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Interpretationen | Beitrag vom 24.01.2021

"Das Buch mit sieben Siegeln" von Franz SchmidtApokalypse im Konzertsaal

Gast: Jens Malte Fischer, Publizist; Moderation: Olaf Wilhelmer

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Der siebente Engel stößt in die Posaune und kündigt die Herrschaft Gottes an. Spanische Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert zur Offenbarung des Johannes (11,15) (imago images / Artokoloro)
Der siebente Engel stößt in die Posaune und kündigt die Herrschaft Gottes an. Spanische Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert zur Offenbarung des Johannes (11,15) (imago images / Artokoloro)

Die Offenbarung des Johannes als Oratorium: Dieser Herausforderung haben sich nur wenige Komponisten gestellt. Die wohl bedeutendste Vertonung der Apokalypse stammt von dem österreichischen Spätromantiker Franz Schmidt – "Das Buch mit sieben Siegeln".

1874 wurde Franz Schmidt geboren, im gleichen Jahr wie Gustav Holst, Charles Ives und Arnold Schönberg. Als Komponist teilt Schmidt mit seinen Altersgenossen die Stellung zwischen Romantik und Moderne, und sein monumentales Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" nach Worten aus der Offenbarung des Johannes scheint aus heutiger Sicht die weltumspannenden Musiken von Holsts "Planeten", Ives‘ Vierter Sinfonie und Schönbergs "Jakobsleiter" fortsetzen zu wollen.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Doch Schmidt war kein Komponist, der sich für stilistische Tendenzen, für musikalische Moden interessierte. Zwar wurden ihm, dem durchaus Konservativen, eine überragende Kenntnis der Musikgeschichte und zumindest ein Interesse etwa an der Musik der Schönberg-Schule bescheinigt. Sein Oratorium allerdings schrieb er in den Jahren 1935-37 in völliger Abgeschiedenheit und bereits schwer erkrankt.

1939 starb er, nachdem er die Apokalypse Österreichs hatte erleben müssen – die zweite nach dem Jahr 1918: Die Uraufführung des "Buchs mit sieben Siegeln" fand im Juni 1938 in Wien und damit bereits nach dem "Anschluss" an das Deutsche Reich statt.

Beifall von der falschen Seite

Schmidts Unglück war es, dass er Applaus aus dem nationalsozialistischen Lager erhielt und sich in den letzten Monaten seines Lebens auch noch zur Komposition eines – unvollendet gebliebenen – propagandistischen Machwerks hinreißen ließ. Ausgerechnet er, von dem keinerlei politische Stellungnahmen, geschweige denn antisemitische Ausfälle bekannt sind, hat sein nicht sehr umfangreiches Œuvre damit nachhaltig beschädigt.

Nicht Eulen nach Athen, sondern Franz Schmidt nach Wien tragen: Der griechische Dirigent Dimitri Mitropoulos (1896-1960) (imago images / Everett Collection)Nicht Eulen nach Athen, sondern Franz Schmidt nach Wien tragen: Der griechische Dirigent Dimitri Mitropoulos (1896-1960) (imago images / Everett Collection)

Die NS-Kulturpolitik "brauchte" Schmidt nicht zuletzt deswegen, weil sich dessen vier Sinfonien als Ersatz für verfemte Werke zu eignen schienen. Doch ausgerechnet der im damals ungarischen Pozsony (heute Bratislava) geborene Schmidt hatte einen alles andere als urdeutschen Hintergrund, kam vielmehr aus einer typischen Vielvölker-Familie des Habsburgerreichs, in der sich deutsche, slawische und ungarische Elemente mischten. So ist beispielsweise das "Halleluja" am Ende seines Oratoriums vom ungarischen Sprachrhythmus geprägt – so sehr es auch dem berühmten Vobild Händels verpflichtet ist.

Alle Kräfte gefordert

"Der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zur Feier des hundertfünfundzwanzigjährigen Bestehens gewidmet" ist das Oratorium, das Schmidt vor allem für den Chor der Gesellschaft – den Wiener Singverein – komponierte. Neben außerordentlich schwierigen Chorpartien birgt Schmidts "Buch mit sieben Siegeln" auch einen virtuosen Orgelpart sowie die extrem anspruchsvolle Tenorpartie des Johannes, der wie in einer Bachschen Passion durch das Werk führt und dabei fast durchgehend gefordert ist.

Als Sänger und Dirigent ein Meister der Interpretation Franz Schmidts: Peter Schreier (1935-2019) (imago images / Ulrich Hässler)Als Sänger und Dirigent ein Meister der Interpretation Franz Schmidts: Peter Schreier (1935-2019) (imago images / Ulrich Hässler)

In den frühen Jahren war es vor allem Julius Patzak, der in dieser Rolle glänzte, später wurde er durch Peter Schreier abgelöst, der sich mit Franz Schmidt auch als Dirigent beschäftigt hat. In der Basspartie "Die Stimme des Herrn" bewährte sich wiederum Robert Holl über Jahrzehnte hinweg, und auch unter den Dirigenten findet sich manch prominenter Name – von Dimitri Mitropoulos über Nikolaus Harnoncourt bis zu Franz Welser-Möst.

Gesprächspartner dieser Sendung, die wir aus dem Jahr 2016 wiederholen, ist der Münchner Theaterwissenschaftler und Publizist Jens Malte Fischer, der zuletzt mit einer großen Biografie über Karl Kraus hervorgetreten ist – auch dieser übrigens ein habsburgisches Kind des Jahrgangs 1874. Als Biograf Gustav Mahlers wiederum kennt Jens Malter Fischer Franz Schmidt noch von einer anderen Seite: Schmidt war unter Gustav Mahler Cellist im Orchester der Wiener Hofoper und empfand die Arbeit seines Chefs als ein "Erdbeben von unerhörter Intensität".

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