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Frühkritik | Beitrag vom 01.06.2018

Dan Chaon: "Der Wille zum Bösen"Fundamentale Verunsicherung

Von Tobias Gohlis

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Cover von Dan Chaon "Der Wille zum Bösen" und eine Skulptur, die den Philosophen Arthur Schopenhauer darstellt (Heyne Verlag / dpa / picture alliance / Ingo Wagner)
Das Denken des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer hat den dritten Roman von Dan Chaon inspiriert. (Heyne Verlag / dpa / picture alliance / Ingo Wagner)

Ein Psychologe verirrt sich immer tiefer in Spekulationen über die Ungewissheit von Erinnerungen. Zum Schluss fürchtet er, er sei der Mörder seiner Eltern gewesen. Dan Chaons dritter Roman "Der Wille zum Bösen" ist kunstvoll und mitreißend.

Höchster Neueinstieg in der Krimibestenliste Juni ist Dan Chaons "Der Wille zum Bösen". Noch deutlicher als der deutsche Titel erinnert der englische Titel "ill will" (wörtlich: "der kranke Wille") an ein Hauptwerk der antiidealistischen Philosophie − an Arthur Schopenhauers "Die Welt als Wille und Vorstellung".

Und tatsächlich führt Schopenhauers Gedanke, der Mensch könne zwar "tun, was er wolle, aber nicht wollen, was er will", ins Zentrum von Chaons drittem Roman, der nach seinem Erscheinen 2017 in den USA als einer der wichtigsten Romane gefeiert wurde, die in diesem Jahr erschienen sind. Denn Chaons Figuren, vor allem die Hauptfigur, der Psychologe Dustin Tillman, glauben zunächst zu wissen, was sie tun. Sie verlieren aber schrittweise dieses Selbstbewusstsein, je mehr sich die Situation zuspitzt. Und das tut sie.

Dr. Dustin Tillman führt nach einigen kleineren beruflichen Niederlagen eine florierende Praxis in Cleveland Heights. Der ältere Sohn geht bereits ins College, der jüngere tut nur so und versinkt, kaum wahrgenommen vom Vater, in einer Drogenclique. Als Dustins Frau Jill an Krebs stirbt, verliert er die Person, die so etwas wie sein Kompass in der Realität war. "Wenn Jill hier wäre, wüsste ich, was real wäre und was nicht."

Ist der Serienkiller nur Einbildung?

Weiter verwirrt wird Dustin durch seinen Patienten Aquil Ozorowsky. Aquil ist Polizist im Ruhestand und verfolgt seit vielen Jahren die Spur eines nur von ihm erkannten Serienkillers, der junge Männer entführt und nach ihrem Tod in Gewässern ablegt. Aquil behauptet, Dustin besitze spezielle intuitive Fähigkeiten, die ihn bei seiner Suche unterstützen können und zieht nach und nach seinen Doktor in seine Serienkiller-Welt. Das Verhältnis zwischen Therapeut und Klient kehrt sich um und fast bis zum bösen Schluss bleibt offen, ob dieser Serienkiller trotz etlicher tot aufgefundener junger Männer Realität oder Einbildung ist.

Die wichtigste Ursache seiner mentalen Irritation lässt Dustin gar nicht an sich heran. Das ist sein adoptierter Stiefbruder Rusty, der vor fast 40 Jahren ihre Eltern umgebracht haben soll. Die Eltern und die mit ihnen zusammen lebenden Eltern ihrer Kusinen Wave und Kate waren Geschwister und bildeten eine in den 80er Jahren von Sozialhilfe und Drogen lebende Patchworkfamilie. Alle Erwachsenen wurden in einer Nacht massakriert, die oder der Mörder hinterließ Spuren, die auf den seinerzeit grassierenden Satanismus verwiesen. Fatal: Rusty wurde von seinen Adoptivgeschwistern Kate und Dustin des Mordes beschuldigt und verurteilt. Jetzt ist er, erwiesenermaßen unschuldig, nach 40 Jahren Gefängnis frei, und nimmt von Chicago aus Kontakt mit Dustins jüngerem Sohn auf. Er kreist Dustins Familie ein.

Ein unzuverlässiger Erzähler

Diese komplexe Geschichte erzählt Chaon in sehr kurzen, zwischen den Figuren und in der Zeit springenden Kapiteln. Diese splitterhafte, dennoch sehr genau eingesetzte und komponierte Erzählweise durch typographische Lücken im Text – immer dann, wenn einer, meist Dustin, den Faden verliert, nicht weiter weiß oder sich verheddert hat. Kunstvoll treibt Chaon den seit ein paar Jahren in der US-amerikanischen Spannungsliteratur in Mode gekommenen Topos des "unzuverlässigen Erzählers" auf die Spitze. Besonders Dustin, der Psychologe, verirrt sich immer tiefer in Spekulationen über seine eigene Fähigkeit zur Wahrnehmung der Realität und die Ungewissheit von Erinnerungen. Zum Schluss fürchtet er, er sei der Mörder seiner Eltern gewesen.

So verwandelt Chaon die Aufklärung eines blutigen Familiendramas kunstvoll in ein nur selten etwas langatmiges, hauptsächlich aber mitreißendes Erzählgebilde aus Wahn und Spekulation. Die zum bösen Schluss nachgereichte Aufklärung lässt, wie nicht anders zu erwarten, viele rote Fäden unverknüpft. Aber auf Aufklärung kommt es auch nicht an.

Chaons "Der Wille zum Bösen" reflektiert auf personaler Ebene die fundamentale Verunsicherung einer Gesellschaft, die zunehmend die Wahrnehmung der Realität durch Einbildungen, Gerüchte, Wahnvorstellungen und den Glauben an Fake News ersetzt.

Dan Chaon: Der Wille zum Bösen. Roman
Aus dem Amerikanischen von Kristian Lutze
Heyne, München 2018
624 Seiten, 14,99 Euro

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