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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.05.2015

Das alte und das neue ShanghaiMetamorphosen einer legendären Stadt

Von Markus Rimmele

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Blick auf den Huangpu Fluss und Shanghai (picture alliance / dpa / Foto: Hao Yun)
Blick auf den Huangpu Fluss und Shanghai im Oktober 2014 (picture alliance / dpa / Foto: Hao Yun)

Vor dem Zweiten Weltkrieg und der kommunistischen Ära war Shanghai ein Schmelztiegel der Kulturen und eine Handelsmetropole. Heute ist Shanghai eine durch und durch chinesische Stadt, die nicht mehr zulässt, dass sich Ausländer dort langfristig niederlassen.

Tief im Bauch der Angel 8 ist die Hölle los. Ein Pkw nach dem anderen fährt die Rampen des Autofrachters herauf, vor allem VW Santanas "made in Shanghai". Lampen werfen ein fahles Licht. Abgase machen das Atmen schwer. Die Fahrer parken auf dem Zwischendeck, springen heraus, machen Platz fürs nächste Auto. Parkabstand: eine Faustbreite. Die Beladung des Schiffes dauert keine zwei Stunden.

"Die Angel 8 fasst 1400 Autos. Sie fährt jetzt nach Tianjin in Nordchina. Das dauert zwei Tage. Das ist viel sicherer als der Transport über Land und spart Kosten. Wir verladen vier- bis sechstausend Autos am Tag an drei Ladeplätzen."

Hu Bo ist der Vizegeschäftsführer der Firma Donglei Roro. Das Unternehmen wickelt Autotransporte ab im Hafen von Shanghai-Waigaoqiao. Hu Bo stammt aus der staubigen Nordwestprovinz Shaanxi, kam 2003 nach dem Studium nach Shanghai, zusammen mit sämtlichen Mitbewohnern seines Uni-Schlafraums. Die jungen Männer wollten durchstarten in der großen Stadt, erzählt er. Es hat geklappt.

"In den vergangenen Jahren ist das Autoverladegeschäft sehr gut gelaufen. Chinas Automarkt wächst stark, ebenso der chinesische Autoexport. Chinesische Autos gehen heute in riesiger Anzahl nach Lateinamerika und Afrika: Marken wie Chery Geely und Chang'an. Die verladen wir für den Export. Dann haben wir innerchinesische Transporte wie diesen hier. Und schließlich die Importe: BMW, Volvos, Toyotas, Nissans und andere."

In Shanghai werden Schiffe beladen und entladen. Das war schon immer so. Wenn es etwas gibt, das sich durch die gesamte mehrfach gebrochene Geschichte dieser Stadt hindurchzieht, ist es das. Ohne Schiffe kein Shanghai. Ohne Hafen kein Handel mit der Welt. Ohne Handel keine Zuwanderer wie Hu Bo, die das Glück suchen. Ohne Zuwanderer keine Metropole.

Shanghais Hafen war und ist der Pulsgeber, das Herz der Stadt. Heute allerdings pumpt dieses Herz nicht mehr im Zentrum der Metropole. Es ist herausgerissen aus dem Stadtkorpus, liegt ausgelagert weit draußen. Schon die Autoverladestelle von Waigaoqiao ist 25 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Der neue, noch viel größere Tiefwasserhafen liegt sogar 90 Kilometer Luftlinie südöstlich der Stadt, draußen im Meer zwischen zwei vorgelagerten Inseln, auf aufgeschüttetem Land, zu erreichen nur mit Erlaubnis über eine 32 Kilometer lange Seebrücke. Der Yangshan-Hafen ist nach Container-Umschlag der zweitgrößte der Welt. Er ist ein globales Drehkreuz, weit weg von den Menschen, im Sommer umtost von schweren Taifunen. 60 knallrote Hafenkräne bearbeiten die festgemachten Ozeanriesen.

Der Hafen von Shanghai als "Paradies der Abenteurer"

Im Stadtzentrum ist von den großen Schiffen nichts mehr zu sehen. Shanghai ist die verkehrsreichste Hafenstadt der Welt. Doch gleichzeitig eine Stadt ohne Hafenatmosphäre. Das war einmal anders.

"Der Hafen Shanghai war ein wunderbarer Ort. Die Menschen aus dem Westen nannten ihn das Paradies der Abenteurer. Kaufleute kamen hierher und machten ein Vermögen. Viele blieben, ließen sich dauerhaft nieder. Zur Spitzenzeit erreichte die Zahl der hier lebenden Ausländer 150.000. Einige riesige Zahl. Heute gibt es in ganz China vielleicht 1.000 Ausländer, die eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung besitzen."

Der Historiker Ge Jianxiong forscht an der Shanghaier Fudan-Universität zur Shanghaier Stadtgeschichte.

Shanghais Stadtzentrum liegt nicht am Meer, noch nicht einmal am großen Jangtse-Mündungstrichter, sondern etwas zurückgesetzt am schiffbaren Huangpu - einem kurzen Nebenfluss, der unweit im Jangtse-Delta entspringt. Wer in den 30er Jahren mit einem Ozeandampfer nach Shanghai gereist ist, kam auf dem Huangpu mitten in der Stadt an, gleich an der Prachtmeile am Wasser, dem "Bund" mit seinen Banken und Hotelpalästen. Betty Grebenschikoff erinnert sich an diese Ankunft in der Stadt – in ihrem Fall allerdings weniger prächtig.

"Es war sehr heiß und feucht und laut. Ein totaler Kulturschock. Auf dem Schiff war alles sauber und wunderbar. Und dann verschlug es uns in diese sehr arme Gegend von Shanghai, laut und dreckig. Überall waren Rikschas, das hatten wir noch nie gesehen. Das war 1939."

Betty Grebenschikoff, heute Amerikanerin, war damals neun Jahre alt. Mit ihren Eltern war sie vor den Nazis aus Berlin geflohen. Die Familie war jüdisch. Sie kam in eine Stadt, die in ihrer Struktur weltweit einzigartig war. De facto gab es drei Shanghais: In der Mitte lag das "International Settlement", in dem Briten und Amerikaner das Sagen hatten. Südlich davon erstreckte sich die so genannte französische Konzession, wo Paris bestimmte. Und darum herum wucherte das chinesische Shanghai.

Der Bund, die lange Uferpromenade in Shanghai, mit den Gebäuden von Banken, Konsulaten und Hotels, die vorwiegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den europäischen Kolonialmächten errichtet worden sind, aufgenommen am 17. August 1937. Im Hintergrund mit spitzem Dach das Friedenshotel, links daneben das Zollhaus (mit Turmuhr). (picture alliance / dpa / Keystone Str IBA)Uferpromenade in Shanghai im August 1937 (picture alliance / dpa / Keystone Str IBA)

Die ausländisch beherrschten Stadtgebiete waren kein förmlicher Kolonialbesitz. Nach dem ersten Opiumkrieg 1842 hatten die westlichen Mächte dort aber Sonderrechte erzwungen. Ihnen unterlag die Verwaltung, die Gerichtsbarkeit, die Polizei. Chinas Kaiser hatte nichts zu sagen.

Die Chinesen, die auch in den Ausländerenklaven die übergroße Mehrheit bildeten, wurden in ihrem eigenen Land zu Menschen zweiter Klasse. Eine große Ungerechtigkeit. Und doch hat sich in den folgenden 100 Jahren ein faszinierendes Stadtgebilde entwickelt. Die US-Amerikanerin Tess Johnston lebt seit mehr als 30 Jahren in der Stadt. Sie hat die Geschichte des alten Shanghai erforscht und dabei Pionierarbeit geleistet.

"Die Ausländer haben auf der Sonnenseite gelebt mit billigen Dienstboten und importiertem Essen. Ein Engländer zum Beispiel, der zu Hause bescheiden in einem Vorort gewohnt hätte und mit der U-Bahn gependelt wäre: Hier konnte er sich gleich fünf Dienstboten leisten, ein Auto und einen Fahrer. Die meisten waren im Handel tätig. China war damals schon ein neuer, aufstrebender Markt. Das waren nüchterne Geschäftsleute. Die sahen die Gelegenheit und ergriffen sie."

In Shanghai war ein Vermögen zu machen - und auszugeben. Es fehlte an nichts. Die großen Kaufhäuser auf der Nanking Road boten die neueste Mode aus Paris und London. In den Kinos liefen die jüngsten Hollywood-Filme und Produktionen der Shanghaier Studios. Die Stadt war berüchtigt für ihre Bordelle, für ihre Gangster, für die Pferdewetten und die Tanzlokale, in denen amerikanische Jazzbands auftraten und russische Tanzhostessen zur Verfügung standen.

"Gala-Partys, Bälle! Sir Victor Sassoon veranstaltete jedes Jahr einen Kostümball. Wer dazu nicht eingeladen wurde, hat sich fast umgebracht. Vom Ende des 1. Weltkriegs bis 1937, als die Japaner angriffen: diese 20 Jahre waren die Glanzzeit. Es gab mehr als 200 Clubs, 500 Nachtclubs. Es gab Yacht-Partys, Jagdausflüge, alle möglichen Sportarten. Reiten, Tennis. Ein Mikrokosmos. Es war das Paris des Ostens."

Aber auch eine Stadt der Armut, in der Zehntausende unterernährt waren und an Seuchen erkrankten.

Mit Mao Zedongs Machtübernahme im Jahr 1949 hörte das alte Shanghai auf zu existieren. Fast alle Ausländer mussten die Stadt verlassen, mit dem kapitalistischen Freihandel war es vorbei. Chinesische Unternehmer flüchteten vor den Kommunisten nach Hongkong. Die politischen Kampagnen begannen. Millionen Landbewohner wurden in die Stadt umgesiedelt.

Die Kulturrevolution in den 60er- und 70er-Jahren eliminierte die gebildeten Schichten. Schulen und Universitäten waren geschlossen. Hunderttausende junge Shanghaier wurden aufs Land geschickt. Sie kamen Jahre später ohne Bildung, ohne Beruf wieder zurück.

"Shanghai hatte spätestens in den 80er-Jahren seinen Charakter gänzlich verloren ..."

...resümiert Ge Jianxiong. Die einst stolze Weltmetropole war zur proletarischen Provinz geworden. Der Bruch mit der Vergangenheit war total. Eine Kontinuität gibt es nicht.

Ein nächtlicher Flug über Shanghai. Blinkende, leuchtende, exotisch geformte Wolkenkratzer und Türme spiegeln sich im Fluss. Wie ein bunter Stein-, Licht- und Kristallgarten. Das ist Metropolis im 21. Jahrhundert.

Skyfall. Der jüngste James Bond setzt Shanghai in Szene. Nur für ein paar Minuten führt der globale Handlungsstrang des Films in Chinas Hafenmetropole. Doch in der kurzen Zeit kommt die Stadt gut weg.

Wenn Regisseure heute die Stadt der Zukunft abbilden wollen, landen sie immer öfter in Shanghai. Skyfall wurde in Shanghai-Pudong gedreht, dem seit den 90er-Jahren entstandenen Finanzviertel auf der östlichen Flussseite. Hier stehen einige der höchsten Wolkenkratzer der Welt. Der jüngste, der Shanghai Tower, erreicht 632 Meter. Pudong steht für das neue Shanghai.

Vom Beginn der 90er Jahre an erlebte die Stadt eine Totalverwandlung. Abriss, Neubau, Expansion. Hochhäuser schossen überall in die Höhe. Konsum, Verkehr, LED-Anzeigen. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich auf 25 Millionen Menschen. 1993 fuhr die erste U-Bahn. Heute gibt es 337 Stationen. Das Netz ist nach Kilometern schon das größte der Welt. Shanghai, die Weltstadt, eine moderne Global City. So präsentiert sie sich. Doch stimmt das Bild?

Ein Samstag auf dem Shanghaier Volksplatz. Auf dem wöchentlichen Heirats- und Kupplermarkt suchen Väter und Mütter nach einem Ehepartner für ihr Kind. Das „Kind" ist meist schon etwas in die Jahre gekommen und muss dringend unter die Haube.

"Meine Tochter macht sich keine Sorgen, aber wir. Es wird jetzt Zeit!"

Erzählt ein Vater. Seine Tochter ist 28 Jahre alt.

"Mit 30 ist es zu spät. Im Alter meiner Tochter sind doch schon keine guten Jungs mehr übrig. Hätte sie doch bloß an der Uni jemanden gefunden!"

Fährt die Mutter dazwischen.

Knallharte Marktfaktoren beim Heiraten

Hat die Tochter aber nicht. Und jetzt droht ihr in den Augen der Eltern ein grauenvolles Schicksal. Sie könnte zur Sheng Nü werden, wie sie in China heißen, zu einer Rest-Frau, zu einer Übriggebliebenen.

Deshalb kommen die Eltern in den Park, quatschen andere Eltern an, die ledige Söhne haben. Wandern an endlosen Wäscheleinen entlang. Daran hängen Hunderte von Steckbriefen der Heiratswilligen: Alter, Größe, Verdienst, besitzt Wohnung, Auto oder auch nicht.

Beim Heiraten gelten in China, auch in Shanghai, knallharte Marktfaktoren. Der wichtigste ist das Alter. Die Schallgrenze für Frauen liegt bei 27 Jahren. Danach wird's schwierig. Auch die Männer stehen unter Druck: Wer keine Eigentumswohnung vorweisen kann, findet keine Frau.
Shanghais Gesellschaft denkt konservativ. Alternative Lebensentwürfe sind selten. Die kommunistische Regierung fördert ein traditionelles konfuzianisches Gesellschaftsmodell: autoritär, patriarchalisch und dazu streng nationalistisch.

Wenig weltstädtisch ist auch der Umgang mit den Ausländern. Ja, es gibt sie wieder in der Stadt, sogar noch mehr als vor dem Krieg, rund 170.000 Menschen. Ein buntes, internationales Leben ist entstanden Doch anders als vor dem Krieg gehöre das Ausländische, das Fremde nicht mehr zur DNA Shanghais, sagt der Historiker Ge Jianxiong.

"Über 100.000 Ausländer leben in Shanghai, doch nur ganz wenige konnten eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erlangen. Die Ausländer heute - anders als vor dem Krieg - fühlen sich somit auch nicht zugehörig. Sie interessieren sich nicht für die chinesische Kultur. Sie wollen nicht Teil der Gesellschaft sein. Sie bleiben unter sich und führen ein ganz anderes Leben als die Einheimischen. Die Behörden hier werben mit dem Schlagwort 'multikulturell'. Aber das haben wir noch nicht erreicht."

Shanghai ist - anders als Hongkong - keine kosmopolitische Stadt mehr, trotz des großen Hafens. Ausländer sind nur für begrenzte Zeit geduldet, je nach Visumsdauer etwa für drei Monate oder ein Jahr. Das Visum muss immer wieder erneuert werden. Eine Immigration ist faktisch unmöglich, selbst für Menschen, die seit 20 Jahren in China leben.

Und so bleibt Shanghai langfristig eine monoethnische, monokulturelle Stadt. In den Kinos dürfen pro Jahr nur 34 ausländische Filme laufen. Zensoren durchforsten jede Kunst-Ausstellung auf politisch oder moralisch Anstößiges. Die Regierung koppelt das chinesische Internet immer mehr vom Rest der Welt ab.

Immer mehr Websites sind blockiert, von Google bis Facebook. Wer die Einparteienherrschaft der Kommunisten öffentlich kritisiert, bekommt Probleme. Gesellschaftliche Bewegungen werden von den Behörden im Keim erstickt. Und so hat das neue Shanghai bislang keinen nennenswerten Beitrag zur globalen Kultur, Politik oder Gesellschaft geleistet.

Mehr zum Thema:

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