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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.01.2012

Dandy und großer Frauenmaler

Aschaffenburg plant Museum für den neusachlichen Maler Christian Schad

Von Dirk Fuhrig

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Die Witwe des Malers Christian Schad, Bettina Schad, steht neben einem Schad-Gemälde. (picture alliance / dpa / Frank Mächler)
Die Witwe des Malers Christian Schad, Bettina Schad, steht neben einem Schad-Gemälde. (picture alliance / dpa / Frank Mächler)

Der Maler Christian Schad gilt als einer der Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit. Sein umfangreiches Porträtwerk ist geprägt durch Präzision und leidenschaftsloses Darstellen individueller Züge. Aschaffenburg plant seit Jahrzehnten ein Schad-Museum: in diesem Jahr soll es nun Gestalt annehmen.

Christian Schad ist einer der großen Unbekannten des 20. Jahrhunderts. Der Maler der Neuen Sachlichkeit wurde im Berlin der 20er-Jahre berühmt. Dort trieb er sich als Bohémien und Lebemann im Romanischen Café herum. Und in seinen Bildern spiegelte er das mondäne, freizügige Großstadtleben, das mit den "Goldenen Zwanzigern" assoziiert wird. Zu seinen wichtigsten Werken zählt das Porträt von "Sonja", die den Typus der modernen, selbstbewussten Frau mit kurzem Haarschnitt repräsentierte. Es gehört der Berliner Nationalgalerie.

Während des Zweiten Weltkriegs verschlug es ihn in die bayerische Kleinstadt Aschaffenburg, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Sein kompletter Nachlass ging an die Stadt, die nun den Bau eines Christian-Schad-Museums plant - 30 Jahre nach dem Tod des Malers.

Bislang lagert Christian Schads Kunst im Archiv. In breiten Schubladen liegen etwa die Ergebnisse seiner Belichtungsexperimente, die so genannten "Schadografien". Zeichnungen und kleinere Ölbilder sind in Regalen verstaut. Ines Otschik von der Christian-Schad-Stiftung zieht einige davon heraus:

"Ines Otschik: Wir sind sehr froh, aus der absoluten Frühzeit Sachen zu besitzen, die er teilweise in Genf noch gemalt hat in einer Irrenanstalt. Dann besitzt die Stiftung sehr kostbare Sachen aus der kubistischen Periode. Sehr wenige existieren aus dieser Phase, und davon sind drei in unserem Besitz, da sind wir auch sehr stolz."

Wer alle Werke Christian Schads in Aschaffenburg betrachten will, und das sind mehr als 800, der muss ein wissenschaftliches Interesse nachweisen und sich im Archiv anmelden - keine besonders guten Voraussetzungen für die öffentliche Wirkung des beeindruckenden Oeuvres, das von Dada über eine expressionistische Phase bis zu den neu-sachlichen Großstadtporträts reicht, für die Schad berühmt geworden ist. Zwar sind die wichtigeren Arbeiten aus dem Nachlass in der städtischen Kunstgalerie zu sehen. Aber nun plant Aschaffenburg Großes, wie der Leiter der kommunalen Museen, Thomas Richter, erläutert:

"Der erste Bauabschnitt ist definiert bis 2013. Das ist die Erweiterung der Kunsthalle. Die wollen wir auch gebührend feiern mit einer Christian-Schad-Ausstellung. Der nächste, der zweite, wichtige, wesentliche Schritt soll das Christian-Schad-Museum sein."

Für Aschaffenburg ist es ein echter Glücksfall, dass der 1894 in Oberbayern geborene Maler die zweite Hälfte seines Lebens hier verbrachte. Die Stadt mit ihren 70.000 Einwohnern versucht seit einiger Zeit, sich mit Kultur zu profilieren. Christian Schad ist dabei einer ihrer größten Trümpfe. Thomas Richter:

"Das Museum in der Konzeption ist geplant auf ca. 600 Quadratmeter Ausstellungsfläche auf zwei Etagen, wo das Leben und Werk präsentiert werden soll. Also keine reine Kunstausstellung, sondern es soll auch gezeigt werden, wie Schad als Künstler, als Persönlichkeit, wie er sich entwickelt hat, also ein dokumentarischer Teil sein. Und ich würde sagen, dass wir etwa ein Fünftel dessen, was wir im Bestand haben, ständig in diesem Museum zeigen werden."

Dass Christian Schad an den bayerischen Untermain kam, war der Not geschuldet. Unter den Nationalsozialisten hatte er sich in die innere Emigration zurückgezogen und verdiente sein Geld als Angestellter einer Bierbrauerei in Berlin. Als sein Wohnatelier in Schöneberg 1942 bei einem Bombenangriff zerstört wurde, ergriff er die Chance, die ihm der Porträtauftrag einer wohlhabenden Familie aus Aschaffenburg bot.

Wegen seiner außergewöhnlich perfekten Maltechnik betraute ihn die Stadtverwaltung anschließend mit einer Kopie der berühmten "Stuppacher Madonna" - ein Altarbild, das der Renaissancekünstler Matthias Grünewald, der auch "Matthias von Aschaffenburg" genannt wurde, Anfang des 16. Jahrhunderts für die dortige Stiftskirche angefertigt hatte. Schad blieb also in Unterfranken, auch wenn seine Bedeutung als Künstler dort nur Eingeweihten bewusst war.

Bettina Schad: "Es war ja Aschaffenburg nicht übel zu nehmen, dass man in den ersten Jahren nicht wusste, wen man hier bei sich hatte, da es ja die übrige Welt, Kunstwelt sozusagen, ja auch erst in späteren Jahren zur Kenntnis genommen hat."

So erinnerte sich seine Ehefrau Bettina Schad kurz vor ihrem Tod im Jahr 2002.

Bettina Schad: "Übrigens möchte ich etwas zugunsten von Aschaffenburg sagen. Erstens hat es ihm in einer sehr schweren Zeit eine Zuflucht gewährt. Und außerdem war die Stadt Aschaffenburg die erste Stadt überhaupt, die für ihr Museum ein Gemälde von Christian Schad erworben hat. Das war 1950. Das war der November in Neapel. Und fünf Jahre später, also 1955, da hat man die beiden Kinder aus der Genfer Zeit erworben. Da war Aschaffenburg immer noch das einzige auf der ganzen Welt, das ein Gemälde von Christian Schad im Besitz hatte."

Umfassend wiederentdeckt wurde Christin Schads Beitrag für die Kunst des 20. Jahrhunderts erst in den 70er-Jahren durch eine große Ausstellung in Mailand. Bis zu seinem Tod im Alter von 87 wohnte der einstige Dandy und große Frauenmaler Christian Schad in einem Spessartdorf vor den Toren Aschaffenburgs. Er lebte zurückgezogen, galt als distanziert.

Ines Otschik: "Er war einfach sich seiner Größe als Künstler bewusst, und er kam sich hier sicher in der Provinz vor. Es gab natürlich Kontakte zu Künstlern, aber er hat sehr selektiv ausgewählt.

Er hat natürlich von seinem Nachruhm aus den Berliner Jahren gelebt und in dieser Welt auch gelebt ein Stück weit."

Bettina Schad, die der Maler selbst häufig malte, vermachte das Erbe ihres Mannes der Stadt Aschaffenburg mit der Auflage, dafür ein Museum einzurichten. Im Rahmen der Umgestaltung eines Teils der historischen Altstadt zu einer "Museumsmeile" wird das Projekt nun endlich in Angriff genommen.

Thomas Richter: "Wir haben in dem zukünftigen Schad-Museum diese Archivräume, die auch konsultiert werden können; das heißt, Schads Bibliothek ist ja auch in unserem Bestand, man kann an das Regal gehen und mit den Büchern arbeiten, mit denen er auch gearbeitet hat, auch in seiner ganzen Selbstbildung. Es gibt da viele Aspekte, die für ihn wichtig gewesen sind, asiatische Religion und Philosophie beispielsweise. Man kann das ja alles nachempfinden, und das soll eben auch helfen, das Werk besser zu verstehen."

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