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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2010

Das Business der Camorra

Roberto Saviano: "Die Schönheit und die Hölle", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 301 Seiten

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Müllberge in der Nähe von Neapel: Auch die Abfallwirtschaft ist in den Händen der Camorra. (AP)
Müllberge in der Nähe von Neapel: Auch die Abfallwirtschaft ist in den Händen der Camorra. (AP)

Gleich in seinem ersten Roman "Gomorrha" rechnete der 1979 geborene Roberto Saviano mit der italienischen Mafia ab. Seitdem steht er unter Polizeischutz. Auch in seinen Reportagen, die dieser Band versammelt, wird er nicht müde, die Zustände in Italien anzuprangern.

Als sein dokumentarischer Roman "Gomorrha" vor vier Jahren erschien, hätte sich der junge Journalist Roberto Saviano seine Zukunft zweifellos anders vorgestellt. Saviano, Jahrgang 1979, in der Camorra-Hochburg Casal di Principe aufgewachsen und Absolvent der philosophischen Fakultät von Neapel, war ein leidenschaftlicher Reporter, der nichts lieber tat, als vor Ort zu recherchieren. Er kannte die Peripherie von Neapel wie seine Westentasche, fuhr mit dem Mofa herum, verkehrte in bestimmten Bars, sprach mit Jugendlichen, ging zu Staatsanwälten und durchkämmte Prozessakten.

Mit seinem Bestseller "Gomorrha" verhalf er dem Phänomen der Camorra zu nationaler und internationaler Aufmerksamkeit. Die preisgekrönte Verfilmung von Matteo Garrone steigerte den Ruhm des Verfassers noch, und mittlerweile ist Saviano eine Ikone im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.

Der Preis, den er bezahlt, ist hoch: Schon seit Oktober 2006 steht Saviano unter Polizeischutz und lebt an wechselnden Orten. Dass er an seinen Überzeugungen festhält und trotz seiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit weiter arbeitet, zeigt ein neuer Band mit Artikeln, Reden und Reportagen, der jetzt auf Deutsch vorliegt.

"Die Schönheit und die Hölle" lautet der Titel, und in einem Vorwort zu den zwischen 2004 und 2009 entstandenen Texten verweist Saviano auf die Gefährlichkeit des Lesens. Denn es seien die Leser gewesen, die aus seinem Buch eine Waffe gemacht und einer potenten Organisation wie der Camorra mit einem Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro Angst eingejagt hätten.

Er fürchte nicht den Tod, sondern Diffamierungen und Unterstellungen. In mehreren Reportagen macht Saviano auf die Unterwanderung ganzer Wirtschaftszweige durch die Camorra aufmerksam. Die Organisation hat nämlich längst ihr Gesicht gewandelt und zählt Rechtsanwälte, unbescholtene Geschäftsleute und Politiker in ihren Reihen. Camorristische Bauunternehmen und Firmen für Müllentsorgung erreichen eine Monopolstellung, indem sie gezielt Preise unterbieten.

Hier plädiert Saviano für eine bessere Ausstattung der Antimafiabehörden, für strengere Regeln bei den Ausschreibungen und dafür, auch in den Medien den Verflechtungen von legalen und illegalen Aktivitäten nachzugehen. Denn die Clans sind die Avantgarde der Konzernführungspolitik, wie in einem besonders beeindruckenden Artikel über den erfolgreichsten Geschäftszweig der Camorra deutlich wird: Kokain.

Ein gewisses Pathos, das vor allem in den Schilderungen seines Auftritts vor dem Nobelpreis-Komitee in Stockholm und der dort gehaltenen Rede aufblitzt, ist vermutlich auf den Ausnahmezustand zurückzuführen, in dem sich der Autor befindet – schließlich setzt er sein Leben aufs Spiel.

Saviano wird nicht müde, die Zustände in Italien anzuprangern, auf die gesellschaftliche Verwahrlosung aufmerksam zu machen und die Lethargie seiner Landsleute zu beklagen, was den – nicht ohne Wiederholung auskommenden – appellativen Charakter vieler Texte erklärt. Ergänzt wird die Serie durch einige Buchkritiken und mehrere Porträts von Boxern, dem Fußballspieler Lionel Messi, dem Agenten Joe Pistone alias Donnie Brasco.

Der Band ist eher für Italienkenner, Mafiaexperten und Saviano-Verehrer gedacht als für ein allgemein interessiertes Publikum. Es sind Gebrauchstexte, weniger literarisch als "Gomorrha". Die moralische Kraft, die spürbar wird, flößt Respekt ein. Am Ende wünschte man vor allem eines: dass Saviano wieder auf seinem Mofa durch Neapel fahren könnte und uns sein Land erklärt.

Besprochen von Maike Albath

Roberto Saviano: Die Schönheit und die Hölle
Aus dem Italienischen übersetzt von Friederike Hausmann und Rita Seuß
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
301 Seiten, 19,90 Euro

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