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Lesart | Beitrag vom 24.03.2019

Das Buch meines LebensWalter Benjamin: "Berliner Kindheit um neunzehnhundert"

Von Zafer Şenocak

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Zafer Şenocak guckt in die Kamera. Im Hintergrund sind aufgeschlagene Buchseiten in der Nahaufnahme. (Deutschlandradio/Torben Waleczek)
Zafer Şenocak ist ein Schriftsteller mit türkischen Wurzeln. (Deutschlandradio/Torben Waleczek)

Walter Benjamins Buch begleitete Zafer Şenocak bei einer wichtigen Veränderung in seinem Leben. In „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ erzählt Benjamin von seinen Erinnerungen in der Adoleszenz.

Ja, gibt es denn sowas wie ein Lebensbuch? Warum fiel mir bei dieser Frage zuerst dieses Buch ein? Auf jeden Fall ist es ein Lebensabschnittsbuch für mich. Ende 1987 hatte ich "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" von Walter Benjamin erworben und aufgehoben. Damit es mich zwei Jahre später bei meinem Umzug von München nach Berlin begleitet.

Nicht nur ein Ortswechsel stand mir damals bevor, eine Zeitenwende, die mein ganzes Schreiben beeinflusste und veränderte. Wechsel von Lyrik zu Prosa und zum erzählenden Essay, zum sinnlichen Wahrnehmen alltäglicher Adressen und Dinge.

Aufwachsen als größter Umzug

Benjamin erzählt in diesem schmalen Buch immer wieder von kleinen Umzügen, vom Aufwachsen, diesem größten und längsten Umzug im Leben. Die kurzen knappen Texte, episodenhaft, fragmentarisch und fast immer dicht. Kindheitssplitter.

Das Buch meines Lebens - alle FolgenReisen, die aus Nachbarschaften Ferne machen, Großstadt. Ich lernte dabei, wie Orte sich in Sprache auflösten, wie aus Farben Berührungen wurden. Die Sinnlichkeit eines Ortes, einer Befindlichkeit, wie sie dem Schreiber von der Erinnerung geschenkt wird.

Die Geburt einer neuen Welt

Selten ist die Geburt einer neuen Welt, die schon ein Weilchen später im Sterben lag, so genau und treffsicher beschrieben worden wie in "Berliner Kindheit um neunzehnhundert". Diese Berliner Kindheit, ein beinahe schon verlorenes Manuskript. Wen wundert es anhand der Lebensgeschichte seines Autors: Exil, Flucht, im Gebirge ein Fremder, unpassierbare Grenze, tödlich endend.

Georges Bataille, ein anderer von mir sehr geschätzter Autor, hatte 1940 das Manuskript in der Pariser Nationalbibliothek versteckt. Im schon besetzten Paris, einer Stadt, die keine Zuflucht mehr gewährte. Texte überleben: Vielleicht ist das ein Trost.

Walter Benjamin: "Berliner Kindheit um neunzehnhundert"
Suhrkamp, Berlin 2006
116 Seiten, 6 Euro

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