Klangkunst, vom 08.11.2013

Für Geologen ticken die Uhren anders. In ihrer Zeitrechnung vergehen gut und gern 100.000 Jahre, ehe sich ein Zeiger bewegt. Richtige Veränderungen brauchen Jahrmillionen. Unser jüngstes Erdzeitalter hat vor lächerlichen 11.000 Jahren begonnen. Da könnte man sich also entspannt zurücklehnen und die Gletscher zählen, wenn nicht eine wachsende Zahl von Unruhestiftern schon wieder eine neue Epoche ausgerufen hätte.

Ein abgestorbener Eichenbaum im Mondlicht in der Salton Sea. (picture alliance / dpa /Jim Lo Scalzo)
Ein abgestorbener Eichenbaum im Mondlicht in der Salton Sea. (picture alliance / dpa /Jim Lo Scalzo)
<p>Ihr Anführer ist der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen. Er behauptet seit 2000, das Holozän habe im 19. Jahrhundert seinen Geist aufgegeben. Menschliche Eingriffe in die Atmosphäre bis hinein in die Stratosphäre haben ihm den Garaus gemacht und das "Anthropozän" eingeläutet, das Zeitalter des Menschen. Galt der Mensch bislang als Teil der Schöpfung, der ihren Veränderungen und Entwicklungen ausgeliefert war, so steigt er in dieser Sichtweise auf zum Schöpfer selbst. Aus diesem Weltbild leitet Crutzen das Recht und sogar die Pflicht ab, in Prozesse der Biosphäre einzugreifen. Das akustische Triptychon des Klangkünstlers Werner Cee beleuchtet jene Haltungen des Menschen gegenüber dem Weltgeschehen - von der Demut zur Hybris. Musikalisch spannt Werner Cee einen Bogen von Einflüssen des Dark Metal in "Fires of the Earth" über Ambient und Folk in Dry Haze bis hin zur surrealen Soundscape in "Accidental Paradise". <br /><br />&quot;<strong>Freitag, 08.November 2013</strong>&quot;<br /><em>0.05 Uhr</em><br /><br /><div><img src="http:www.dradio.de/images/101426/landscape/" width="480" alt="Fires of the earth (Bild: Werner Cee)" border="0" /><span style="font-size: 0.8em"><p>Fires of the earth (Bild: Werner Cee)</span></div> <br /><br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="263604" text="Fires of the Earth" alternative_text="Fires of the Earth" /><br /><em>Das Anthropozän 1 </em><br />Von Werner Cee<br />Nach einem Text von Jón Steingrímsson<br /><br />Aus dem Isländischen von Keneva Kunz<br />Mit: Freddie Wadling, Stian Westerhus, Michael Wertmüller, Werner Cee<br />Produktion: SWR 2012<br />Länge: 49'46<br /><br />Am 8. Juni 1783 brach der isländische Vulkan Laki aus. An diesem Tag öffnete sich eine Spalte mit 130 Kratern, Grundwasser traf auf das aufsteigende Basaltmagma, riesige Explosionen waren die Folge. Jon Steingrimson, Pfarrer aus Sída in Südostisland, war Augenzeuge eines der größten Vulkanausbrüche der Geschichte. Er protokollierte in seinem 1784 erschienenen Text die Ereignisse, als deren Folge etwa ein Fünftel der isländischen Bevölkerung starb.<br /><br />Die Schilderungen entwickeln eine archaische Kraft, beschwören Bilder biblischer Szenerien, wirken dunkel und eindringlich wie alte Gemälde, finster und gleichzeitig schön.<br /><br />&quot;<strong>Freitag, 15.November 2013</strong>&quot;<br /><em>0.05 Uhr</em><br /><br /><div><img src="http:www.dradio.de/images/101427/landscape/" width="480" alt="Dry Haze (Bild: Werner Cee)" border="0" /><span style="font-size: 0.8em"><p>Dry Haze (Bild: Werner Cee)</span></div> <br /><br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="264337" text="Dry Haze - Das Jahr ohne Sommer" alternative_text="Dry Haze - Das Jahr ohne Sommer" /><br /><em>Das Anthropozän 2</em><br />Von Werner Cee<br />Nach Texten von Lord Byron<br />Weitere Texte: Ausschnitte aus US-Patenten; "Cloud Songs" von Juna Robin<br /><br />Mit: Rachel Unthank, Becky Unthank, Adrian McNally, Neville Tranter, Alf Terje Hana <br />Ton: Werner Cee und Martin Eichberg<br />Produktion: Deutschlandradio Kultur 2013<br />Länge: ca. 50 Minuten<br /><br />Im Jahre 1816, nach dem Ausbruch eines indonesischen Vulkans, verschleierte trockener Nebel den Himmel über weiten Teilen Europas und schirmte die Sonneneinstrahlung ab. Auch literarisch hatte die eingetrübte Atmosphäre Folgen, und inspirierte Lord Byron zu seinem berühmten Gedicht "Darkness". Heute dienen die Erfahrungen aus diesem "Jahr ohne Sommer" Vertretern des Geoengineering als Vorbild, wenn sie daran denken, die Atmosphäre mithilfe eines künstlichen Vulkanausbruchs abzukühlen.<br /><br />"Dry Haze" ist der Soundtrack zu dieser abgeschatteten Welt. <br /><br /><em>"I had a dream, which was not all a dream.<br />The bright sun was extinguish'd, and the stars<br />Did wander darkling in the eternal space,<br />Rayless, and pathless, and the icy earth<br />Swung blind and blackening in the moonless air." </em><br />(Lord Byron)<br /><br />&quot;<strong>Freitag, 22. November</strong>&quot;<br /><em>0.05 Uhr</em><br /><br /><div><img src="http:www.dradio.de/images/101428/landscape/" width="480" alt="Accidental Paradise (Bild: Werner Cee)" border="0" /><span style="font-size: 0.8em"><p>Accidental Paradise (Bild: Werner Cee)</span></div> <br /><br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="264769" text="The Accidental Paradise (Ursendung)" alternative_text="The Accidental Paradise (Ursendung)" /><br /><em>Das Anthropozän 3 </em><br />Von Werner Cee<br /><br />Produktion: SWR/DKultur 2013<br />Länge: ca. 50 Minuten<br /><br />Nach einem Dammbruch im Jahre 1905 flutete der Colorado River eine Senke in der Wüste unweit von Los Angeles – es entstand die Salton Sea, eine hybride Region, halb Paradies, halb Apokalypse, ein Ort des Anthropozän. <br /><br />Über die Jahrzehnte ist der Salzgehalt des Sees so angestiegen, dass nur eine einzige Fischart darin überleben und sich massenhaft vermehren kann. Aufgrund der Übervölkerung setzen in periodischen Abständen Fischsterben ein. Millionen Fischleiber, Knochen und Gräten bilden einen blendend weißen Strandstreifen im grellen Licht der Wüstensonne.<br /><br />"The Accidental Paradise" basiert auf Fieldrecordings, die mit herkömmlichen Mikrofonen, Kontaktmikrofonen sowie Hydrophonen erstellt wurden. Geräusche, Klangflächen, Atmosphären, Clicks und Cuts verdichten sich zu einer Komposition zwischen Dokumentation und Surrealität.<br /><br /><em><papaya:link href="http:www.wernercee.com" text="Werner Cee" title="Homepage Werner Cee" target="_blank" />, geboren 1953, ist Klangkünstler und Komponist. Er begann seine künstlerische Laufbahn mit dem Studium der Malerei, arbeitete in den 1980er-Jahren als Bildender Künstler und gleichzeitig in der experimentellen Rockmusikszene. Seit 1989 schuf er zahlreiche Klang- und Lichtinstallationen. Seit 1997 komponiert er Hörstücke für den Rundfunk. 2010 erhielt er für "Winterreise" den Prix Italia. Für Deutschlandradio Kultur produzierte er unter anderem "Wetter" (1999), "Am Anfang der See" (2009) und "Agon" (2010).</em></p>