natürlich auch immer, Bücher wieder weiterzugeben. Bücher sollen ja auch zirkulieren. Dazu sind sie auch wunderbar geeignet. Man kann sie verschenken, man kann sie stiften. Man kann Bücher zusammentragen für einen bestimmten Zweck. Das habe ich sehr oft gemacht, wenn ich mich mit einem bestimmten Thema beschäftige, habe ich Bücher gesammelt, und wenn sie dann mir nicht mehr nützlich waren, waren sie anderen Menschen oder Bibliotheken nützlich.

Bürger: Nach Hochrechnungen aus dem Jahr 2010 gibt es knapp 130 Millionen Bücher in der Welt, gemeint sind damit alle bislang veröffentlichten Titel, jetzt nicht die einzelnen Exemplare. Allein in Deutschland werden pro Jahr 100.000 neue Buchtitel bibliografisch erfasst, und nur ein Bruchteil davon wird dann von einer relevanten Anzahl von Menschen überhaupt gelesen. Und doch werden all diese Bücher eben hergestellt, aufbewahrt, keiner schmeißt sie so einfach weg. Sie selbst haben Wegschmeißen eben auch nicht genannt in Ihrer langen Wiederverwertungsauflistung. Sind gedruckte Bücher ökologisch und ökonomisch überhaupt noch zeitgemäß?

Bose: Nun, man hat ja gelernt, mit dem Papier sorgsamer umzugehen und nachhaltiger auch. Das sah im 19. Jahrhundert noch nicht so aus, als der erste große Bücherboom begann. Heute ist es ja auch eine Option, zu sagen, wir machen ein Buch oder wir lesen ein Buch. Es ist nicht mehr zwangsläufig so, dass jede Information, die aufbewahrt werden soll, letztlich gedruckt werden muss, damit sie uns erhalten bleibt. Insofern können wir das sehr gut entscheiden, ob wir ein Buch wollen oder ob wir eben alles Digitalitäten anvertrauen.

Bürger: Aber Bücher sind ja eben mehr als eine Masse wertlosen Papiers oder einer großen Datei. Sie haben ja vor allem auch einen ideellen Wert. Manchmal reicht es einem nicht, ein Buch einfach nur auszuleihen. Man kauft es sich, selbst, wenn man es vielleicht schon ausgeliehen gelesen hat. Man möchte es trotzdem besitzen. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welches Buch Sie für immer behalten möchten und von welchen Sie sich trennen?

Bose: Na ja, es ist schon eine emotionale Beziehung, die oft da ist. Manchmal sind das schon auch sehr zerlesene und unansehnliche Bücher, die ich aufbewahre. Es geht nicht unbedingt um Wert, sondern es ist ein Stück Erlebnis. Bücher haben ein Schicksal, und manchmal hat, gibt es – Schicksal ist vielleicht ein starkes Wort, aber eine Beziehung, die sich entwickelt hat. Und das führt dann dazu, dass man das Buch wertschätzt und sich freut, dass es da ist, und ab und an mal wieder anguckt.

Bürger: Welche drei Titel gehören zu Ihrem Schicksal?

Bose: Es gibt ein Buch, das eigentlich gar kein Buch ist. Das sind Briefe von Walter Benjamin, die der Herausgeber Gershom Scholem mal privat hat binden lassen in Jerusalem. Also die frühe Suhrkamp-Ausgabe, die ich dann von einem mir sehr lieben Professor in Bremen geschenkt bekommen habe. Das ist also was sehr Besonderes. Und es begleitet mich über viele Jahre auch, weil Walter Benjamin natürlich jemand ist, den man eigentlich mögen muss.

""Bestseller sind ein Entsorgungsproblem""

Bürger: Lassen wir es bei diesem einen Schicksalsbuch, das ja mehrere Bände hat. Eine Kollegin erzählte mir in der Vorbereitung auf unser Gespräch von jüdischen Bücherfriedhöfen, Räumen, in denen all jene Bücher aufbewahrt werden, in denen in irgendeiner Weise von Gott die Rede ist. Gibt es heute auch so etwas wie Kriterien für die Heiligkeit von Büchern? Sie haben jetzt so diese persönlichen Bezüge genannt, aber gibt es andere Kriterien, Klassiker wirft man nicht weg, den Bestseller aus dem letzten Jahr vielleicht schon?

Bose: Ja, Bestseller sind ja tatsächlich ein Entsorgungsproblem, um das mal so drastisch zu sagen. Es gibt ja unglaublich viele Bücher, die im 20. Jahrhundert gedruckt worden sind und die eben auch Antiquare nicht mehr verkaufen können. Und ich hab mit Studenten ein Projekt mal gemacht mit einem ganzen Bücherberg. Einige haben es in die Waschmaschine gesteckt und Objekte draus gemacht. Andere haben bestimmte Bilder herausgenommen. Der Umgang mit Büchern ist ja auch sehr kulturspezifisch. Also, wie Ihr Beispiel auch zeigt, und ich denke, dass in Deutschland jetzt so ein Umgang etwa mit den Klassikern doch so ist, dass man das nicht unbedingt, wie es so schön heißt, in die Tonne haut, sondern versucht, dem zumindest das drastischste Schicksal zu ersparen.

Bürger: Über den Wert des Buches denkt Günter Karl Bose in seinem neuen Essay nach am Tag der Bibliotheken, und Stoff für unser Gespräch mit dem Leiter des Leipziger Instituts für Buchkunst hier im Deutschlandradio Kultur. Herr Bose, Sie kehren ja in diesem Essay immer wieder ins 19. Jahrhundert zurück. Eine Zeit, in der das Buch zum breiten Unterhaltungsmedium geworden ist. Wie konnte sich dennoch der Ruf des Buchs als wahres Kulturgut erhalten?

Bose: Im 19. Jahrhundert lernen die Menschen ganz einfach gesagt Lesen. Am Anfang des Jahrhunderts sind es sehr wenige, ein Bruchteil der Bevölkerung, der lesen kann. Am Ende des Jahrhunderts sind es fast alle. Der Zugang zum Buch ist dennoch beschränkt, weil die meisten Menschen sich Bücher einfach nicht leisten können. Hinzu kommt, dass durch Urheberrechtsänderungen seit Mitte des Jahrhunderts Klassiker billig geworden sind. Stichwort Reclam, seit 1860 werden und sind Klassiker massenhaft verfügbar. Das führt eben dazu, dass Menschen diese Bücher lesen und ein besonderes Verhältnis dazu entwickeln.

Bürger: Ja, aber bleiben wir noch einen Moment bei dem Kulturgut. Warum hat man Bücher noch nie einfach wie Zeitungen entsorgt?

Bose: Es ist eine gewisse Scheu da, glaube ich, weil Bücher eben auch am Anfang doch selten waren, weil man sie wertschätzte. Also, ein normaler Haushalt Anfang des 19. Jahrhunderts verfügte vielleicht über zwei, drei Bücher. Das waren eben auch religiöse Bücher. Das war die Bibel, das war ein Gesangbuch, und zu diesen Büchern hatte man schon ein besonderes Verhältnis. Hinzu kommt natürlich auch, dass man Bücher nie wirklich nur als materielle Objekte gesehen hat, wie wir das jetzt in unserem Gespräch so in den Vordergrund gestellt haben, sondern es geht eben auch um Inhalte. Bücher sind ja verbunden mit Ideen, mit Literatur, mit vielen, vielen Emotionen, die man aus Büchern zieht. Und daher kommt natürlich auch dieser Respekt.

Bürger: Viele von uns haben natürlich Skrupel, Bücher wegzuwerfen, zu entsorgen, selbst, wenn sie die für uninteressant befinden. Hat diese Scheu möglicherweise auch etwas mit der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zu tun? Hat die Erinnerung an die Auslöschung von Kultur da ein Tabu geschaffen?

Bose: Ja, ganz sicher. Also das ist etwas, was ganz tief, glaube ich, ins Bewusstsein aller Menschen gedrungen ist, diese ungeheuerliche Tat, die an einem sehr zentralen Ort in Berlin stattfand, also gegenüber der Humboldt-Universität, die damals noch nicht so hieß und wesentlich getragen war ja eben von Studenten und Professoren dieser Universität. Ich glaube, dass wir gar nicht frei sind, unbefangen jetzt mit diesem Kulturgut Buch umzugehen.

""Wir brauchen immer Hardware, um das Digitale zu erreichen""

Bürger: Und doch leiden viele unter der Last der Bücher. In dieser Situation, schreiben Sie, scheint die Strategie, alle Bücher der Welt zu digitalisieren, wie eine Verheißung, dem Fluch zu entgehen, sie weiter auch in so großer Zahl aufbewahren zu müssen. Und doch begleitet Sie, wenn Sie jetzt mit einem elektronischen Gerät verreisen, auf dem Tausende von Büchern gespeichert sind, ein merkwürdiges Gefühl. Was ist das für ein Unbehagen?

Bose: Na ja, es fehlt einem ja irgendwas. Also es ist natürlich auch ein Stück Lebendigkeit, das Buch reagiert ja auf seine Benutzung. Und wir hinterlassen Spuren an den Büchern. Das Digitale ist schon etwas im Grunde Lebloses, zu dem wir keine Beziehung aufbauen können. Wir brauchen immer Hardware, um überhaupt das Digitale zu erreichen. Das Buch ist ja viel unmittelbarer und uns viel näher. Ich glaube, dass es diese Momente sind, diese Physik des Buches und die daraus resultierende Emotionalität, die unsere spezielle Beziehung ausmachen.

Bürger: Führt Ihre persönliche Befreiung von der Last der Bücher denn dazu, dass Sie trotzdem an die Zukunft des Buches glauben?

Bose: Ja, ich denke, das ist gar keine Frage. Also diese Diskussion ist eine falsche Diskussion, also zwischen E-Book und Buch – das ist so, als würde man über das Schicksal des Fahrrads reden. Aus den 30er-Jahren habe ich einen Essay gelesen von Jan Tschichold, dem berühmten Typografen, der sich über Gestaltung und Design ausließ und sagte, das Telefon, die Entwicklung des Telefons sei eigentlich an ein Ende gekommen, man müsse da keine Intelligenz mehr dran verschwenden, also irgendeine andere Form zu ersinnen. Also, darauf kann man natürlich mit Ernst Jandl nur sagen: "Werch ein Illtum".

Bürger: Der Büchermensch Günter Karl Bose über "Das Ende einer Last", so heißt sein neuer Essay, der im Wallstein-Verlag erschienen ist in der Reihe "Ästhetik des Buches". 80 Seiten kosten 19,90 Euro. Und ich danke Ihnen sehr für den Besuch, Herr Bose!

Bose: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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