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Buchkritik | Beitrag vom 25.03.2019

Daniel Gerlach: "Der Nahe Osten geht nicht unter"Arabische Frühlingsgefühle

Von Carsten Hueck

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Auf dem Buchcover ist ein Mann zu sehen, der aus einem Mauerloch mit einem Fernglas schaut. (Körber/Abid Katib/Getty Images)
Frieden im Nahen Osten in Sicht? (Körber/Abid Katib/Getty Images)

In 14 Aufsätzen erklärt der Nahost-Experte Daniel Gerlach, warum es um die Lage der arabischen Staaten besser bestellt ist, als viele glauben. Darin findet unser Kritiker neue Perspektiven, die dennoch nichts beschönigen.

Ist das Glas halbvoll oder halbleer? Gerade in der Berichterstattung über den Nahen Osten gibt es die Tendenz, eher das in den Blick zu nehmen, was wenig Anlass zu Hoffnung gibt. So entsteht aus einzelnen Bildern oft ein eher desaströser Gesamteindruck, der, so der Journalist und Chefredakteur des Magazins "Zenith", Daniel Gerlach, keineswegs realistisch ist.

14 Aufsätze für den Nahen Osten

Dem entgegenzuarbeiten hat sich der Historiker und Orientalist auch mit seinem neuen Buch vorgenommen. Seit mehr als zehn Jahren publiziert er regelmäßig in unterschiedlichen Medien, ist in den Ländern des Nahen Ostens unterwegs, hat einen gemeinnützigen Think Tank gegründet und hält seine Vorträge auch an den Universitäten Princeton und Yale.

"Der Nahe Osten geht nicht unter" ist in vierzehn Kapitel unterteilt. Sie lassen sich jeweils als Einzelaufsätze lesen und veranschaulichen in der Summe, mit einem gewinnbringenden Blick über die Tagesaktualität hinaus, viele Hintergründe: zum schiitisch-sunnitischen Konflikt, zum arabischen Nationalismus, zum türkischen Machtstreben, zu den Verhältnissen im Irak oder Syrien. Alle aber vermeiden es, den Nahen Osten ausschließlich als Krisenherd und Pulverfass zu betrachten oder die dortigen Player schwarz-weiß zu zeichnen.

Gerlachs Buch zeichnet fundiertes Wissen sowie die Fähigkeit zu undogmatischer Reflexion und Differenzierung aus. Und es ist zupackend, engagiert und verständlich geschrieben.

Der Arabische Frühling ist nicht gescheitert

Der Autor setzt voraus, dass der Arabische Frühling nicht gescheitert ist. Er betrachtet ihn als Auslöser epochaler Entwicklungen, die nach seinem Dafürhalten noch im Gange und nicht, wie es das vielfach gebrauchte Bild vom "Arabischen Winter" nahelegt, zum Stillstand gekommen sind. Vielfach lenkt er den Blick auf die arabische Zivilgesellschaft, die anders als in Europa zu definieren ist, nach den Erfahrungen von 2011 aber durchaus Potenzial hat, als Hoffnungsträger angesehen zu werden.

Gerlach beschreibt, dass es immer schon Organisationen in Form von Stämmen, Handwerksgilden, Bruderschaften oder Geistlichkeit gegeben habe, die in der Lage sind, autoritären arabischen Regierungen etwas entgegenzusetzen.

So porträtiert er in einem Kapitel den "Rat der syrischen Charta", einen Zusammenschluss von Vertretern des religiösen Establishments verschiedener Konfessionen, angesehener syrischer Familien, aber auch von Beduinenstämmen, Kurden und Oppositionellen. Sie haben einen neuen Gesellschaftsvertrag für ihr Land ausgearbeitet.

Diese "Tafelrunde" erscheint Gerlach vorbildlich in ihrem Versuch, die "vier Geißeln der arabischen Welt" zu besiegen: Despotismus, Sektarismus, religiöser Extremismus, ökonomische Perspektivlosigkeit.

Auch dieser Problemfelder nimmt sich der Autor ausführlich an. Er beschönigt nicht die Konflikte und bescheinigt den derzeitigen arabischen Regierungen Unfähigkeit und Desinteresse, ihre Politik zu ändern. Aber seine Bestandsaufnahme ist nicht abschließend, er zeigt neue Perspektiven und Spielräume, die auch die Europäer nutzen könnten.

Daniel Gerlach: "Der Nahe Osten geht nicht unter"
Hamburg, Edition Körber 2019
312 Seiten, 18 Euro

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