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Lesart | Beitrag vom 09.06.2021

Daniel Leese: "Maos langer Schatten"Chinas Phase erstaunlicher Selbstkritik

Daniel Leese im Gespräch mit Andrea Gerk

Mao Zedong auf einem kommunistischen Propagandaposter von 1966. (imago / United Archives)
Nach Maos Tod (hier ein Propagandaposter von 1966) setzte eine Phase des kritischen Rückblicks auf die Kulturrevolution ein, wie Daniel Leese aufzeigt. (imago / United Archives)

In "Maos langer Schatten" schreibt Daniel Leese über das Jahrzehnt nach dem Tod des chinesischen KP-Führers. Damals habe es für eine Diktatur erstaunlich viel Selbstkritik gegeben, so der Sinologe.

"Das Buch ist so etwas wie eine historische Tiefenbohrung", sagt der Sinologe Daniel Leese über sein Werk "Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit", das für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert ist. Es geht um die Jahre unmittelbar nach dem Tod des chinesischen Staatsgründers Mao Zedong (1893–1976).

"Daniel Leese beschreibt das Jahrzehnt nach Maos Tod als Gratwanderung zwischen juristischer Aufarbeitung, Reparation und erneuter Repression", heißt es in der Begründung für die Nominierung des Buchs. "Am Sonderfall Chinas behandelt er große, zeitlose Fragen des Umgangs mit historischer Schuld, die an Aktualität nichts verloren haben."

Beschäftigung mit den eigenen Verbrechen

Das Interessante sei für ihn gewesen, dass der Weg in die Zukunft noch sehr offen gewesen sei, sagt Leese. Es habe sehr unterschiedliche Gruppen in der Partei gegeben, die gerungen hätten. "Manche wollten zurück in die Vergangenheit, manche wollten in Richtung einer Demokratisierung, andere wollten einen sozialistischen Weg, der bislang noch nicht beschritten war." Aus heutiger Sicht müsse man sagen: "Vieles, was heute passiert, ist eigentlich eine Umkehr dessen, was damals angedacht wurde."

Ungewöhnlich war schon allein, dass sich eine Diktatur mit den eigenen Verbrechen auseinandersetzte. Manch einem mag es dabei auch um hehre Ziele gegangen sein, darum, eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, sagt Leese. "Aber natürlich stand der Machterhalt maßgeblich im Zentrum." 

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"Das Besondere an der Kulturrevolution war sicherlich auch, dass sie sich ja gegen die Partei selbst gerichtet hat und dass man also jetzt erst mal wieder eine Begründung finden musste auf die Frage: Warum sollte diese Partei weiter an der Macht sein, nach all diesen großen Opferzahlen, die sich unter ihrer Herrschaft akkumuliert hatten?"

Leese berichtet, dazu habe er eine Reihe von Dokumenten gefunden, mit internen Statistiken. "Auch Parteiführer gingen also damals davon aus, dass es über 100 Millionen politisch Verfolgte in der Kulturrevolution gab." Dutzende Millionen Todesopfer also, die es begründungsbedürftig machten, warum eine Partei danach noch einen Führungsanspruch haben soll. Zudem seien Partei und Gesellschaft in hohem Maße gespalten gewesen in unterschiedliche Gruppen.

Gerichtsakten vom Flohmarkt

Leese hat bei seiner Recherche unter anderem mit Pekinger Gerichtsakten gearbeitet, etwa einer über zwei Bürger, die nicht in das offizielle Wehklagen über Maos Tod gestimmt hatten. Sie feierten stattdessen sein Ende mit dem Satz "Lange verrotte der große Vorsitzende!" Es folgten Verhaftung und eine Verurteilung zur Todesstrafe – immerhin mit Aufschub. Nach zehn Monaten wurde das Urteil aufgehoben, die Männer wurden sogar rehabilitiert, ihnen entgangene Löhne nachgezahlt.

Daniel Leese steht vor einer Mauer. Er trägt einen Vollbart und hat ein blaues Shirt und eine blaue Jacke an. (Andreas Schneider                   )Daniel Leese lehrt Sinologie an der Universität Freiburg. (Andreas Schneider )

Der Fall sei interessant, aber sicher ein Extrembeispiel, so Leese. Die Herabwürdigung des Sozialismus habe damals schändliches Verbrechen gegolten. 

"Aber dann beginnt ein Umbruchsprozess" in der kurzen Amtszeit von Hua Guofeng, der 1976 als Nachfolger von Mao Zedong Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas wurde. Ein Mann, der heute weitgehend vergessen sei. Mit diesem Umbruch sei es zu einer Umwertung dieser alten Urteile gekommen: "Es geht um eine Entpolitisierung dieser ganz hochgradig politisierten Strafrechtskategorien und darum, einfach viel Druck vom Kessel zu nehmen, dass nicht jeder Äußerung automatisch eben gleich mit dem Strafrecht verfolgt wird", so Leese. 

Glorifizierung der Vergangenheit 

Der verbreitete Eindruck, China habe sich mit der Kulturrevolution nicht kritisch auseinandergesetzt, gelte nicht für die Jahre nach Maos Tod, mit denen sich sein Buch beschäftigte, sagt Leese. "Es beginnt dann erst Ende der 80er-Jahre, vor allem mit dem Sturz Hu Yaobangs, mehr und mehr tabuisiert zu werden. Dann wird also gesagt: So, jetzt schauen wir in die Zukunft." In den späten 1980er- und in den 1990er-Jahren sei das kritische Reden über die Kulturrevolution weitgehend unmöglich gemacht worden.

Heute, im Jahr des 100. Geburtstag der KP, spiele Geschichtspolitik eine sehr große Rolle, sagt Leese. Die Zeitungen seien voll von Jubelberichten über die großen Erfolge der Kommunistischen Partei. "Die kritische Selbstbeschäftigung mit dem Unrecht, die in meinem Buch eine zentrale Rolle spielt, wird weitgehend ausgeblendet", sagt der Sinologe.  

"Nach 1976 legitimiert sich die Partei erst einmal maßgeblich darüber, dass sie es anders machen will als die Kulturrevolution – also sie betonen den Bruch und etablieren so eine Art Nie-Wieder-Kulturrevolution-Narrativ", sagt Leese. "Das ist etwas, was jetzt ganz stark in den Hintergrund rückt: Jetzt geht es nur noch um Leistungen und die glorreiche Vergangenheit."

(mfu)

Daniel Leese: "Maos langer Schatten. Chinas Umgang mit der Vergangenheit"
C.H. Beck 2020
606 Seiten, 38 Euro

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