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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.10.2011

Dankbar für die Kurzsichtigkeit

Alain de Botton: "The Pleasures and Sorrows of Work"

Rezensiert von Martin Tschechne

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Eine Mitarbeiterin eines Ausstellers positioniert Staubsauger auf einer Messe in Berlin (picture alliance / dpa)
Eine Mitarbeiterin eines Ausstellers positioniert Staubsauger auf einer Messe in Berlin (picture alliance / dpa)

"Nur pathologische Kurzsichtigkeit macht es uns möglich zu funktionieren", schreibt Alain de Botton, "sie gibt uns die Energie zu leben". Es sei gut, sich in die Arbeit und ihre Rituale zu stürzen, meint der Schweizer Philosoph.

Es geht um nichts Geringeres als um den Sinn des Lebens. Die Suche beginnt in einer Keksfabrik in Belgien, sie geht über eine Raketen-Abschussrampe in Französisch-Guyana, ein Bürohochhaus in London, sie begleitet ein Thunfisch-Steak von den Fischgründen der Malediven bis ins Kühlregal der Supermarktkette Sainsbury’s, und sie endet auf einem Friedhof für ausrangierte Passagierflugzeuge in der Wüste von Kalifornien. Und, man mag es glauben oder nicht: Sie endet mit einer Antwort. Natürlich: Solche Antworten hat es schon gegeben, bei den Philosophen, bei den Dichtern, vielleicht als unvermutetes Glück in einem Pop Song oder von einem Menschen, der eine leere Bierdose von der Straße kickt und dazu etwas sehr Profundes von sich gibt. Keine kann für sich beanspruchen, eine wirklich letzte Antwort zu sein – aber was der in London lebende Schweizer Alain de Botton vorschlägt, ist zumindest tröstlich. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen:

Man kann nicht an den Tod denken, wenn man zu arbeiten hat. Nicht, weil es ein Tabu wäre – nein, für existenzielle Fragen ist einfach kein Platz bei der Arbeit. Es liegt in ihrer Natur, dass sie ernst genommen werden will, ernster, als es ihr eigentlich zukommt. Arbeit bringt unser Gefühl für Verhältnismäßigkeit aus dem Gleichgewicht – aber genau dafür sollten wir dankbar sein. Nur so nämlich können wir uns in ihre Rituale stürzen, nur so können wir die Gedanken an unsere eigene Endlichkeit und die Endlichkeit unserer Bemühungen vor uns hindenken wie ein intellektuelles Spielchen, während wir nach Paris reisen, um dort Geschäfte mit Motorenöl zu machen. Nur pathologische Kurzsichtigkeit macht es uns möglich zu funktionieren. Sie gibt uns die Energie zu leben.

Die Methode funktioniert. Und sie hat sich bewährt: De Botton ist ein Tröster. Seine früheren Bücher "Wie Proust Ihr Leben verändern kann" und "Trost der Philosophie", haben manchen Leser staunen lassen, wie ein Mann von damals Anfang, Mitte 30, wie ein so junger Autor so gelassen und beiläufig die Dinge des Lebens an ihren Platz rückt. Liebe, Einsamkeit, das Gefühl, unbedeutend zu sein: Der Autor scheint genau zu wissen, wie sich das alles anfühlt. Das ist wichtig, denn wer Trost spenden will, der muss Mitleid empfinden können und Mitleid bedeutet auch, das Leid zu kennen:

Trauer – das war die einzig vernünftige Antwort auf die Mitteilung, dass ein Angestellter der Keksfabrik volle drei Monate darauf verwandt hatte, ein Werbekonzept für einen Supermarkt zu entwickeln, in dem Gratis-Aufkleber mit Comic-Figuren den Verkauf anstacheln sollten. Ob es auf dem Weg dem Ende zu keine wichtigeren Ziele zu erreichen gab?

Es sind die Freuden und Sorgen der Arbeit, die den Autor auf die Reise schicken. Er schaut den Menschen zu, spricht mit ihnen, hört auf das, was sie zu erzählen haben – wie ein guter Reporter. Oder wie in alten Zeiten ein Philosoph. Denn es ist Philosophentradition, nach der de Botton seine Weisheit auf dem Markt, also im Alltag sammelt: im Großraumbüro mit seinen gekünstelten Ritualen, seinen Meetings und seinen furchterregend leeren Floskeln, in der Kühlhalle für Erdbeeren aus Israel, auf der Messe für Erfinder von Haushaltsgeräten. Doch bevor den Leser das Grauen von Leere und Vergeblichkeit packen kann, tröstet wieder mal die Philosophie.

Mit stoischer Beiläufigkeit konstatiert de Botton seine Beobachtungen, mit Skepsis prüft er, was er zu erkennen glaubt, rückt die Dinge in die rechte Ordnung und gibt ihnen das Gewicht, das ihnen zukommt. Manchmal ist das mehr, als sich dem ersten Blick erschließt: Wie viel Lebenshunger steckt etwa darin, einen wegwerfbaren Feuerlöscher zu erfinden? Ist es nicht ein Abenteuer, eine Lagerhalle zu verwalten? Glücklich der Maler, der Jahre lang, im Sommer wie im Winter, denselben Baum auf einer Wiese in East Anglia malt! Und offenbar liegt eine Form von Erfüllung darin, einen Rosinenkeks zu entwickeln, bei dem jedes Detail genau in seiner Wirkung auf eine Zielgruppe kalkuliert ist. Kekse seien heute ein Teilgebiet der Psychologie, sagt de Botton – allein wegen solcher Formulierungen ist es ein Vergnügen, dieses Buch zu lesen. Und Amsterdam hat seinen Wohlstand auf Blumen und auf Rosinen begründet. Und der Sinn des Lebens ist es, sich der Illusion von Bedeutung hinzugeben:

Uns selbst als das Zentrum des Universums zu sehen, die Gegenwart als den Gipfelpunkt aller Geschichte; einem bevorstehendem Meeting erdrückende Bedeutung beizumessen, die Lektionen der Friedhöfe zu ignorieren und nur wahrzunehmen, was wir wahrnehmen wollen; den Druck der Termine zu fühlen, nach den Kollegen zu schnappen und uns durch Konferenzpläne zu rackern, auf denen steht: 11 Uhr bis 11 Uhr 15, Kaffeepause; rastlos und neidisch zu sein und sich in Kämpfe zu stürzen – vielleicht ist all dies am Ende gelebte Weisheit.

Alain de Botton: The Pleasures and Sorrows of Work
New York: Random House / Vintage International
326 Seiten, 15,95 US$

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