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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.10.2017

Daniel Kehlmann: "Tyll"Ein Tänzer und Schelm im Dreißigjährigen Krieg

Von Carsten Hueck

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Cover des Romans "Tyll" von Daniel Kehlmann. (Rowohlt/Dan Musat/unsplash)
Der neue Roman von Daniel Kehlmann (Rowohlt/Dan Musat/unsplash)

In seinem Schelmenroman "Tyll" nimmt sich Daniel Kehlmann den Dreißigjährigen Krieg vor. Das Werk rund um die Figur des Tyll Ulenspiegel ist süffig geworden und steckt voller unvergesslicher, anrührender Szenen. Ähnlichkeiten zum "Simplicissimus" sind dabei unverkennbar.

Im neuen Roman von Daniel Kehlmann ist die Erde als Jammertal über knapp fünfhundert Seiten hinweg der finstere und zugleich abwechslungsreiche Hintergrund, vor dem der Autor seine Geschichte entwickelt: Das Heilige Römische Reich deutscher Nation zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Es herrschen Hunger, Aberglaube und Gewalt.

Ein Tänzer und Schelm

"Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen", lautet der erste Satz und das kleine Wörtchen "bisher" deutet an, dass es wohl nicht mehr allzu lange dauern wird, bis auch den Bewohnern des kleinen Städtchens, die im ersten Kapitel Darbietungen eines genialen Gauklers beklatschen, der Garaus gemacht wird. Tyll Ulenspiegel heißt der Tänzer und Schelm und er ist Titelgeber dieses gelehrten wie verspielten, ungemein eindringlich, dabei scheinbar mit leichter Hand geschriebenen historischen Romans.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann (Deutschlandradio / David Kohlruss)Autor Daniel Kehlmann im Gespräch (Deutschlandradio / David Kohlruss)

"Tyll" ist süffig, berauscht und läßt einen mit einem Kater zurück. Denn am Ende sind so viele Figuren gestorben, dass man sie gar nicht mehr zählen mag und die wenigen, verstreuten Überlebenden, starke Frauen und ein beleibter Schriftsteller, trösten kaum über die Einsicht hinweg, dass im Dreißigjährigen Krieg das Sterben – sei es durch den Henker, durch Hunger oder Krankheit, Granatenbeschuß, Wolfsrudel oder Hieb-und Stichwaffen, an der Tagesordnung war. Ein Menschenleben war damals in der Regel kurz und für die meisten das einzige, was sie zu verlieren hatten.

Ein Held mit radikalem Durchhaltewillen

Daniel Kehlmann stellt den jungen Tyll vor: als Sohn eines Müllers in Bayern, schwächlich und den Schlägen des Knechts ausgesetzt. Doch hat Tyll einen starken Durchhaltewillen. Ist den Eltern nicht gestorben wie seine Geschwister, obwohl es täglich nur Grütze zu essen gibt. Er entkommt dem Tod, im eiskalten Mühlbach und im Wald, wo er nachts mutterseelenallein eine Fuhre Mehl bewachen soll.

Auf der Frankfurter Buchmesse haben wir mit Kehlmann über seinen Roman gesprochen:

"Es gibt keine Gefahr, der man nicht entkommen kann, wenn man schnelle Beine hat" – das wird sein (Über)lebensmotto. Und so macht sich Tyll auch schleunigst davon, als sein heilkundiger Vater unter der Folter gesteht, ein Hexer zu sein. Der Müller wird hingerichtet und Tyll schließt sich mit Freundin Nele einem fahrenden Sänger, dann einem Gaukler an. Der lehrt die beiden, als Vogelfreie über die Runden und durchs Leben zu kommen.

Tyll weigert sich zu sterben

Tyll, der keineswegs die einzige Hauptfigur dieses Romans ist, taucht in den folgenden Kapiteln immer wieder auf - an verschiedenen Orten, in verschiedenen Jahrzehnten. Auf dem Weg vom Kloster Andechs an den kaiserlichen Hof nach Wien gerät er in die letzte große Feldschlacht des 30jährigen Krieges.

Er begleitet den böhmischen König von Den Haag nach Mainz und als der "Winterkönig" auf dem Rückweg an der Pest stirbt, verschlägt es Tyll nach Schleswig, wo er jenen Jesuiten wieder trifft, der einst seinen Vater dem Henker überantwortet hatte. Dann ist er als Mineur vor Brünn verschüttet, doch weigert sich zu sterben, um schließlich das Angebot einer Königstochter auszuschlagen, mit ihr nach England zu ziehen.

Inspiriert von Grimmelshausens "Simplicissimus"

Kehlmanns Roman ist eine ständige Bewegung zwischen Leben und Tod quer über Schlachtfelder, niedergebrannte Städte, durch entvölkerte Landstriche. Inspiriert ist der Erzählton von Grimmelshausens "Simplicissimus", von der Vagantenlyrik des späten Mittelalters, vom Wortwitz Shakespearscher Narren vom Vanitasgefühl des Barock.

Das ist eine tolle Mischung, voll unvergeßlicher und anrührender Szenen. Die Figuren, gleichwohl aus Versatzstücken realer historischer Persönlichkeiten zusammen gesetzt, entwickeln ein überzeugendes Eigenleben. Auch, wenn sie in scheinbar ferner Zeit agieren, kommen sie uns doch seltsam vertraut vor.Und so ist dieser Roman ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie Literatur Erinnerung und Gegenwartsverständnis gleichermaßen stimulieren kann.

Daniel Kehlmann: "Tyll"
Rowohlt, 2017
473 Seiten, 22.95 Euro

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