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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.08.2011

Das architektonische Erbe des Sozialismus

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin

Von Adolf Stock

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Blick vom Südturm am Frankfurter Tor auf die Häuser in der Karl-Marx-Allee in Berlin. (picture alliance / dpa /  Karlheinz Schindler)
Blick vom Südturm am Frankfurter Tor auf die Häuser in der Karl-Marx-Allee in Berlin. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Das sogenannte Marszalkowska-Viertel in Warschau und die Karl-Marx-Allee - ehemals Stalinallee - in Berlin gelten als städtebauliche Schlüsseldenkmale des Sozialistischen Realismus in Europa. Eine Ausstellung vergleicht nun die beiden meistbeachteten Wiederaufbauprojekte der 50er-Jahre.

Die Ausstellung ist ein kleiner Parcours, ein architektonischer Lehrpfad in Sachen Sozialistischer Realismus: Links wird mit Plänen und Fotografien die Berliner Karl-Marx-Allee, vormals Stalinallee, dokumentiert und rechts das Marszalkowska-Viertel in Warschau. Jörg Haspel von der Berliner Denkmalpflege.

"Und zwar haben wir vor zwei, drei Jahren die Beobachtung gemacht, dass das ganze Thema, dem Erbe dessen, was man als Sozialistischen Realismus bezeichnet, wieder neu zur Diskussion steht. Und das haben wir jetzt genutzt, um zu sehen, wie kann man dieses schwierige Erbe angemessen erhalten, und wie kann man es auch vermitteln und erschließen."

"Richtfest feiern, wo Trümmer waren! Die Maurer putzen im Lampenschein! Seht die glücklichen hellen Scharen: So zieht Berlin in die Neubauten ein!"

Ende 1953 war es soweit, die ersten Mieter zogen in die Stalinallee, die seit 1961 Karl-Marx-Allee heißt. Zweieinhalb Kilometer lang und 80 Meter breit, eine sozialistische Magistrale mit monumentalen Ausmaßen. Die Wohnungen hatten Parkettfußböden, eine Loggia, Müllschlucker und Gegensprechanlage. Luxus für verdiente SED-Genossen und für die glücklichen Gewinner der Aufbaulotterie. Verblasst war der Streit um die Normerhöhung, die zum Aufstand des 17. Juni 1953 geführt hatte. Die Unruhen waren auch ein erster Hinweis, dass sich die junge DDR mit den feudalen Arbeiterpalästen ökonomisch hoffnungslos übernommen hatte. Doch jetzt wurde die neue Straße gefeiert, mit neuen Wohnungen und mit neuen Verkaufsstellen der staatlichen Handelsorganisation HO. Damals berichtete ein Kollege vom Berliner Rundfunk.

"In Fleisch- und Wurstgeschäften werden unter anderem 70 verschiedene Wurstsorten angeboten, die zum Teil eigens für die Stalinallee hergestellt werden."

In Warschau begann der Wiederaufbau schon etwas früher. Gleich nach dem Krieg wurde die historische Altstadt rekonstruiert und das zerstörte gutbürgerliche Marszalkowska-Viertel nach Moskauer Vorbild geplant. Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zur Karl-Marx-Allee nicht sonderlich groß, erst bei genauer Betrachtung werden sie deutlicher. Denkmalpfleger Jörg Haspel.

"Auch in den 50er Jahren gibt es Unterschiede bei aller Ähnlichkeit des politästhetischen ideologischen Gehaltes und auch in der Machart, nämlich dass auf Warschauer Seite oder auf polnischer Seite eine stärker kunsthandwerkliche Note eine ganz starke Rolle spielt. Also, es gibt so einige Differenzierungen, die quasi unterhalb dieses gemeinsamen Begriffs des Sozialistischen Realismus zu beobachten sind."

In Berlin wurde von Anfang an über die Ostberliner Magistrale gestritten. Westberlin rümpfte die Nase, man lästerte über den Zuckerbäckerstil und klopfte in den Westbezirken den übriggebliebenen Stuck von den Fassaden. Mit dem Hansaviertel entstand ein architektonischer Gegenentwurf, mit Musterbauten von Alvar Aalto, Walter Gropius oder Pierre Vago. Heute verstehen wir die Karl-Marx-Allee eher als eine Vorform der Postmoderne, die sich erlaubt, den Formenkanon der Architekturgeschichte zu plündern.

Vielleicht hätte der DDR-Architekt Hermann Henselmann auch gern im Hansa-Viertel gebaut. Statt dessen wurden er und seine Kollegen auf den Sozialistischen Realismus verpflichtet. Henselmann hat damals gesagt: Wenn wir am Alexanderplatz sind, bauen wir wieder modern. Er sollte Recht behalten, sein Haus des Lehrers mit der seitlich versetzten Kongresshalle ist eine phantastische Mischung aus klassischer Moderne und Raumschiff Enterprise, eine Architektur, die mit dem Ostberliner Fernsehturm einen selbstbewussten Höhepunkt fand.

Die Berliner Karl-Marx-Allee steht seit 1990 unter Denkmalschutz. In den letzten Jahren wurde sie aufwändig renoviert. In Warschau ist die Situation weitaus schlechter. Das unsanierte Marszalkowska-Ensemble steht nicht unter Denkmalschutz, und die Architektur wird vor allem als historischer Rest der sozialistischen Diktatur begriffen. Architekt Winfried Brenne, dessen Büro die Ausstellung zwischen Berlin und Warschau koordiniert.

"Warschau hat eine ganz andere Dichte, hat einen anderen Hintergrund und klar, es fehlt natürlich die Wiederherstellung, also die Qualität, die diese Häuser eigentlich, wie in Berlin sich zeigt, besitzen, das steht in Warschau noch aus, dass das einfach wieder wahrgenommen wird, und mit dieser Architektursprache sich auseinandersetzen zu müssen, auch das steht in diesem Land an."

Die Berliner hingegen haben mit ihrer Karl-Marx-Allee Frieden geschlossen. Vor allem junge Leute finden sie cool und lebenswert, auch wenn der nie enden wollende Verkehr auf der vielbefahrenen Bundestraße die Wohnqualität mindert und der Einzelhandel nicht richtig floriert. So gesehen hat es Warschau besser, das Marszalkowska-Viertel ist quirliger Mittelpunkt im Herzen der Stadt.

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Eine Stadt erblüht in neuem Glanz - Ausstellung über den Wiederaufbau Warschaus
Unfertig und voller Brachflächen - Berlin wird auch in 50 Jahren nicht so "verdichtet" sein wie andere Metropolen

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