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Lesart | Beitrag vom 20.03.2021

Daniel Kehlmann: "Mein Algorithmus und ich"Die menschengemachte Literatur ist nicht am Ende

Von Wiebke Porombka

Buchcover: "Mein Algorithmus und ich. Stuttgarter Zukunftsrede" von Daniel Kehlmann (Klett Cotta / Deutschlandradio)
Künstlicher Intelligenz zum Trotz: Auch bis auf weiteres kann von Menschen weiter geschrieben werden. (Klett Cotta / Deutschlandradio)

2019 folgte der Schriftsteller Daniel Kehlmann einer Einladung ins Silicon Valley, um einen Algorithmus zur Textgenerierung auszuprobieren. Seine Erkenntnisse daraus sind erwartbar.

Der Schriftsteller, so erfährt man es in dem schmalen Band "Mein Algorithmus und ich", hervorgegangen aus Kehlmanns "Stuttgarter Zukunftsrede" aus dem Februar 2021, ist neugierig auf die Begegnung von künstlerischer Existenz und künstlicher Intelligenz. Und er macht auch keinen Hehl daraus, dass er die Erklärungen dazu, wie genau ein Algorithmus funktioniert, allenfalls ein paar Minuten behalten kann.

Vereinfacht gesagt: "CTRL", so ist dieser Schreibalgorithmus – nach der Steuerungstaste auf der Tastatur – getauft, setzt Worte nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammen. Wahrscheinlich ist etwa, dass auf ein Metawort wie "ich" eine bestimmte Wendung folgt.

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Ich meine. Ich gehe. Keine Zauberei also, sondern Mathematik. Und wie man eben durchaus auch über einen Zahlenjongleur staunen kann, sind die Beispiele, die Kehlmann von seinem "Zusammenarbeit" mit CTRL überliefert, zunächst einmal recht amüsant, weil die Rechnung aufgeht. "It was a beautiful day in summer", schreibt Kehlmann und drückt die Steuerungstaste. "The sun shone brightly on the green grass and flowers of the garden, but there were no birds to sing or insects to hum", schreibt der Algorithmus.

Aus dem Maschinenraum der Gegenwart

Aber ebenso wie CTRL jeweils nach ein paar Zeilen ins Straucheln gerät und ausstottert, so wenig inspirierend und geistreich ist letztlich das, was Kehlmann aus seiner Reise in den Maschinenraum der Gegenwart mitzubringen hat. Vielleicht hätte man es schon ahnen können, als er gleich zu Anfang des Bandes eingesteht, dass er nicht umhinkomme festzustellen, dass Menschen, die im Silicon Valley arbeiten, sympathisch seien. "Sie sind klug und geistig so frei wie offen."

Es gibt keinen gefährlichen HAL

Das mag man noch als freundliche Kumpelei mit all jenen durchgehen, die doch erwarten, dass dort Trumps finstere Wahlkampfagenten die Strippen ziehen. Auch allerdings für das Fazit seiner Beschäftigung mit dem Algorithmus gibt es keinen Investigativpreis: "Wer aber mit einem Algorithmus umgeht, begreift allmählich, dass er es eben nicht mit einem Menschen im Kostüm zu tun hat, nicht mit einem netten Wall-E oder einem gefährlichen HAL."

Sondern mit etwas viel Fremderem – "einer problemlösenden Entität ohne Innenseite", stellt Kehlmann fest. Oder auch: "Aber das Erstaunlichste war vielmehr: CTRL kam mir niemals auch nur für einen Moment bewusst vor." Ob das nun wirklich so verwunderlich ist? Sei es drum. Immerhin hat uns also auch Daniel Kehlmann bestätigt: Die menschengemachte Literatur ist nicht am Ende. Es kann getrost weitergeschrieben werden.

Daniel Kehlmann: "Mein Algorithmus und ich. Stuttgarter Zukunftsrede"
Klett Cotta, Stuttgart 2021
64 Seiten, 12 Euro

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