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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.12.2017

Daniel Kehlmann: "Tyll"Ein literarisches Schelmenstück

Verschenkt von Dorothea Westphal, Literaturredakteurin

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Cover von "Tyll"  (Verlag Rowohlt)
Daniel Kehlmanns Roman "Tyll". (Verlag Rowohlt)

Daniel Kehlmanns neuer Roman "Tyll" ist ein grandioses Panorama des Dreißigjährigen Krieges. Der raffiniert gebaute Roman ist tiefgründig, grausam und doch von leichter Hand erzählt.

Worum geht es?

"Tyll" heißt der Roman von Daniel Kehlmann, den ich verschenken werde. Der spielt im Dreißigjährigen Krieg. Ein Gaukler reist darin durchs Land, balanciert auf einem Seil und spielt den Menschen mitunter böse Streiche wie die bekannte Geschichte mit den durcheinandergeworfenen Schuhen, um die sich die Menschen in einer wüsten Prügelei streiten. Tyll Ulenspiegel, der Name ist an das historische Vorbild Till Eulenspiegel angelehnt, der allerdings gut zweihundert Jahre früher lebte.

Hörprobe des Hörbuchs "Tyll" von Daniel Kehlmann:

Tyll ist der Sohn eines heilkundigen Müllers, der als Hexer verurteilt und hingerichtet wird. Er flieht daraufhin mit der Bäckerstochter aus dem Dorf und zieht fortan als Gaukler umher. Er wird Hofnarr bei dem exilierten Königspaar Elizabeth und Friedrich von Böhmen, deren Krönung die Glaubenskriege erst auslöste, taucht in verschiedenen Episoden an der Seite historischer oder erfundener Figuren auf, erlebt mit einem Schriftsteller, der ihn nach Wien an den Hof des Kaisers bringen soll, die furchtbarste der vielen Schlachten, wird verschüttet und gerettet – einfach, weil er beschlossen hat, nicht zu sterben.

Was ist das Besondere?

Mich hat begeistert, wie Daniel Kehlmann dieses Panorama des Dreißigjährigen Krieges aus verschiedenen Perspektiven mit diesem Narren quasi als Dreh- und Angelpunkt erzählt. Das ist spannend und unterhaltsam, weil er die einzelnen Episoden sehr geschickt miteinander verknüpft. Und es ist verwirrend, weil Kehlmann Dichtung und Wahrheit so kühn vermischt. Was mich besonders beeindruckt hat: Dass dieses Buch tiefgründig und komplex ist und trotzdem mit leichter Hand erzählt wird. Leid und Grausamkeiten werden selten ausführlich geschildert. Das poetische, nie voyeuristische Erzählen steht in faszinierendem Kontrast zu der grausamen Zeit, von denen man hier liest. Daniel Kehlmann hat selbst etwas von Tyll: denn mit diesem wunderbaren Buch ist ihm ein literarisches Schelmenstück gelungen.
 

Wem wollen Sie es denn schenken – und warum?

Diesen Roman schenke ich meinem Vater, weil er sich für historische Stoffe und literarische Biografien interessiert. Und weil ich denke, dass ihn dieser Tyll, überhaupt die Figur des Narren, faszinieren wird. Tyll ist hier ja in einer Umbruchszeit angesiedelt. Und ich habe mich beim Lesen gefragt, ob die Zeit nicht längst wieder reif wäre für Schelme und furchtlose Freigeister dieser Art.

Daniel Kehlmann: "Tyll"
Rowohlt, 2017 
473 Seiten, 22,95 Euro

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